Senioren erobern die Film- und Serienwelt
Die alternde Gesellschaft spiegelt sich zunehmend in Filmen und Serien wider. Die Macher versuchen, generationsspezifische Klischees zu überwinden – ganz gelingt es ihnen aber nicht.
Mit den Rentner-Klischees, die in Filmen allzu oft bedient werden, haben Serienfigur Sam Cooper und seine Freunde aus dem Seniorenheim herzlich wenig am Hut: Sie gehen nicht um neun Uhr schlafen. Sie schauen nicht aus dem Fenster, um sich über die Nachbarn aufzuregen. Und sie bezahlen Großeinkäufe im Supermarkt auch nicht mit einem Haufen Münzen. Die Hauptfiguren aus der neuen Netflix-Produktion „The Boroughs“ sind Actionhelden.
Schauspieler wie der 73-jährige Alfred Molina oder die 70-jährige Geena Davis machen in der Serie Jagd auf Monster, die den Bewohnern ihres Altersheims die Lebenskraft rauben. Die Horrorkomödie ist das neueste Werk aus der Feder von Matt und Ross Duffer, jenen US-amerikanischen Brüdern, die mit „Stranger Things“ einen der größten Fantasy-Serienhits der letzten Jahre geschaffen haben. Was „The Boroughs“ besonders macht: Die Serien-Rentner sind Helden von nebenan. Sie haben keine Superkräfte – aber ganz alltäglich sind sie auch nicht.
Senioren-Klischees in Filmen und Serien
Verena Klusmann-Weißkopf von der Universität Furtwangen begrüßt das. Die Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention hat sich auf Altersbilder spezialisiert. Aktuell sei auffällig, dass Filme und Serien Rentner stärker in den Fokus stellen. „Es ist gut zu erkennen, dass ältere Menschen nicht nur Krimis sehen wollen“, sagt Klusmann-Weißkopf.
Der Wissenschaftlerin zufolge haben in Film und Fernsehen bislang zwei Senioren-Klischees dominiert: Oft würden ältere Menschen als übermächtige und allwissende Mentoren dargestellt – wie der Magier Gandalf in „Der Herr der Ringe“ oder Dumbledore in „Harry Potter“.
Häufig würden sie aber auch zum gebrechlichen Klotz am Bein gemacht, wie der Großvater im TV-Serien-Klassiker „The Simpsons“. Vor allem die Gleichsetzung von Alter und Gebrechen habe dabei negative Auswirkungen auf vorherrschende Altersbilder. Klusmann-Weißkopf erklärt: „Wenn man Menschen in Experimenten daran erinnert, dass es das Thema Älterwerden gibt, zeigen sie anschließend schlechtere Leistungen.“
Positive Altersbilder erhöhen die Lebensdauer
Gleichzeitig profitieren diejenigen, die Altern positiver auffassen. Wer sich an agilen Figuren wie solchen aus „The Boroughs“ orientiere, lebe länger, sagt Klusmann-Weißkopf. Bis zu 13 Jahre könne das ausmachen. Das zeige der Deutsche Alterssurvey, eine bundesweite Langzeitstudie, in der Daten über die sogenannte zweite Lebenshälfte erhoben werden.
Aber auch „The Boroughs“ reproduziert Klischees. Hauptheld Sam Cooper kommt zum Beispiel nur ins Altersheim, weil seine Frau gestorben ist und sich die Kinder nicht mehr um ihn kümmern wollen. Das sei typisch, sagt Verena Klusmann-Weißkopf. Denn ältere Menschen im Film würden stets mit dem Thema Tod verbunden.
Im echten Leben jünger als seine Filmfigur: Hugh Jackman als titelgebender Antiheld in „The Death of Robin Hood“.
Ältere Figuren, jüngere Darsteller
So wie im Kinofilm „The Death of Robin Hood“, der in dieser Woche bundesweit startet. In der US-amerikanischen Independent-Produktion spielt Hugh Jackman den gealterten Titelhelden, der am Lebensabend mit seiner von Gewalt geprägten Vergangenheit hadert. Der Film verhandelt unter anderem die Frage, ob Robin Hood wirklich ein volksnaher Held war oder nur ein fälschlich glorifizierter Mörder und Bandit – eine Frage, die sich auch bei der Rückschau auf ein Leben stellen kann.
Zwar dekonstruiert der Film den Robin-Hood-Mythos – in Sachen Altersbilder ist er aber noch lange nicht klischeefrei. Laut Klusmann-Weißkopf werden ältere Menschen in Hollywood-Filmen häufig von jüngeren Darstellern gespielt. Dadurch bekommen ältere Schauspieler weniger Aufträge. So auch in „The Death of Robin Hood“. Der 57-jährige Hugh Jackman spielt einen Mann, der mindestens zehn Jahre älter ist. Und der – das verrät schon der Titel – natürlich sterben muss.
Seniorinnen haben es in Film und Serie schwerer
Schließlich verweist Klusmann-Weißkopf noch auf einen Gender-Gap: Alte Menschen werden überproportional oft von Männern dargestellt. Alternde Frauen seien in Film und Fernsehen dagegen weitestgehend unsichtbar. Und die wenigen Ausnahmen würden häufig überperformende Best-Ager zeigen. Aktuelles Beispiel: Fashion-Queen Miranda Priestly in „Der Teufel trägt Prada 2“, gespielt von der 76-jährigen Meryl Streep.
Auch eine neue Untersuchung der britischen Anti-Altersdiskriminierungs-Kampagne „Age Without Limits“ verweist auf dieses Problem. Sie hat die 100 erfolgreichsten Filme der letzten drei Jahre im Vereinigten Königreich analysiert. Das Ergebnis: Schauspieler mit dem Namen Chris – also Actionhelden wie Chris Pine, Chris Pratt oder Chris Hemsworth – sowie sprechende Tiere waren deutlich häufiger zu sehen als Frauen über 60.
