Mali: Wo sich Dschihadisten und Separatisten verbünden


In Mali haben sich am Wochenende die heftigsten Angriffe von Dschihadisten und Rebellengruppen seit 2012 ereignet. An mehreren Orten, von der Hauptstadt Bamako im Südwesten über das Zentrum des Landes bis Kidal im Nordosten des Wüstenstaats, griffen die Kämpfer nahezu zur gleichen Zeit an. Gezielt nahmen sie unter anderem Militärstützpunkte in der Stadt Kati ins Visier und in der Hauptstadt die Häuser des Präsidenten Assimi Goïta und des Verteidigungsministers Sadio Camara. Wie das Medium „Africa Report“ mit Verweis auf mehrere Quellen am Sonntag berichtete, wurde der Minister durch die Detonation einer Autobombe eines Selbstmordattentäters getötet, sein Haus wurde dabei komplett zerstört.

Gefechte wurden auch aus Gao, der größten Stadt im Norden Malis, und der Ortschaft Sévaré gemeldet. Sicherheitsexperten sprachen von Ereignissen mit weitreichenden Folgen nicht nur für den riesigen Sahel-Staat, der dreieinhalbmal so groß ist wie Deutschland, sondern auch für die gesamte konfliktgebeutelte Sahel-Region und die Nachbarstaaten.

Moskaus „Afrikakorps“ hat sich verschanzt

Ein zusätzlicher Schlag für die Militärregierung und ihre russischen Verbündeten ist der Erfolg der Angreifer in Kidal. Auf Videoaufnahmen aus der Stadt, die auf der Plattform X verbreitet werden, sind jubelnde bewaffnete Männer zu sehen, die immer wieder „Allah“ rufen. Vor knapp drei Jahren hatten dort russische Kämpfer ihre schwarze Flagge gehisst. Die Rückeroberung von Kidal aus dem Griff der Rebellen galt als größter Triumph der russischen Söldnertruppe Wagner, seitdem sich das Militär in Mali vor sechs Jahren an die Macht geputscht und mit Russland verbündet hat.

Nach den Informationen lokaler Sicherheitsexperten befindet sich Kidal seit dem Wochenende wieder unter der Kontrolle von Aufständischen, aber wohl nicht die dortigen Militärbasen. Kämpfer des russischen „Afrikakorps“, des Nachfolgers der Wagner-Gruppe, und die malische Armee hätten sich in ihren Kasernen verschanzt, hieß es. Sie würden mit Mörsern und schweren Maschinengewehren beschossen. Dschihadisten hätten sich derweil unter die Zivilbevölkerung gemischt.

Zunächst wurden am Samstag Schüsse und Explosionen in der Hauptstadt Bamako gemeldet. Auf Videoaufnahmen auf der Plattform X waren Bewohner entlang einer Zufahrtsstraße zu sehen, die überrascht, aber noch relativ gelassen der Fahrt bewaffneter Männer auf Motorrädern und Pick-up-Trucks zusahen. Im Hintergrund fuhren Lastwagen in die entgegengesetzte Richtung. Dann mehrten sich die Nachrichten, weitere Städte würden angegriffen. Am Samstagabend teilte das malische Militär mit, es bemühe sich weiterhin, die Angreifer zurückzudrängen. Einige seien bereits geflohen.

In Mali sind seit Jahren islamistische Terroristen und eine separatistische Bewegung im Norden, die Azawad-Befreiungsfront (FLA), aktiv. Sie kämpft für einen eigenen Staat für die Tuareg-Volksgruppe. Wie ein FLA-Sprecher dem britischen Sender BBC sagte, sei die „Operation“ über längere Zeit hinweg mit den Islamisten geplant worden. Die Terrorgruppe Jamaat Nusrat Al-Islam wal-Muslimin (JNIM) bestätigte in ihrer Stellungnahme die Zusammenarbeit und nannte die Tuareg-Rebellen „Brüder“.

Die Dschihadisten verfolgen eher geschäftliche Interessen

Es handle sich um eine weitere Eskalationsstufe, sagte Ulf Laessing, Leiter des Sahel-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, der F.A.Z. Die JNIM und die Tuareg-Rebellen hätten sich abgesprochen und verfügten offenkundig über gute Informationen. „Man merkt, dass die Dschihadisten immer selbstbewusster werden, auch die Hauptstädte anzugreifen. Ich glaube nicht, dass Bamako fällt, aber es ist eine weitere Stufe in der Strategie, die Regierung zu Verhandlungen mit den Dschihadisten zu zwingen.“

In der Bevölkerung hätten diese jedoch wenig Rückhalt. Die Islamisten in Mali sind eher von Geschäftsinteressen als von radikaler Ideologie getrieben. Trotzdem sind die Bewohner etlicher Dörfer gezwungen, sich an ihre Regeln zu halten. In Bamako ist ihnen dieses Diktat bisher nicht gelungen.

Sadio Camara, der getötete Verteidigungsminister Malis, während eines Ministertreffens der Konföderation der Sahelstaaten am 15.2.2024.
Sadio Camara, der getötete Verteidigungsminister Malis, während eines Ministertreffens der Konföderation der Sahelstaaten am 15.2.2024.AFP

Den Angriffen am Wochenende war eine Treibstoffblockade der Hauptstadt vorausgegangen. JNIM, die sich als offizieller Ableger von Al-Qaida in Mali bezeichnet, hatte Ende vergangenen Jahres über Wochen hinweg Treibstofflieferungen verhindert. In weiten Teilen der Wirtschaft stand der Betrieb still, Schulen und Universitäten mussten schließen.

Ein Jahr zuvor hatte die Terrorgruppe einen Anschlag auf einen Militärflughafen in Bamako verübt. Vorher hatte sich die 2017 gegründete Gruppe eher auf Gemeinden auf dem Land konzentriert, die nicht von staatlichen Sicherheitskräften geschützt werden. Anfang dieses Jahres folgte ein Angriff in Niger auf den Flughafen in der Hauptstadt Niamey.

Wie die Konfliktbeobachter der „International Crisis Group“ mitteilten, konzentrierten sich die Islamisten seit 2022 zunehmend auf urbane Zentren. In Burkina Faso, Mali und Niger hätten sich die Anschläge seitdem mehr als verdreifacht. „Die Militärregierungen im Sahel scheinen von dieser Entwicklung überrascht worden zu sein, aber sie versuchen, sich anzupassen. Die Verteidigung von Städten und Zugangswegen hat Priorität ebenso wie die Eskortierung von Konvois zur Versorgung besetzter Gebiete.“

Nicht nur für die malische Militärregierung, auch für Russland steht nach den Ereignissen am Wochenende nun viel auf dem Spiel. Das neue „Afrikakorps“, das dem russischen Verteidigungsministerium unterstellt ist, werde sich vermutlich darauf konzentrieren, Kidal mit dem malischen Militär zurückzuerobern, sagte Laessing. „Da ist ein harter psychologischer Schlag, nachdem Russland so viel Aufwand betrieben hat, die Stadt zurückzuerobern.“

Der Tod des Verteidigungsministers, sollte er bestätigt werden, hätte ebenfalls Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit Moskau. Camara war Russlands Hauptansprechpartner in der Militärregierung. Die JNIM rief Russland derweil in ihrer Erklärung auf, sich aus dem Konflikt mit Rücksicht auf gute künftige Beziehungen herauszuhalten. Offenkundig sehen sich die Terroristen in Mali schon bald an den Hebeln der Macht.



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