Komplikationen bei der Geburt gibt es auch bei Tieren
Bisher galt die Geburt des Menschen als deutlich schwieriger als bei anderen Säugetieren. Doch das stimmt nicht unbedingt, wie eine Untersuchung zeigt. Demnach haben auch andere Tiere teils erhebliche Geburtsprobleme.
Die menschliche Geburt gilt als besonders schwierig und gefährlich im Vergleich der Säugetiere. Medizinerinnen und Mediziner begründen das mit dem sogenannten obstetrischen Dilemma, also dem aufrechten Gang und dem großen Gehirn und damit großen Kopf des Menschen. Das Größenverhältnis von Kind und mütterlichem Becken sei dadurch eher ungünstig.
Auswertung von über 150 Studien
Doch auch bei anderen Säugetieren treten Geburtskomplikationen auf. Das zeigt eine umfassende Analyse von dokumentierten Geburtskomplikationen bei Säugetieren, die Nicole Grunstra vom Department für Evolutionsbiologie der Universität Wien durchgeführt hat.
Bei der Auswertung von 150 Studien aus der Humanmedizin, dem Gesundheitswesen, der Veterinärmedizin, der Tierzucht sowie aus der Zoo- und Wildtierbiologie fand Grunstra Dokumentationen zu Geburtskomplikationen bei über 100 Tierarten – Daten von Haustieren, Nutztieren sowie von in Gefangenschaft und in freier Natur lebenden Wildtieren.
Viele tödliche Geburtskomplikationen bei Wildtieren
„Was mich sehr überrascht hat bei meiner Untersuchung: Wie viele Berichte von tödlichen Geburtskomplikationen es bei Säugetieren in der freien Wildbahn gibt, inklusive Fälle von einem Missverhältnis zwischen der Größe des Fötus und des mütterlichen Geburtskanals im knöchernen Becken“, sagt die Forscherin. Dies sei also kein rein menschliches Problem oder lediglich eine Komplikation bei Haus- und Nutztieren, fasst Grunstra zusammen.
Auch bei Affen, Huftieren und Elefanten spiele das ungünstige Größenverhältnis von Jungtier und Geburtskanal des Muttertieres eine entscheidende Rolle, hat die Wissenschaftlerin bei ihrer Datenanalyse herausgefunden.
Geburtsprobleme bei Tieren mit großem Nachwuchs häufig
Wie beim Menschen treten auch bei anderen Säugetieren Geburtskomplikationen bei Tieren mit besonders großem Nachwuchs am häufigsten auf – etwa bei Seelöwen, Hirschen und anderen Huftieren.
Selbst bei Walen und Delfinen – für die aus den Niederlanden stammende Wissenschaftlerin erstaunlich. „Wale und Delfine sind eigentlich ein recht kurioses Beispiel, denn sie haben nur noch winzige Beckenreste und die formen überhaupt keinen Geburtskanal mehr. Trotzdem gibt es Fälle, vor allem bei Schweinswalen zum Beispiel, wo der Fötus zu groß ist und nicht durch den Geburtskanal passt“, sagt sie im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.
Wie beim Menschen kann eine Ursache dafür sein, dass die Babys zu groß und zu schwer werden. Ein Zielkonflikt, sagt Grunstra. „Einerseits haben größere und weiterentwickelte Jungtiere sowie menschliche Babys bessere Überlebenschancen. Dafür ist das Risiko von Geburtsproblemen mit tödlichen Folgen für Mutter und Nachwuchs höher“, erklärt die Evolutionsbiologin.
Noch mehr Untersuchungen notwendig
Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin hält es für nicht ausreichend, die Geburtskomplikationen von Säugetieren nur auf evolutive Aspekte zurückzuführen. Weitere Untersuchungen müssten auch andere Faktoren berücksichtigen, die bei Tieren zu schweren Geburten führten. Zum Beispiel die Umweltzerstörung, etwa durch Mikroplastik oder exogene Hormone – also solche außerhalb des Körpers -, die im Abwasser landen. All das könnte einen Einfluss auf das Auftreten von Geburtskomplikationen bei anderen Säugetieren haben, so der Wildtierforscher.
Hildebrandt wünscht sich daher, dass Berichte zu Geburtskomplikationen über einen längeren Zeitraum betrachtet werden, um „mehr Unterscheidung“ von „auch menschengemachten Einflussfaktoren“ zu haben. Es gehe letztendlich darum zu verstehen, dass die Sterblichkeit der weiblichen Tiere bei der Geburt nicht „eine Art Verbrauch ist, die sich die Evolution ausgedacht hat“.
Denn wenn Muttertiere bei der Geburt so stark gefährdet sind wie die bisher dazu veröffentlichten Daten vermuten lassen, „dann führt das zu einer extremen Entgleisung in der Geschlechterverteilung in der Population“, also einer Überpopulation von männlichen Tieren, erklärt Hildebrandt, der auch Professor für Wildtierreproduktionsmedizin an der Freien Universität Berlin ist. „Und das sehen wir eigentlich in vielen Populationen nicht.“
