Oligarch Abramowitsch – der Kurier des Kriegsherrn im Kreml



Woran denken Sie zuerst, wenn Sie den Namen Roman Abramowitsch hören? An den Fußballklub FC Chelsea, den der Oligarch vor dem russischen Angriffskrieg besaß? Oder an die legendären Gassi-Fotos mit seinem Corgi samt Security-Entourage in Schottland?

Zugegeben, diese Bilder sind etwas älter, aber sie haben sich bei mir eingebrannt. Beinahe vergessen hingegen: Im März 2022 sollte Abramowitsch in Istanbul zwischen der Ukraine und Russland vermitteln (wie wir alle wissen, vergebens). Einer der reichsten Männer der Welt – und Kurier des Kriegsherrn im Kreml.

In diese Rolle soll der Oligarch vor Kurzem wieder geschlüpft sein. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte in einem Interview mit dem britischen Sender „Sky News“: Abramowitsch sei vergangenen Monat nach Kyjiw gereist, um ihm eine Nachricht von Putin zu überbringen.

Nach Selenskyjs Darstellung soll der Multimilliardär vorgefühlt haben, zu welchen Eingeständnissen die Ukraine bereit ist. Es soll um den Donbas gegangen sein. Die Region, die Russland zu seinem Staatsgebiet erklärt, obwohl es sie nicht vollständig erobert hat. Militärexperten sehen dafür auch in diesem Jahr schlechte Chancen.

Hat Putin den 59-Jährigen vorgeschickt, um diplomatisch zu erreichen, was militärisch nicht gelingt? Offenbar. Laut eigener Darstellung erwiderte Selenskyj: „Wir werden euch keinen Sieg schenken, auf diese Art, und ihr werdet ihn auch nicht erringen!“ Er reagierte damit wohl so, wie die meisten Ukrainer:innen, die ich kenne, reagiert hätten.

Ich reise regelmäßig ins Land und ich frage die Menschen vor Ort, was sie von „Friedensplan“ X und Vorschlag Y halten. Die Top drei Antworten:

Erstens. Gebietsabtretungen würden Russland nur zeigen, dass sich Krieg lohnt.

Zweitens. Wer sagt, dass Russland danach nicht wieder angreift? (aka „Wir brauchen kein zweites Budapester Memorandum“.)

Drittens. Die Ukrainer:innen sehnen sich nach einem ernsthaften Frieden.

Doch davon bleibt das Land weit entfernt. Ein Fünf-Punkte-Plan aus Kyjiw, Paris, Berlin und London stieß im Kreml am Montag auf Ablehnung. Der Vorschlag sieht einen Waffenstillstand an der aktuellen Frontlinie und anschließende Verhandlungen vor.

Dass Putin ablehnt, überrascht nicht. Aber zeigt auch: Der Kreml hält weiterhin am Donbas als Minimalziel seines Krieges fest, auch wenn er ihn nie ganz beherrschte.

Die 5 wichtigsten Nachrichten des Tages

  • Nato-Kampfjets schießen Drohne über Lettland ab. Kampfjets des Militärbündnisses Nato haben eine Drohne über Lettland abgeschossen. Das teilt die lettische Armee mit. Demnach soll es sich dabei um ein ausländisches Flugobjekt gehandelt haben, das infolge „russischer elektromagnetischer Kriegsführung“ in den lettischen Luftraum eingedrungen war. Nähere Angaben zur Herkunft und Art des Flugkörpers gab es zunächst nicht. 
  • Drohnentrümmer in Moldau nahe ukrainischer Grenze entdeckt. In der Republik Moldau werden nach Angaben des Verteidigungsministeriums Trümmer einer Drohne auf einem Feld unweit der ukrainischen Grenze gefunden. Überwachungssysteme hätten das Eindringen des Fluggeräts in der Nacht registriert. Die Herkunft der Trümmer werde noch untersucht, erklärt das Ministerium, verweist jedoch auf einen nächtlichen russischen Angriff in der benachbarten Ukraine.
  • EU überweist weitere Milliardenhilfen an die Ukraine. Die EU hat der Ukraine weitere Finanzhilfen in Höhe von knapp 2,8 Milliarden Euro ausgezahlt. Die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko erklärte, die Gelder sollten für die Finanzierung der wichtigsten Staatsausgaben verwendet werden – darunter für den sozialen und humanitären Bedarf.
  • Besatzungsbehörden werfen Ukraine Angriff auf Passagierzug auf der Krim vor. Der von Moskau eingesetzte Statthalter auf der Krim, Sergej Aksjonow, wirft der Ukraine vor, bei einem Angriff auf einen Passagierzug einen Lokführerassistenten getötet zu haben. Der Lokführer selbst sei verletzt worden, teilte Aksjonow auf dem Messenger Telegram mit. Der Personenzug sei auf der Strecke Moskau–Simferopol getroffen worden.
  • Ukraine meldet Angriffe auf russische Ölanlagen. Der ukrainische Generalstab meldete einen Angriff auf ein russisches Öldepot in der Schwarzmeer-Hafenstadt Noworossijsk sowie auf eine Pumpstation für Pipelines in der Region Wolgograd. An beiden Anlagen seien Brände ausgebrochen, hieß es in einer Mitteilung des Generalstabs.

Noch mehr aktuelle Nachrichten zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine finden Sie in unserem Liveblog.

Zitat des Tages

Dies ist ein Test für die Europäische Union.

Meint Wolodymyr Selenskyj damit wohl:

A.) Die Erklärung Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands, die gemeinsame Produktion von Luftabwehrsystemen hochzufahren?
B.) Die zunehmende Zahl von Drohnen, die auf EU- und Nato-Gebiet abstürzen?
C.) Den Wahlsieg von Nikol Paschinjan in Armenien?

Na? Als treue Abonent:innen dieses Newsletters werden Sie sich erinnern: Vor etwa einem Monat empfing der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan Spitzenpolitiker aus der EU in Jerewan. Auch Selenskyj war angereist – sein erster Staatsbesuch in Armenien.

Zu dieser Zeit lief der Wahlkampf in der Kaukasusrepublik gerade auf Hochtouren. Die Abstimmung galt als Test: Würde Paschinjan, der Wunschkandidat Brüssels, gewinnen? Oder sein prorussischer Kontrahent Narek Karapetjan?

Der Kreml beeinflusste die Wahl nach seinem einstudierten Playbook: Desinformation, Importverbote, Drohungen. Doch Paschinjan, ganz Pragmatiker, holte den Sieg. In Moskau dürfte das Argwohn wecken. Doch es gibt einen Haken: Paschinjan trotzt Putin, verprellen darf er ihn aber nicht.

Wieso? Die vielen Dilemmata, in denen der neue alte Mann an Armeniens Spitze steckt, habe ich hier analysiert.

Hintergrund und Analyse

Was diese Woche wichtig wird

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) stellt am Dienstag ihren Jahresbericht vor. Darin rechnet sie vor, wie viel Geld die neun Atommächte für neue Nuklearwaffen ausgegeben haben.

Der Bericht kommt zu einer Zeit, in der Regierungschefs wie Wladimir Putin Nuklearwaffen wieder als Instrument ihrer Machtpolitik nutzen. Der Kremlchef schreckt nicht einmal mehr davor zurück, die atomwaffenfähige Rakete Oreschnik gegen die Ukraine einzusetzen.

Berichten zufolge steht sie nun auch in Belarus, also an der Grenze zur Nato. Paradoxerweise könnte das Putin aber militärisch vulnerabler machen. Warum? Das hat mir Hans M. Kristensen, einer der renommiertesten Forscher zur Nuklearstrategie der USA und Russlands, erklärt.

Das ganze Interview lesen Sie hier.

…übrigens!

Falls Sie sich beim Lesen dieses Newsletters gefragt haben, wer diese neue Autorin ist – ich möchte mich zum Schluss kurz vorstellen (antizyklisch, ich weiß). Mein Name ist Maria Kotsev, ich bin Redakteurin im Ressort Internationales beim Tagesspiegel.

Meine journalistische Arbeit führte mich seit 2022 regelmäßig in die Ukraine, ins Baltikum oder nach Georgien. Und ab jetzt auch dreimal die Woche in Ihr Postfach: Ich übernehme nämlich ab heute diesen Newsletter.

Falls Sie Kritik, Anregungen oder Fragen haben, schreiben Sie mir gern, am schnellsten geht das per E-Mail.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – bis Mittwoch!



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