Münchner Hauptbahnhof: Gefährliches Gedränge am Starnberger Flügelbahnhof – Hunderte Reisende eingezwängt – München
Es ist 17:53 Uhr am Dienstag – noch fünf Minuten, bis der RB6 den Hauptbahnhof auf Gleis 32 nach Garmisch verlässt. Im Grunde genug Zeit, um vom Anfang des Gleises über den Bahnsteig bis zum richtigen Zugteil zu laufen. Das Problem: Am Anfang des Gleises ist eine Menschentraube, kein Durchkommen auf dem Starnberger Flügelbahnhof. Wer versucht, auf den Bahnsteig zu gelangen, wird in Sekundenschnelle eingekesselt. Die Menge aus Pendlern und Ausflüglern wogt hin und her, Leute fotografieren über das Chaos hinweg, filmen in der Hoffnung, die Ursache festzuhalten.
Am Tag nach den teils chaotischen Szenen am Hauptbahnhof und insbesondere dem Starnberger Flügelbahnhof versucht sich die Deutsche Bahn (DB) in Erklärungen. „Baustellenbedingt steht am Starnberger Flügelbahnhof derzeit weniger Fläche zur Verfügung als üblich“, teilt ein Sprecher der für Infrastruktur zuständigen Bahntochter DB Infrago mit.
Tatsächlich ist der Platz vor den Gleisen 27 bis 36 vor dem Flügelbahnhof, an dem primär Regionalzüge etwa aus Starnberg und dem westlichen Bayern ankommen, aufgrund der Baustelle direkt dahinter derzeit extrem beengt. Nur wenige Meter haben Pendlerinnen und Pendler zwischen dem Bauzaun und den Absperrungen vor den Prellböcken zur Verfügung. Es braucht nur wenig Fantasie, um sich auszumalen, dass diese Stelle zum Engpass werden kann, wenn sich hier viele – zu viele – Menschen auf einmal tummeln. Wie am Dienstagabend geschehen.
Es war – wie Fotos und Videoaufnahmen zeigen – ein beispielloses Gedränge. Wer etwa auf Höhe von Gleis 30 inmitten der Menge stand, hätte einfach versuchen können, beide Beine gleichzeitig vom Boden zu heben. Möglicherweise hätte ihn allein die Menschenmasse getragen. Noch anderthalb Minuten bis zur Abfahrt, mit den Unterarmen als Pflug schob man sich in Richtung Bahnsteig, immer darauf bedacht, möglichst niemanden zu schubsen oder zu treten. Am Bahnsteig lichtete sich das Chaos dann ein wenig – und mit einem kurzen, beherzten Sprint war der Zug doch noch erreicht.
Aus Sicht der DB ist aber nicht nur die momentane Baustelle am Flügelbahnhof für das Chaos verantwortlich. Hinzu kämen, so ein Sprecher, die aktuellen Stammstreckensperrungen, die deutlich mehr Fahrgäste in diesem Bereich zur Folge hätten. Pendler würden vermehrt auf die Regionalzüge ausweichen, S-Bahnen am Flügelbahnhof enden. „Dadurch kann es insbesondere dann zu sehr vollen Bahnsteigen und Rückstau kommen, wenn mehrere Züge kurz hintereinander ankommen oder sich Fahrgäste nach einem Zugausfall sammeln“, teilt der Konzern mit.


Daher seien auch entsprechende Maßnahmen ergriffen worden, heißt es von der DB Infrago: S-Bahnen wenden am Hauptbahnhof nach Möglichkeit nicht mehr am Starnberger Flügelbahnhof, sondern an den Gleisen 24 und 25 in der Haupthalle. Zudem sind mehr DB-Mitarbeiter im Einsatz, um die Reisenden zu lenken und bei der Abfertigung der Züge zu helfen. Zusätzlich werden Streifen der DB Sicherheit im Bereich des Flügelbahnhofs verstärkt eingesetzt. „Wenn sich eine erneute Überfüllung abzeichnen sollte, können dadurch einzelne Zugänge kurzfristig vorübergehend geschlossen werden“, so die Infrago.
Und die Stammstrecke muss länger gesperrt werden
Ein Problem aber bleibt der DB Infrago länger erhalten: Wegen „unerwarteter Hindernisse im Baufeld“ muss die Stammstreckensperrung zwischen Pasing und Donnersbergerbrücke bis Freitag, 29. Mai, verlängert werden. Weitere Sperrungen der Röhre unter der Münchner Innenstadt erwarten Pendler zudem im Juni. Auch dann sollen Maßnahmen wie mehr Durchsagen, die auf alternative Routen etwa mit der U5 oder der 14er-Tram hinweisen, dabei helfen, weitere chaotische Szenen zu verhindern.
Wie am Dienstag, kurz vor 19 Uhr. Wer über die eigens angelegte Baustellen-Ausweich-Route vom nördlichen Ausgang bei der Arnulfstraße naht, mitgespült vom Strom der Menschen, wird am Querbahnsteig vor den Gleisen 27 bis 36 des Starnberger Flügelbahnhofs fremdgebremst. Hier steht eine Menschenmenge, schwitzend und schimpfend. Viele Familien mit kleinen Kindern, die auf Koffern für die Ferienreise sitzen, vor die Brust geschnallt sind oder auf dem Arm von Mama und Papa in luftigerer Höhe versuchen, möglicherweise da oben frischere Luft zu schnappen. Gleich mehrere Polizisten versuchen den Fuß-Steher-Verkehr zu regeln. Nichts geht mehr an diesem Flaschenhals.
Gleichzeitig schieben von der Ausweichroute Arnulfstraße – also dem aktuell einzigen Zugang – immer neue Menschen nach. Und diejenigen, die zur selben Zeit aus Tutzing, Memmingen oder sonst einer einfahrenden Regionalbahn aussteigen, müssen genau durch diese schmale Passage, um rauszukommen aus dem Gedränge und dem Bahnhof überhaupt. Die Stimmung: hitzig.

„Alle stehen bleiben, nicht weitergehen“, rufen die Polizisten den unablässig nachströmenden Gruppen zu. Das Verständnis für die Anweisung hält sich erst mal in Grenzen, weil nicht klar ist, warum der Tross aus Pendlern und Touristen die längst bereitstehende Bahn stadtauswärts nicht stürmen darf. Vorfahrt, erklären die Ordnungskräfte in bestimmtem Ton, hätten erst einmal diejenigen, die gerade aus den Zügen gestiegen seien; erst dann wird die Bahn freigegeben.
Beamte von Bundes- und Landpolizei sowie Mitarbeitende der DB Sicherheit agierten gemeinsam, um die Menschenmassen zu lenken und vor allem zu beruhigen, damit niemand in Panik gerät. „Es war ziemlich eng und ziemlich heiß – da kann das Nervenkostüm dann dünn werden“, resümierte am Mittwoch Tim Oberfrank, der Sprecher der für den Bahnhof zuständigen Bundespolizei. Größere Zwischenfälle habe es nicht gegeben, sagte er, aber es sei zu beobachten gewesen, dass einige Personen hinter den Prellböcken über die Gleise gelaufen seien, um schneller vorwärtszukommen oder dem Gedränge zu entgehen. Wenn diese Personen sich länger im Gleis aufgehalten hätten, wären Streckensperrungen „zwingend erforderlich“ geworden – und damit ein weiterer Rückstau.
Am Hauptbahnhof sind es Reisende eigentlich seit Jahren gewohnt, dass sich Wege immer wieder ändern, neue Zugänge oder Rampen entstehen, Gebäude plötzlich nicht mehr genutzt werden können. Noch bis weit in die 2030er-Jahre werden die Münchnerinnen und Münchner mit diesen Einschränkungen und Veränderungen leben müssen, schließlich entsteht hier Deutschlands modernster und auch tiefster Bahnhof. Und dort, wo sich am Dienstag Menschen drängten, wird ein ganz neuer Starnberger Flügelbahnhof gebaut – samt einem modernen, 70 Meter hohen Hochhaus.
