SC Feiburg verliert Europa-League-Finale gegen Aston Villa


Sechsundzwanzig Stunden vor dem Anpfiff betritt Julian Schuster das erste Mal den Rasen des Besiktas-Stadions. Der Freiburger Trainer trägt einen Jogginganzug und eine schwarze Kappe, in der Mitte ein Nike-Zeichen. Schuster zieht diese Kappe den ganzen Abend nicht ab. Er hat sie die gesamte Europapokalsaison getragen.

Eine Gruppe junger Frauen fragt ihn nach dem Abschlusstraining, ob sie die Kappe haben könnten. Ein Tag ist noch Zeit bis zum Spiel. Nein, sorry, leider nicht, antwortet Schuster: „Die Kappe hilft mir zu gewinnen.“

Julian Schuster und die Kappe am Vorabend des Finals.
Julian Schuster und die Kappe am Vorabend des Finals.Reuters

Als das Europapokalfinale endlich angepfiffen wird, trägt der SC-Trainer seine braunen Haare zur Seite gelegt. Eine Kappe hat er nicht an. Sein Sportclub wird dieses Spiel 0:3 verlieren. Er wird chancenlos sein. Die Kappe und die Siege, das ist wie jeder Aberglaube ein Scheinzusammenhang – eine Erzählung, die nur fiktiv funktioniert. Aber was, wenn Schuster sie doch angezogen hätte? Was, wenn er die Knigge eines großen Spiels missachtet hätte?

Hätte seine Mannschaft dann mit jeder Faser ihres Körpers, vor allem aber mit jeder Synapse ihres Hirns verteidigt? Hätte Nicolas Höfler den Ball nach einer Viertelstunde ins Tor und nicht rechts vorbei geschossen? Wir werden es nie erfahren. Die Freiburger verlieren das erste internationale Endspiel ihrer Geschichte. Sie vergeben eine einmalige Chance.

Emery ist der Mann mit der Fernbedienung

Nicht so Aston Villa. 44 Jahre, nachdem ihre Mannschaft in weißen Trikots den Landesmeistertitel gegen ein rotgekleidetes Bayern München gewann, siegt ihr Team in weiß gegen die roten Freiburger. Aus dem Aberglauben ist ein Zusammenhang geworden. Tausende Engländer flogen auf den Tribünen übereinander her, als der Schiedsrichter die Partie abpfiff.

Das erste Mal, das Villas Fans nicht nur glaubten, sondern wussten, war in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit von Istanbul. Sie sahen auf der rechten Seite ihren Kapitän John McGinn. Der Schotte schob sein Bein nach links, um nicht im Abseits zu stehen. Er zeigte vor seine Füße. Sein Mitspieler spielte ihm endlich den Ball zu, drei Sekunden, nachdem das halbe Stadion den Passweg gesehen hatte. McGinn drehte sich. Sein Gegenüber Vincenzo Grifo ging in die Knie, bereit zu verteidigen. Grifo schaute nach links, nach rechts, er wusste nicht wohin. Auf beiden Seiten waren Gegenspieler.

McGinn passte zu Emiliano Buendia. Der Argentinier nahm den Ball an und schoss ihn mit links ins lange Eck. Buendia hat in dieser Saison elf Tore geschossen. Dass er mit links trifft: einmalig. Wo aber waren bloß die Freiburger Verteidiger? Sie schauten sich ratlos im Strafraum an.

Der erste Titel seit 44 Jahren: Aston Villas Fans jubeln.
Der erste Titel seit 44 Jahren: Aston Villas Fans jubeln.EPA

Das war das 2:0 der Engländer, der Schiedsrichter pfiff danach zur Halbzeit. 83 Minuten lief dieses Finale wie ein Spielfilm auf normaler Geschwindigkeit, nur sieben Minuten lang spulte jemand auf doppelter Geschwindigkeit vor. Dieser Jemand, der Mann mit der Fernbedienung in der Hand, er heißt Unai Emery. Der baskische Trainer versteht den Zeitenlauf eines Fußballspiels besser als jeder andere Europa-League-Trainer.

Aston Villas Emery: „Wir alle sind gemeinsam Könige“

Zum fünften Mal gewann eines seiner Teams diesen Wettbewerb. Am Vorabend war er gefragt worden, ob er deshalb der König des Europapokals sei. Er fand das abwegig. Jetzt aber Aston Villa, davor Sevilla und Villareal – ist das die Krönung? Emery: „Wir alle sind gemeinsam Könige.“

Seine Mannschaft, elf Emery-Prinzen, taten, was ein Emery-Team tut. 40 Minuten lang hatten Trainerkollege Schuster und 37.000 andere Menschen ein ausgeglichenes Spiel gesehen. Nur ein paar Mal gefährdeten die zwei schnellen Angreifer Ollie Watkins und Morgan Rogers die Freiburger Abwehr. Die Breisgauer wähnten sich in Sicherheit, sie hatten die Fernbedienung im Blick.

Plötzlich vorgespult: Der König Unai Emery und die Krone.
Plötzlich vorgespult: Der König Unai Emery und die Krone.dpa

Dann traf Villa-Mittelfeldspieler Tielemans nach einer Eckball-Variante zur Führung. Und Villa spulte plötzlich vor. „Es ist wichtig, wie nach dem 1:0, dass du schnell wieder den Glauben an deine eigene Stärke findest“, sagte Schuster später, „denn sonst kommen sie in deinen Kopf, und dann machst du Fehler.“ Buendia schoss sieben Minuten später ins linke Eck. In diesen sieben Minuten flog den Freiburgern ihre Europapokalsaison um die Ohren, wie ein paar Stunden vorher die Kappen ihrer Fans im Bosporus-Wind.

Die Wahrheit ist: Emerys Villa hätte noch länger als sieben Minuten schnell spielen können. Die Kontrolle über das Tempo, die Kontrolle über die Köpfe – das unterscheidet eine gute von einer großen Mannschaft. Einmal trieb Villas überragender Tielemans den Ball übers Feld, im Rücken 20.000 schreiende Engländer. Die Südbadener hechelten hinterher, sie suchten vergeblich die Stopptaste.

Für viele von ihnen wird diese Reise, über die Alpen bis an den Bosporus, deshalb nicht nur eine schöne Erinnerung sein. Sie wird einmalig bleiben. Für die alte Freiburger Bande um Schusters ehemalige Mitspieler Vincenzo Grifo, Christian Günter und Nicolas Höfler etwa.

Nicht aber für andere: Der junge, talentierte Torhüter Noah Atobolu wird im Sommer wohl zu einem größeren Klub wechseln. Und Schuster? Der Trainer des Jahres 2025, der in seinem zweiten Jahr das Finale des Europapokals erreichte – er ist in den Tagen von Istanbul weiter gewachsen. Er hat den König eine Halbzeit lang gefährdet, ohne dessen Waffen zu haben. Emery fürchte sich wohl nicht, ihn bald wiederzusehen, sagte Schuster am späten Abend lächelnd. Wenn das mal kein Irrglaube ist.



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