Können 100.000 Reservisten Burkina Faso sicher machen?
Es ist ein gigantisches Projekt, das sich die Junta-Regierung in Burkina Faso vorgenommen hat: Bis Ende des Jahres will der Sahelstaat 100.000 Reservisten ausbilden. Der Ministerrat hat dazu einen Gesetzesentwurf verabschiedet mit dem erklärten Ziel, die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu stärken.
Die Armee umfasst zurzeit rund 12.000 Soldaten. Die neu zu bildende Reserve wäre demnach achtmal so stark und würde sich laut dem Gesetzesentwurf teils aus Personal bilden, das bereits über militärische Erfahrung verfügt und sofort mobilisiert werden kann. Weitere Soldaten müssten neu ausgebildet werden.
Armee-Aufwuchs erfordert Logistik
Das Ziel ist ehrgeizig gesteckt, die Liste der Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung lang. Lébouré Crépin Zanzé, Experte für Sicherheits- und Verteidigungsfragen in Dakar, zählt auf: „100.000 Menschen auszubilden, erfordert Ausbildungszentren, kompetente Betreuer, Ausrüstung, logistische Mittel, nachhaltige Budgets und auch eine Verwaltung, die in der Lage ist, all dies zu überwachen.“
Die volle Stärke könne nur schrittweise erreicht werden, erklärt Zanzé im DW-Gespräch. Er vermutet daher, dass es bei der Zahl vor allem darum geht, eine politische Botschaft zu senden. „In Fragen der Sicherheit ist die Bekanntgabe einer Zahl einfach, der Aufbau einer tatsächlichen Kapazität ist viel anspruchsvoller“, so Zanzé.
Massive Sicherheitskrise für den Sahel-Staatenbund
Burkina Faso wird seit 2022 von Putschisten regiert. Die Militärregierung unter Ibrahim Traoré war angetreten mit dem Versprechen, die Sicherheit im Land wiederherzustellen, das zunehmend vom Terrorismus bedroht wurde. Doch eine merkliche Verbesserung ist bisher nicht zu erkennen. Laut Analysten entziehen sich rund 60 Prozent des Staatsgebiets der staatlichen Kontrolle. Islamistische Gruppen wie JNIM und ISGS führen immer wieder koordinierte Angriffe auf Militärbasen durch.
Und den Verbündeten in der noch jungen Allianz der Sahel-Staaten AES, Mali und Niger, geht es kaum besser. Erst am Wochenende brachten Islamisten das Regime in Mali ins Wanken: Sie griffen Stellungen im ganzen Land an, nahmen die strategisch bedeutsame Stadt Kidal im Nordosten ein und töteten den Verteidigungsminister in seinem Wohnsitz im Armee-Hauptquartier Kati nahe der Hauptstadt Bamako. Die Angriffe schwächen einmal mehr die Reputation der russischen Verbündeten, die in allen drei Sahel-Staaten mit für Sicherheit sorgen sollen. Vor allem aber belastet der Rundumschlag auch die Erzählung der militärischen Stärke der Juntas selbst.
Doppelte Herausforderung: Sicherheit zu Hause – und Truppen für das Bündnis
Genau hier liegt für Beverly Ochieng, Analystin beim Thinktank Control Risks, ein empfindlicher Punkt für die Strategie der AES-Staaten. Alle drei waren zuvor aus dem westafrikanischen Staatenbund ECOWAS ausgetreten und schickten nach und nach internationale, auch militärische, Partner nach Hause. Mit dem Aufbau der burkinischen Armee wolle das Land zeigen, dass es auch ohne Mithilfe der ehemaligen Partner wie Frankreich militärische Erfolge erzielen könne, so die Expertin im DW-Gespräch.
Das Land steht also unter Erfolgsdruck – nicht nur zu Hause, sondern auch als Teil des Sahel-Bündnisses, das zurzeit versucht, ein eigenes regionales Militärbündnis aufzubauen: „Wenn sie nicht über eine ausreichende Zahl von Soldaten verfügen, um die Aufstandsbekämpfung im Lande zu übernehmen, wird es für sie schwierig, die gemeinsamen AES-Truppen stärker zu unterstützen“, sagt Ochieng.
Entscheidend: Klare Befehlsstrukturen
Eine Rekrutierung im großen Umfang halten beide, Zanzé und Ochieng, grundsätzlich für denkbar. Bereits einmal gelang der Junta unter Traoré eine große Mobilisierung: Die Freiwilligen für die Verteidigung des Vaterlands (VDP), eine Art landesweite Bürgerwehr, zählen heute rund 80.000 Mitglieder und arbeiten mit der Armee zusammen.
Doch mit einer massiven Rekrutierung wachse auch die Herausforderung, eine klare Befehlsstruktur sicherzustellen, warnt Ochieng: „Wenn Sie viel zu viele Menschen mit Waffen haben, ist es wahrscheinlich, dass innerhalb der Strukturen neue Konfliktlinien aufreißen.“ Das habe sich bei den VDP gezeigt: Dort habe es Fälle von mangelnder Disziplin und Menschenrechtsverletzungen gegeben.
Zudem bestehe die Gefahr der Ungleichbehandlung: „Wenn bestimmte rekrutierte Gruppen bevorzugt behandelt werden und mehr taktische Unterstützung erhalten als andere, wird dies wahrscheinlich zu weiteren Spaltungen innerhalb der burkinischen Armee führen“, mahnt die Expertin. Auch dies habe es in der Armee immer wieder gegeben.
Gefahr: Zivilisten als Zielscheibe
Auch Menschenrechtsgruppen sehen hier Gefahren. Berichte von Human Rights Watch belegen Fälle von Plünderung, Vertreibung und Massenhinrichtungen durch VDP-Einheiten. Dazu warnt die Gruppe in einer Reaktion: „Zivilisten zu rekrutieren und zu bewaffnen, kann die Unterscheidung zwischen Kämpfenden und Nicht-Kämpfenden erschweren und die Risiken für die Bevölkerung erhöhen.“ So seien Gemeinden, die VDPs beherbergen, häufiger Ziel von islamistischen Angriffen geworden, schreibt HRW-Sahel-Expertin Ilaria Allegrozzi und appelliert an die Regierung: „Die Junta sollte die Lehren aus dem desaströsen VDP-Programm ziehen.“
Noch, so scheint es, kann das Land auf den Zuspruch eines Teils der Bevölkerung setzen. Die Sympathiewerte für den jungen Putschistenführer und Social-Media-Phänomen Ibrahim Traoré sind hoch. Von den neuen Plänen sind laut Gesetzestext alle Bürgerinnen und Bürger im kampffähigen Alter betroffen, dazu Menschen, die in der Lage sind, in humanitären Krisen einen Beitrag zu leisten. Wenn diese Pläne nun umgesetzt werden, wird es laut HRW auch darum gehen, dass die Ausbildung umfassend ist und auch Menschenrechtsaspekte ausreichend abdeckt.
Mitarbeit: Gildas Da (Ouagadougou)
