Rechtsextremismus: Razzien gegen mutmaßliche Rechtsextremisten in zwölf Bundesländern
Hunderte Ermittler sind am frühen Morgen mit einer bundesweiten Razzia gegen junge mutmaßliche Rechtsextremisten vorgegangen. Im Fokus stehen die Gruppierungen Jung und Stark sowie Deutsche Jugend Voran. Wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mitteilte, wurden rund 50 Objekte in zwölf Bundesländern durchsucht. Dafür seien mehr als 600 Polizeikräfte des Bundes und der beteiligten Bundesländer im Einsatz.
Durchsuchungen fanden demnach in Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein statt. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft teilte mit, es gehe derzeit lediglich um Durchsuchungen. Festnahmen seien nicht geplant.
Gruppierungen rufen zu Angriffen auf politische Gegner auf
»Die Maßnahmen richten sich gegen insgesamt 36 Beschuldigte«, teilte die Ermittlungsbehörde mit. Ihnen wird die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Den meisten Betroffenen wird zudem zur Last gelegt, innerhalb der Vereinigung eine führende Rolle innegehabt zu haben – sogenannte Rädelsführerschaft. Gegen acht der Beschuldigten werde darüber hinaus wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.
Es bestehe der Verdacht, dass die Beschuldigten herausgehobene Mitglieder der rechtsextremistischen Vereinigungen Jung und Stark sowie Deutsche Jugend Voran seien, wobei letztere auch unter dem Namen Neue Deutsche Welle auftritt. Die Gruppierungen existierten seit knapp zwei Jahren und würden unter anderem »zu Gewalttaten gegen politische Gegner« aufrufen; einige der Beschuldigten sollen sich an entsprechenden Angriffen beteiligt haben. »Die Opfer wurden jeweils von mehreren Angreifern geschlagen und trugen nicht unerhebliche Verletzungen davon«, teilte die Bundesanwaltschaft mit.
»Rechtsextremismus ist die größte Gefahr, die Deutschland von innen droht«
»Militante rechtsextreme Gruppen haben Zulauf – erschütternderweise gerade auch unter jungen Menschen«, sagte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD). »Ihre Aktionen richten sich gegen alle Menschen, die sie in ihrem rechtsextremen Weltbild als Feinde identifiziert haben und zugleich gegen unsere Demokratie.«
Vor dem Hintergrund der Razzien bezeichnete die Ministerin den gewaltorientierten Rechtsextremismus als die größte Gefahr, die Deutschland von innen droht. Die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes ließen keinen Zweifel daran, dass die Bedrohung sehr ernst genommen werden müsse, sagte Hubig. Das Ausmaß der aktuellen Durchsuchungen zeige, dass es sich um eine gesamtdeutsche Bedrohung handele.
Polizei registrierte 2025 fast 1.600 rechte Gewalttaten
Seit 2024 kommt es verstärkt zu Gewalttaten von teils sehr jungen Neonazis, etwa bei Angriffen auf Pride-Paraden zum Christopher Street Day. »Die Polizeibehörden aus Bund und Ländern beobachten seit etwa Mitte vergangenen Jahres, dass in der rechten Szene neue Jugendgruppen in Erscheinung getreten sind, die sich zunächst im virtuellen Raum gegründet haben«, teilte das Bundeskriminalamt mit. Diese träten inzwischen vermehrt durch Veranstaltungen, Störaktionen und Straftaten in Erscheinung.
Die größte dieser Gruppen war dem Bundeskriminalamt zufolge Jung und Stark mit einer Anhängerzahl im mittleren dreistelligen Bereich.
Auch die Gruppe Deutsche Jugend Voran steht im Fokus der Ermittler.
Schätzungsweise mehr als einhundert Menschen fühlen sich dieser Gruppe demnach zugehörig. Weitere relevante Vereinigungen seien Der Störtrupp sowie die sogenannte Letzte Verteidigungswelle. Mutmaßliche Angehörige der Letzten
Verteidigungswelle stehen derzeit in Hamburg wegen mehrerer Gewalttaten vor
Gericht.
Im vergangenen Jahr hat die Polizei in Deutschland so viele rechts motivierte Gewalttaten
registriert wie seit 2016 nicht mehr. Nach Angaben der Bundesregierung haben
die Bundesländer dem Bundeskriminalamt für 2025 insgesamt 1.598
solcher Taten gemeldet. In den meisten Fällen handelte es sich um
Körperverletzung oder gefährliche Körperverletzung.
