Selbsttest: Mit selbstfahrendem Taxi durch Los Angeles

Wir sehen ein Gespenst. Es sitzt neben uns und bringt uns sicher ans Ziel, kurbelt souverän am Lenkrad, bremst immer rechtzeitig ab und erschreckt niemals Fußgänger auf dem Zebrastreifen. Unser Gespenst, das uns an die albernen Filme mit unsichtbaren Menschen aus unseren Jugendtagen erinnert, steuert einen Waymo durch Los Angeles, ein fahrerloses, voll automatisiertes Taxi von Google auf der Basis eines Jaguar-Elektroautos.
Es wurde für 150.000 Dollar mit einem Laserscanner auf dem Dach zur Entfernungsmessung und rotierenden Kameras an allen vier Fahrzeugecken hochgerüstet, damit es sich pausenlos selbstlernend eine 3D-Karte seiner Umgebung erstellt.
Welcher Fahrer hat hier alles unter Kontrolle?
Wie einen Uber haben wir es bestellt, entriegeln mit dem Mobiltelefon die Tür, werden von einer freundlichen Frauenstimme mit Namen begrüßt und gebeten, uns anzuschnallen und ja nichts anzufassen, schon gar nicht das Lenkrad oder die Pedale. „Der Fahrer hat alles permanent unter Kontrolle“, lesen wir auf dem Lenkrad, während uns Lounge-Musik zusätzlich besänftigt – bei gegenteiliger Stimmung könnten wir auch mittels eines Displays Party machen und uns fragen, von welchem Fahrer eigentlich die Rede ist.
Dann drücken wir an der Mittelkonsole auf Start, und los geht es. Unser Gespenst fährt vorsichtig und dennoch forsch, saust mit Karacho über schlafende Polizisten, vermeidet aber jede Ruppigkeit, neigt in seinem Fahrstil grundsätzlich zum sanftmütigen Gleiten, trödelt keine Sekunde an grünen Ampeln und sucht dann sorgfältig einen geeigneten Platz aus, um uns aussteigen zu lassen. Die freundliche Frau fragt uns äußerst zuvorkommend, ob wir nichts vergessen haben, Schlüssel oder Handy, und wünscht uns dann einen schönen Tag.
Schöne neue Welt? Beim Aussteigen laufen wir einem redseligen Polizisten in die Arme, der gleich loslegt: Für Frauen seien die Dinger ideal, weil es bei Uber oder Lyft immer wieder zu sexuellen Übergriffen komme, aber für seine tägliche Arbeit bedeuteten die Waymos nichts Gutes. Sie verursachten zwar nie Unfälle, seien aber alles andere als perfekt, hätten Probleme mit Blaulicht, und als neulich ein Lastwagen einen Hydranten umgefahren habe, sei der Waymo wie ein störrischer Esel stehen geblieben, obwohl das Wasser nur knöcheltief auf der Straße gestanden habe.
Wir rechnen dem Polizisten die Vorteile vor: kein schlecht gelaunter Fahrer, keine Körperausdünstungen, keine Flüche, keine Schreckmomente, kein Konversationszwang, und Trinkgelder nehmen Gespenster prinzipiell nicht. Ist das nicht der humanere Idealzustand? Der Polizist schwankt zwischen Skepsis und Zustimmung.
Könnte das Leben nicht wunderbar unkompliziert sein, wenn alles automatisiert wäre, wenn alle garstigen Kellner, Verkäufer, Rezeptionisten verschwänden? Wäre eine Welt ganz ohne Menschen nicht die beste? Sind wir am Ende die Plage des Planeten? Der Polizist nickt schweigsam. Und brauchen wir wirklich Filme wie Jim Jarmuschs „Night on Earth“? Jetzt kommen wir ins Grübeln. Nächstes Mal lassen wir uns vielleicht doch von Winona Ryder durch Los Angeles chauffieren.
