München: Bewegende Trauerfeier für Mario Adorf – München
Es war eine rhetorische Frage, die Iris Berben zu Beginn der Trauerfeier für ihren kürzlich verstorbenen Schauspielerkollege Mario Adorf stellte: „Ist über ihn nicht schon alles gesagt, geschrieben und erinnert worden?“ Nein, das sei es nicht, antwortete sie umgehend gleich selbst: Das sei ja auch gar nicht möglich bei so einem Menschen wie Adorf „mit einem prallgefüllten Lebenskoffer“. Einem „Jahrhundertlebenskünstler“, wie ihn der Pater Martin Stark in der St.-Michaels-Kirche bezeichnete.
Dort hatten sich am Samstagnachmittag mehr als hundert Weggefährten eingefunden, um Abschied von einem großen Künstler und guten Freund zu nehmen. Unter den geladenen Gästen waren dabei nicht nur Schauspielkolleginnen und -kollegen wie Uschi Glas, die als eine der ersten Trauergäste bereits um kurz nach 13 Uhr eingetroffen war, fast eine Stunde, bevor der Gedenkgottesdienst beginnen sollte. Auch Senta Berger war gekommen, die mit Adorf über dessen erste Ehefrau Lis Verhoeven und ihren verstorbenen Ehemann Michael Verhoeven sogar verschwägert war (und mithin die Tante von Adorfs Tochter Stella ist).


Auch die Regisseurin Margarethe von Trotta und der Regisseur Dominik Graf erwiesen Mario Adorf die letzte Ehre.
Dass dessen Ausstrahlung und Anziehungskraft allerdings weit über seine eigene Branche hinaus reichten, belegte beispielsweise die Anwesenheit von Konzertveranstalter Marek Lieberberg oder Musikmanager Thomas Stein. Sogar ein ehemaliger Fußballprofi und -manager wie Günter Netzer hatte es sich nicht nehmen lassen, der Einladung mit seiner Frau Elvira Folge zu leisten.
Mario Adorf war im Alter von 95 Jahren am 8. April in Paris gestorben, beigesetzt wird er demnächst in St. Tropez, dem Heimatort seiner zweiten Ehefrau Monique, mit der er mehr als vier Jahrzehnte verheiratet gewesen ist.

Aber in München hatte Adorf bis zuletzt noch einen Wohnsitz, mit der bayerischen Landeshauptstadt verband ihn eine besondere Beziehung, weshalb sein langjähriger Manager Michael Stark hier auch die Trauerfeier organisiert hatte.
In München liegen Adorfs schauspielerische Wurzeln: An der Otto-Falckenberg-Schule ist er ausgebildet worden und an den Kammerspielen hatte er sein erstes Engagement. Hier hat er später auch prägende Rollen verkörpert in der TV-Serie „Kir Royal“ oder dem Film „Rossini“, beide gedreht von Helmut Dietl. Dessen ebenfalls im Regiefach tätiger Sohn David war auch unter den Trauergästen.
Mehr als den Schauspieler würdigten die Trauerredner freilich den Humanisten, Menschenfreund und Mahner Mario Adorf, der zum Ende seines Lebens hin „zutiefst beunruhigt“ die politischen Entwicklungen in Europa und der Welt verfolgte, wie seine Tochter Stella erzählte. Als „überzeugter Weltbürger“ habe ihr Vater das Wiedererstarken von Nationalismus und Ausgrenzung, von einer Sprache der Menschenverachtung und des Hasses mit Sorge beobachtet.
Auch Iris Berben würdigte mit einer sehr persönlichen Anekdote die Haltung Adorfs, dessen „immer von Respekt und Zugewandtheit geprägten Umgangs mit Menschen“. Als Adorf sich gegen Ende seines Lebens von einigen Dingen trennte, habe er ihr eine Bronzestatue von Moses mit den Gesetzestafeln zukommen lassen, samt einem Brief: Sie wüsste sicher, was sie damit anfangen solle. Diese „zärtliche Geste“ habe sie „unendlich berührt“, sagte Berben. Und dass sie das Geschenk verstanden habe als Hinweis, Haltung zu bewahren in moralischen Fragen sowie nicht nachzulassen in der Wachsamkeit gegenüber menschenfeindlichen Umtrieben. „Du hast Kunst immer als Transportmittel für Botschaften benutzt“, resümierte Berben: „Wie gerne würde ich Dir jetzt zurufen: Da capo, Mario!“

Dem schloss sich der Verleger Helge Malchow fast nahtlos an, der erinnerte, dass Mario Adorf aufgrund seiner „virtuosen mündlichen Erzählkunst“ irgendwann auch zum Schriftsteller geworden sei. In vielen seiner Bücher, die im Kölner Verlag Kiepenheuer&Witsch erschienen sind, habe er „die Leser vor der Rückkehr der Barbarei gewarnt, die er selbst als Kind in seinem Heimatort Meyen in der Eifel erlebt hat“, berichtete Malchow. Als Beleg dafür, wie Adorf gegen das Vergessen des Nationalsozialismus anschrieb, las er die kleine Erzählung „Braunes Gesocks“, eine ebenso persönliche wie selbstkritische Erfahrung Adorfs, die zeige, „wie subtil schon Kinder vom Nationalsozialismus manipuliert wurden“.

Der Schauspieler Axel Milberg erinnerte sich in seinen Abschiedsworten an eine Begegnung in einem Pariser Restaurant Ende 2024 und schwärmte dabei von Adorfs „Reichtum an Anekdoten“. Stella Adorf erklärte, dass es die Beobachtungsgabe ihres Vaters gewesen sei, die diesen „zu einem begnadeten Erzähler“ gemacht habe und zu einem ebensolchen Schauspieler: „Er hat seine Rollen nie nur dargestellt, sondern wahrhaftig verkörpert. Das beruhte auf seiner genauen Beobachtung von menschlichen Verhaltensweisen.“
Adorfs langjähriger Vertrauter Michael Stark verriet am Ende noch, wie sich der Schauspieler seinen Abschied von der Bühne vorgestellt habe in einem seiner letzten Briefe: Er hoffe, die Welt zufrieden verlassen zu können – „zufrieden mit dem, was ich aus meinen Möglichkeiten gemacht habe“. Den Worten seiner Weggefährten zufolge, scheint er sehr viel daraus gemacht zu haben.

