May Ayim in der Frankfurter Anthologie



Die sprachlose Zeit der Kindheit dauerte für May Ayim zwei Jahre. Das war das Alter, in dem sie von einem Hamburger Kinderheim in eine Pflegefamilie kam. Zu dieser Zeit konnte sie nach Angaben der Pflegeeltern weder stehen noch sprechen noch feste Nahrung zu sich nehmen. Im Jahr 1986, nach einem Studium der Psychologie und Pädagogik, nimmt sich May Ayim in ihrer Diplomarbeit die Freiheit, ihre Herkunft theoretisch aufzuarbeiten. Ihre „Kultur- und Sozialgeschichte der Afro-Deutschen“ wird zum Grundstein der afro-deutschen Bewegung. In dem 1995 erschienenen Lyrikband „blues in schwarz weiss“ ist die Freiheit, die Ayim sich nimmt, eine künstlerische. „der mann brachte / die frau zum kind / die frau brachte das kind / ins heim“, lautet hier die Geschichte ihrer frühen Kindheit.

Künstlerische Freiheit, so heißt es im gleichnamigen Gedicht, bedeutet „alle Worte in den Mund nehmen“. Das erinnert an das, was in der Entwicklungspsychologie und Pädagogik die orale Phase genannt wird, die Zeit, in der das Kleinkind die Welt über den Mund erkundet. Wenn eine Dichterin die Worte über den Mund erkundet, dann ist das die Begründung einer ganzen Poetik. In Ayims Gedichten zersetzen sich die Worte im Mund in ihre kleinsten Einheiten, die Morpheme, lösen sich aus den Zusammenhängen und organisieren sich neu.

In ihrem „ein nicht ganz liebes geh dicht“ werden die Tempi der Verben enggeführt. „ich liebteliebe ihn noch“, heißt es in dem Gedicht über ein Liebespaar in einer On-off-Beziehung, das sich gegenseitig „favoriterrorisiert“. Das Gedicht „ansichtssache“ entfaltet ein ganzes Wortfeldpanorama, eine „über-sicht“ des Sehens und seiner Präfixe, wobei am Ende trotz aller Vorsicht gerade die Nachsicht übersehen wird. Dichten heißt, den Worten auf den Stamm gehen. Nicht nur die Silben werden von der Dichterin im Mund herumgedreht, auch die schwarz auf weiß gedruckten Buchstaben kehren an den Ort zurück, an dem sie entstanden sind.

Die Welt über das Wort im Mund erkunden

Das Gedicht „am anfang war das wort“ schreibt die Schöpfungsgeschichte neu. Das erste Wort (das hebräische „ihije“ – „es werde“) war vor allem eins: vorschnell gesprochen. Es ruft einen Widerspruch hervor, wodurch es zu einem „Kurzschluss“ kommt. Das Licht, das gerade erst angegangen war, geht wieder aus. Die ersten Worte zerplatzen, die wundertätige Ursprache endet. Was bleibt, sind ihre Bruchstücke, die Laute, die eine neue Sprache formen. Am Anfang dieser säkularen Sprache sind die Plosivlaute. Das ist der Urknall: „peng!“ Die Reaktion darauf, ein hörbares „autsch!“, bringt sodann die stimmhaften Laute a, o und u hervor.

Bis Mitternacht entstehen so alle Laute der Welt, die sich ihren „platz“ im Alphabet der jeweiligen Nationalsprachen suchen. Mit der Sprache entsteht auch die Sprachwissenschaft: „die / mit den harten kanten / nannten sich konsonanten / die das maul aufreißen / wollten vokale heißen“. Verhängnisvoll an dieser neuen Sprache ist, dass die sinnlosesten Worte am häufigsten gesprochen werden. Die Aufgabe der Dichterin ist es, gegen die „Dumpfheit“ anzuschreiben, die Klischees, Doppeldeutigkeiten und verblassten Metaphern dazu zu bringen, sich selbst zu verraten.

Diese Arbeit an der Sprache nimmt Ayim ganz wörtlich. 1987 begann die Dichterin eine Zweitausbildung zur Logopädin. Ihre Examensarbeit über „Ethnozentrismus und Geschlechterrollenstereotype in der Logopädie“ entwirft Verbesserungsvorschläge für die logopädische Praxis. In der künstlerischen Praxis bedeutet die Welt über die Sprache zu verändern, für alle Wörter offen zu bleiben – „egal woher sie kommen“. Seien sie fremd oder schmutzig, Ayims Gedichte verleiben sich in einem Akt der subversiven Affirmation selbst die diskriminierenden ein.

Die künstlerische Freiheit, alle Worte unterschiedslos zum Material zu machen, bedeutet auch, den literarischen Kanon nicht unangetastet zu lassen. Ayims Gedicht „der käfig hat eine tür“ ist eine Antwort auf Rilkes berühmten Panther im Jardin des Plantes. Geschrieben ist es aus der Sicht des Tieres, das dem Dichter unterstellt, dass ihm „das augenscheinliche“ gerade entgangen sei. Rilkes Gedicht wird dem Panther zu einem zweiten Gefängnis: „verloren / fahnde ich / vor buch-staben / und anhalts-punkten // die staben sind stäbe / die punkte sind anfänge / an jeder ungereimtheit zerplatzt / eine einbildung“.

Die Ungereimtheit könnte sich auf Rilkes „Nur langsam schiebt der Vorhang der Pupille / sich langsam auf“ beziehen. Denn im Gegensatz zur Hauskatze etwa hat das Pantherauge keine senkrecht-schlitzförmige Pupille, sondern eine, die der des Menschen gleicht. Hat der Dichter das Tier überhaupt gesehen? Haben sich die Blicke überhaupt auf Augenhöhe gekreuzt? Ist den Stäbchen in Rilkes Auge, den Nervenzellen, die für das Schwarz-Weiß-Sehen zuständig sind, vielleicht noch etwas anderes entfallen? Ayims Panther könnte ein schwarzer Panther sein, in Anspielung auf die revolutionäre schwarz-nationalistische Bewegung der Black Panthers in den USA.

Haben wir es in Ayims Gedicht also mit einem politischen Gefangenen zu tun? Die Bemerkung, die das lyrische Ich am Ende ganz im Sinne der Kunstfreiheit „fallen lässt“, wendet sich gegen die Vorstellung von einem hermetisch abgeschlossenen literarischen Kanon: „es ist mir inzwischen lieber / ich bin ausgegrenzt / es ist mir lieber / ich bin / nicht eingeschlossen“, lautet der letzte Vers.

Zur künstlerischen Freiheit gehört es, Worte wählen zu können, die treffen und schmerzen. Die Worte, die in Ayims Gedichten rückblickend besonders schmerzen, sind diejenigen, die ihren Freitod vorwegzunehmen scheinen. „ich werde / noch einen schritt weitergehen und / noch einen schritt / weiter“, schreibt die politische Dichterin, die sich im Alter von 36 von einem Hochhaus stürzte, in „grenzenlos und unverschämt“, einem „gedicht gegen die deutsche sch-einheit“. Und schon das erste, „vorwort“ genannte Gedicht des Bandes „blues in schwarz weiss“ mahnt, dass es „doch sehr oft / letztlich einfacher ist / allem ein Ende zu setzen“. Zur künstlerischen Freiheit gehört auch, dass es zu diesem Schluss nicht hätte kommen müssen.

May Ayim: „künstlerische Freiheit“

alle worte in den mund nehmen
         egal wo sie herkommen
     und sie überall fallen lassen
              ganz gleich wen es
                             trifft

May Alim: „blues in schwarz weiss & nachtgesang“. Gedichte. Unrast Verlag, Münster 2025. 248 S., br., 18,– €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber



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