Kinder – die schönste Zumutung der Welt – Gesellschaft
Auch 2025 sind in Deutschland, diesem gestrandeten Wal von Land, mehr Menschen gestorben als zur Welt gekommen. Auf 1,01 Millionen tote kamen 654 300 neue Bürger, das ist das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit. Seit Jahren bekommen deutsche Frauen im Lauf ihres Lebens durchschnittlich nur 1,3 Kinder. Ich weiß, wir haben dieser Tage alle genug andere Probleme, aber seien wir ehrlich: Wenn wir so weitermachen, sterben wir aus.
Ich hoffe ja, dass ich mit dieser Kolumne hier – all der Müdigkeit, über die ich regelmäßig klage, zum Trotz – grundsätzlich Werbung für Kinder mache. Es müssen ja nicht gleich drei sein wie bei uns, fangen Sie mit einem an, so haben wir das auch gemacht. Falls das bisher nicht rübergekommen sein sollte: Kinder sind das Beste, was Sie kriegen können. Und das sage ich wirklich nicht nur, weil das Kinderkriegen zum Geschäftsmodell der Hebammen dazugehört und ich Sohn einer Hebamme bin.
Die Abendbrot-Anekdoten von vorzeitigen Blasensprüngen, schlechten Herztönen und dem ganz speziellen Geräusch eines Kaiserschnitts, bei dem vor allem auch gerissen und gedehnt wird, haben mich später nicht gebremst. Auch nicht das Erlebnis, als ich im Alter von zehn Jahren meine Mutter bei der Arbeit abholte und eine Kollegin mir in einem Nebenraum etwas zeigen wollte. Ich sollte mir nur diese Latexhandschuhe anziehen.
Sie machte das Licht an und da lag auf einem Tischlein: Ein riesiges, tiefrotes, fleischiges Etwas, stark und weich zugleich, eine alienhaften Schnur ragte heraus. „Das“, verkündete die Kollegin stolz, „ist eine Plazenta, ganz frisch, fass mal an!“ Ich piekte mit meinem Latexfinger hinein und was soll ich sagen, ich hatte, behaupte ich in der Rückschau, das Gefühl, das pralle Leben zu spüren – und noch nicht mal eine Ahnung davon, wie erhaben der Anblick einer Plazenta sein würde, wenn die von und aus der Frau stammt, mit der zusammen man sich diesen Wahnsinn zugetraut hat (und die diesen wahnsinnigen Kraftakt gerade doch, nun ja, allein vollbracht hat).
Es ist immer weniger Zukunft unter uns, die Hoffnung geht verloren, das Morgen
Im Deutschlandfunk hörte ich diese Woche den Soziologen Martin Bujard im Interview zu den niedrigen Geburtenraten. Bujard sagte, dass junge Menschen in Umfragen und Studien durchschnittlich etwa zwei Kinder als „ideale Kinderzahl“ angeben. Entscheidend sei, dass der Kinderwunsch erhalten bleibe, dann sei eine Trendwende möglich. Das fand ich gut: Wir müssen die Träume am Leben halten, um nicht auszusterben. Aber wenn immer weniger Kinder Teil unseres Lebens sind, kollabiert nicht nur unser Sozialsystem, viel schlimmer: Es ist immer weniger Zukunft unter uns, die Hoffnung geht verloren, das Morgen.
Natürlich, es braucht politische Antworten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinderbetreuung, bezahlbarer Wohnraum; die Liste ist lang. Aber nur mit Anreizen wird die Welt nicht besser, und eigentlich war sie schon immer zu schlecht, um Kinder zu bekommen. Und zugleich kann sie nur besser werden, wenn genug Menschen sich dafür entscheiden, aus dem dümmsten und schönsten Grund, den es geben kann: aus Liebe.
Wissen Sie was: Wenn Sie noch hadern, gehen Sie doch einfach in eine Geburtsstation in der Nähe und fragen, ob Sie mal eine Plazenta anfassen dürfen.
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.
