Promigeil! Wenn Hotels den Stars und Sternchen nachlaufen
Rath checkt ein
Promigeil! Wenn Hotels den Stars und Sternchen nachlaufen
Einst schmückten sich Nobelherbergen mit prominenten Namen, wenn diese das Zeitliche gesegnet hatten. Heute inszeniert sich manches Haus als „celebrity hub“. Für Carsten K. Rath hat das mit Luxus nichts zu tun
Carsten K. Rath hat zahlreiche Grandhotels geführt. Er ist Gründer des Hotel-Rankings „Die 101 besten Hotels“, das auch als Buch in Kooperation mit Capital erscheint. Hotels, über die er für Capital schreibt, bereist Rath auf eigene Rechnung.
Früher war Prominenz in einem Hotel kein Spektakel, schon gar nicht sozialmedial. Sie war das stille Nebenprodukt von Stand und Klasse. In den großen europäischen Häusern gingen berühmte Persönlichkeiten aus Adel, Politik, Kunst und Kultur ein und aus, ohne Blitzlichtgewitter oder Selfies. Im Ritz Paris etwa, im Claridge’s in London, im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten, im Breidenbacher Hof in Düsseldorf oder im Hotel Sacher in Wien. In den Gästelisten fanden sich Siegfried Lenz, Maria Callas, Romy Schneider, Aristoteles Onassis, Herbert von Karajan, David Rockefeller, Elizabeth Taylor und viele mehr.
Über ihre Aufenthalte wurde jedoch weitgehend der Nerzmantel des Schweigens gebreitet. Schließlich checkten die oberen Zehntausend in diesen Luxushotels mindestens ebenso gern wegen des Komforts wie wegen der gebotenen Verschwiegenheit ein. Ein Ruf, den die Direktoren – die sich als diskrete Gastgeber verstanden – leidenschaftlich pflegten und verteidigten.
Seit 1876 pflegt das Hotel Sacher in Wien seine Geschichte, die voller bekannter Namen ist – und bewahrt Diskretion © Hotel Sacher Wien
Das Versprechen von Privatsphäre
Ich kenne diese Welt gut. In meiner Zeit in der internationalen Grandhotellerie habe ich selbst oft erlebt, was es bedeutet, wenn Staatspräsidenten, Popstars oder Konzern-CEOs im Haus sind. Über keinen dieser Gäste wurde gesprochen, schon gar nicht öffentlich. Wer versucht hätte, daraus Kapital zu schlagen, hätte nicht nur seinen Beruf verfehlt, sondern auch Konsequenzen befürchten müssen.
Selbst in meinem Buch „Sex bitte nur in der Suite“ habe ich viele Details der Anekdoten zu berühmten Menschen weggelassen oder lediglich vage angedeutet. Nicht alles, was spannend ist, muss auch erzählt werden. Im Bewahren von Geheimnissen zeigt sich eine respektvolle Grundhaltung, finde ich.
Umso auffälliger ist der Gesinnungswandel, der sich heute in Teilen der Hotellerie beobachten lässt. Fast entsteht der Eindruck, dass manches Haus und seine Führung die Nähe zu Stars und Sternchen geradezu suchen und als Strategie verstehen. Sichtbarkeit scheint Substanz zu ersetzen, größtmögliche mediale Aufmerksamkeit wird zum erklärten Ziel. Oft sind es Hotels, denen es an eigener Identität und einer gewissen Strahlkraft fehlt, die sich, wo immer es geht, mit bekannten Gesichtern schmücken. Sie laden Influencer zu sich ein, TV-Promis, bieten sich als Location für Fotoproduktionen und Interviews an. Das Hotel wird zur bunten Bühne, kein halbwegs berühmter Gast bleibt unerwähnt.
Auch im Hotel Vier Jahreszeiten an der Hamburger Alster könnte man mit Stargästen hausieren gehen. Man tut es aber nicht. © Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten
Das Hotel als Boulevard-Bühne
Mitunter drängt sich in diesem Szenario der Hotelier gleich selbst mit ins Bild. In diesem Moment verliert ein Haus meinem Empfinden nach genau das, was es eigentlich auszeichnen sollte: Diskretion, Würde und Souveränität.
Ein guter Hotelier weiß um diese Balance: Er ist präsent, jedoch nie aufdringlich. Seine Aufgabe sieht er darin, anderen ihren Auftritt zu ermöglichen, und nicht darin, selbst Teil der Inszenierung zu werden. Ein eitler Hoteldirektor hingegen möchte stets Gastgeber und gleichzeitig ein Akteur der „Handlung“ sein. Er will gesehen, abgelichtet und zitiert werden. Die Selbstdarstellung überdeckt so die inhärente Qualität eines Luxushotels.
Aller Glamour ist nur geliehen
Natürlich sorgen bekannte Namen für Aufmerksamkeit, für Klicks und Likes, für wachsende Reichweite und, vielleicht auch für eine kurzfristig erhöhte Nachfrage. In gewissen neureichen Kreisen. Die entscheidende Frage aber lautet: Wen zieht man mit dem Promi-Joker an? Zahlende (Stamm-)Gäste, die ein Haus aufgrund seiner Servicequalität und Atmosphäre ansteuern, oder solche, die darauf hoffen, beim Frühstück einen Star am Nebentisch zu erspähen? Suchen sie verlässliche Klasse oder temporäre Showeffekte?
Dass es auch anders geht, beweisen einige ehrwürdige Luxushotels bis heute. Unter anderem das Hotel Sacher in Wien, wo man eine ungemein illustre Geschichte pflegt, ohne prominente Gäste in Echtzeit zu vermarkten. Oder Schloss Elmau, wo einem zwar des Öfteren bekannte Persönlichkeiten begegnen, jedoch nicht plakativ inszeniert, sondern in einem intellektuell-kulturellen Rahmen: bei Gesprächen, Konzerten, Lesungen.
Auf Schloss Elmau entspannen sich Größen aus Politik, Wirtschaft und Kultur; ganz ohne Angst vor Selfie-Jägern © Martin Kriner
Lasst die Prominenten in Ruhe!
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gut an einen Elmau-Aufenthalt mit meinem Sohn David. Beim Frühstück saß der international bekannte Fußballtrainer Thomas Tuchel in unserer Nähe. David fragte Dietmar Müller-Elmau, ob wohl ein Foto mit Tuchel möglich sei. Der Hotelier antwortete, dass Leute wie Tuchel genau deshalb nach Elmau kämen – weil man sie hier nicht störe oder bedränge. Eine klare Haltung, die in der klassischen Grandhotellerie traditionell höher gewichtet wird, vor allem in der Schweiz, als bei Luxus-Newcomern.
Mein Rat: Begegnen Sie Häusern, die allzu offensiv mit prominenten Namen werben, mit der nötigen Skepsis. Warum wird der Promifaktor so stark betont? Vielleicht, weil das eigentliche Produkt Schwächen im Service, der Küche und dem Ambiente kompensieren muss?
Wenn Gäste bloß Publikum sind
In einem guten Hotel stehen Sie als Gast im Mittelpunkt, schließlich tragen Sie das Haus in wirtschaftlicher Hinsicht. Ist man dort jedoch meist damit beschäftigt, berühmte Persönlichkeiten und Boulevard-Sternchen in Szene zu setzen, dann sind Sie bloß das Publikum.
Die große Hotellerie alter Schule wusste es besser. Sie machte aus Prominenz kein Schauspiel, sondern sicherte ihre Privatsphäre. Für sie war wahrer Luxus nicht, gesehen zu werden, sondern unbeobachtet zu bleiben. Ein wahrhaft grandioses Hotel erkennt man folglich daran, wen es schützt.
