Papst Leo: „KI muss entwaffnet werden“
Der Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) ist eine Schicksalsfrage der Menschheit. Das ist eine zentrale Mahnung von Papst Leo XIV. in seiner ersten Enzyklika.
Das Kirchenoberhaupt fordert, Entwicklungen und Entscheidungen im Bereich der KI hätten der Entwicklung der gesamten Menschheit zu dienen und nicht dem Profit einzelner und einiger weniger. Sein umfangreiches Lehr-Schreiben trägt den Titel „Magnifica humanitas“ (Die großartige Menschheit) und hat die Unterzeile „Über den Schutz des Menschen in der Zeit der Künstlichen Intelligenz“.
Das Dokument wirkt wie eine Programmatik des seit gut einem Jahr amtierenden Papstes zur Zukunft des Menschen in Zeiten von KI. Im ersten Satz, der, wie stets bei Enzykliken, dem Werk den offiziellen Titel gibt, verwendet Leo XIV. das biblische Bild des Turmbaus zu Babel. „Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“
Der Blick des Mathematikers
In den wenigen Minuten, die Leo bei der Präsentation der Enzyklika selbst spricht, sagt er wörtlich: „Die KI muss entwaffnet werden. Das Wort ist stark, ich weiß.“ Er sagt es mit der Ruhe eines Mathematikers, nicht mit dem leisen Furor, den Papst Franziskus (Pontifikat 2013-2025) vielleicht in diesen Satz gelegt hätte. Der junge Robert Prevost, der heutige Papst, studierte zunächst Mathematik und Philosophie und legte entsprechende Examina ab.
Es ist ausgesprochen ungewöhnlich, dass ein Papst persönlich eine Enzyklika vorstellt. Und erstmals fand eine solche Vorstellung mit dem Papst in der Neuen Synodenaula statt, einem Hörsaal- oder Theater-ähnlichem Bau im Vatikan.
Leo und die soziale Frage
Aber bei allem Neuen: Wie schon mit seiner Namenswahl nach der Entscheidung des Konklaves am 8. Mai 2025 stellt sich der Papst mit diesem Dokument in die Tradition des bislang wichtigsten Papstes zur sozialen Frage, Leo XIII. (Pontifikat 1878-1903). So unterzeichnete der aus den USA stammende Leo XIV. die Enzyklika am 15. Mai. Das war exakt der 135. Jahrestag der Enzyklika „Rerum novarum“ („Über die neuen Dinge“) von Leo XIII. Dieses damalige Papstwort wurde zu einem Schlüsseldokument der Kirche in Zeiten der Industrialisierung und der aufkommenden Arbeiterfrage.
Leo arbeitet ähnliche Aspekte nun für das 21. Jahrhundert und die neue KI-Welt aus. Er fragt mahnend nach der Würde des Menschen, nach Verantwortung, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit in einer zunehmend digital geprägten Welt, betont den Rang von Arbeit und sozialen Beziehungen. Letztlich sieht er die Bewahrung der Menschheit als Menschheitsaufgabe – gegen diejenigen, die nach der Macht und dem Profit der wenigen durch KI streben.
„KI zu entwaffnen“, so Leo in der Enzyklika, bedeute, sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute „nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur“ sei. „Bei diesem Wettrennen geht es um den leistungsfähigsten Algorithmus und die größte Datenbank, darum einen geopolitischen oder kommerziellen Vorsprung gegenüber allen anderen zu festigen. Entwaffnen bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen.“ Dieses „entwaffnen“ meine keinen Verzicht auf die neue Technologie. Vielmehr gehe es darum, zu verhindern, dass sie den Menschen und die Menschheit beherrsche.
„Kontrolle gehört in die Hand der Staaten“
Kräftige Kritik des Papstes richtet sich gegen die wachsende Vorherrschaft einzelner Akteure bei der Kontrolle über Plattformen und Infrastruktur, Daten und Rechenkapazitäten. Diese Kontrolle gehöre in die Hand der Staaten. Sonst bestehe die Gefahr, „dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht“.
Leo drängt auf eine gemeinsame Steuerung der KI durch den Menschen und auf eine ganzheitliche Ökologie. Und er verweist ausdrücklich (unter erkennbaren Bezügen auf Befreiungstheologien) darauf, dass „Ungerechtigkeit nicht nur aus falschen Entscheidungen einzelner Menschen entsteht, sondern auch aus Strukturen, Mechanismen sowie wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten“. Eine Entwicklung, „die den Konsum einiger erhöht, indem sie Kosten und Schäden auf andere abwälzt“, sei nicht menschlich. Menschen dürften nicht „zu Rädchen in einem System erniedrigt“ werden.
Explizite Bemerkungen Leos richten sich gegen den leichtfertigen Einsatz von KI in Kriegen. Dabei formuliert er erneut auch eine Absage an die klassische kirchliche Lehre eines „gerechten Krieges“. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Kriegen müsse „strengsten ethischen Grenzen“ unterliegen. „Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte.“
Nachdrücklich hebt Leo in der Enzyklika den Gedanken der Solidarität als grundlegendem Prinzip verantwortlichen Handels hervor und überträgt diesen Gedanken auch auf die neue KI-Welt. Es gehe nicht um den Vorteil einiger weniger, sondern um die Verantwortung auch gegenüber künftigen Generationen. Die Politik müsse dafür sorgen, dass wirtschaftlich-technologische Entwicklungen auf das Gemeinwohl ausgerichtet seien und dass sie Menschen am Rande nicht weiter ausschlössen.
Eine Mahnung aus afrikanischer Sicht
Leo bettete seine Vorstellung der Enzyklika in Redebeiträge mehrerer Experten ein. Gerade zwei von ihnen verdeutlichen, welche Perspektiven und welche großen Linien dieser Papst sieht, wohl in der Kontinuität seines Vorgängers. So thematisierte eine Theologin aus der Perspektive Afrikas die Auswirkungen von KI für ärmere Teile der Welt, die Papst Leo anspreche. Die kongolesische Ethikerin Leocadie Lushombo, die an einer Jesuiten-Hochschule im kalifornischen Berkeley forscht, warnte vor neuen Formen des Kolonialismus. Dabei zitierte sie ausdrücklich Vertreter der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. „KI kann sehr leicht kolonial sein“, sagte sie. Lushombo warnte vor „kolonialem Rohstoffraub“ und der Verletzung der Rechte indigener Kulturen.
Und durchaus sensationell war es, dass einer der führenden KI-Forscher im Vatikan mitredete. Der gebürtige Kanadier Christopher Olah (33), Mitbegründer des kalifornischen KI-Unternehmens Anthropic (und längst Milliardär), äußerte sich dankbar für die Impulse des Papstes.
Die Fragen, die die KI aufwerfe, seien größer als die Sichtweisen der Informatiker. Olah warb für die Einbindung der Geisteswissenschaften, von Ethikern. Tech-Konzerne bräuchten Kritik von außen, sie bräuchten sachkundige Kritiker, die Erinnerung an Moral, an die Armen.
