KI aus der Leitung: Openrouter knackt Milliarden-Bewertung
Künstliche Intelligenz
KI aus der Leitung: Warum Openrouter plötzlich eine Milliarde wert ist
Während Unternehmen ihre KI-Budgets hinterfragen, wächst die Plattform Openrouter rasant. Das Geschäftsmodell: KI wie Strom aus der Leitung. Besonders gefragt sind chinesische Modelle
Bei der Nutzung von KI durch Unternehmen geraten zunehmend die Kosten der Technologie in den Fokus. Ein KI-Start-up, das davon profitiert, ist Openrouter. Und zwar so sehr, dass CapitalG, der Investmentarm der Google-Mutter Alphabet, in einem sogenannten „reverse pitch“ selbst anfragte, ob sie dem Start-up Geld geben könnten – und Openrouter damit zur Milliardenbewertung verhalf.
Openrouter entwickelt nicht selbst KI. Stattdessen bietet die Plattform über 400 der gängigsten KI-Modelle wie einen Rohstoff zum Anzapfen an. So wie Strom und Wasser aus der Leitung bekommen die Kunden bei Openrouter KI aus der Leitung. Abgerechnet wird nach „Token“ – also der kleinsten gängigen Einheit der KI-Datenverarbeitung. Dabei erhebt Openrouter eine Gebühr dafür, wenn man über die Plattform die Token der jeweiligen Sprachmodelle kauft.
Laut einem Bericht der „New York Times“ boomt das Token-Geschäft. So soll sich die Menge der Token, die über Openrouter bezogen wurden, innerhalb von sechs Monaten verfünffacht haben.
Openrouter verdoppelt Bewertung
Wie Openrouter kürzlich bekannt gab, sammelte das Unternehmen bei der jüngsten Series-B-Finanzierungsrunde 113 Mio. Dollar ein – bei einer Bewertung von 1,3 Mrd. Dollar. Damit hat sich die Bewertung des Unternehmens nach der Series-A-Finanzierungsrunde innerhalb eines Jahres von 547 Mio. Dollar auf 1,3 Mrd. Dollar mehr als verdoppelt. Beteiligt an der Runde waren neben CapitalG auch andere prominente Namen des Silicon Valley wie Nvidia, Snowflake und Databricks. Auch Altinvestoren wie Andreessen Horowitz und Menlo Ventures investierten nochmal bei Openrouter.
Chinesische Unternehmen führen KI-Charts an
Weil Openrouter über 400 KI-Modelle anbietet, aus denen die Kunden auswählen können, ist es gleichzeitig zu einer Art KI-Börse geworden. Aus einer Statistik des Unternehmens geht hervor, welche KI-Modelle wie stark nachgefragt werden. Brisant dabei ist: Spitzenreiter dieser KI-Charts waren (Stand: Ende Mai) oft chinesische Modelle: Allein Deepseek hatte laut dem Open-Router-Ranking oft drei Modelle in den Top Ten. Dazu kommen Modelle von Tencent und Xiaomi. Und das, obwohl US-Anbieter mit Abstand das meiste Geld in KI-Forschung und Infrastruktur investieren.
Günstige chinesische KI-Modelle – für einfache Aufgaben
Wie bei Rohstoffbörsen spielt für die Nachfrage auf Openrouter der Preis der KI-Modelle eine zentrale Rolle. So kosten dort chinesische KI-Token oft nur einen Bruchteil der Token von US-Spitzenmodellen wie Anthropics „Claude Opus 4.7.“ Openrouter bietet auch die Möglichkeit, für einfache Aufgaben günstige KI-Modelle zu nutzen und die teureren Modelle nur für sehr komplexe Aufgaben einzusetzen. Chinesische Modelle gelten als günstiger, weil Effizienz bei der Entwicklung ihrer Modelle oft eine größere Rolle spielen. Zudem sind die Energiekosten bei Anbietern aus China oft niedriger.
Zuletzt waren die hohen Kosten von KI bei US-Techkonzernen in den Fokus geraten: So stand bis vor kurzem noch die Maxime des „Tokenmaxxing“ im Vordergrund, also der Verbrauch von möglichst viel KI-Leistung. Berichten zufolge sollen bei Konzernen wie Meta und Amazon Programmierer daran gemessen worden sein, wie viel KI-Leistung sie verbrauchten.
KI-Agenten treiben Verbrauch in die Höhe
Für den Token-Verbrauch spielt es eine große Rolle, wie die jeweiligen Sprachmodelle genutzt werden: Wenn Mitarbeiter zum Beispiel in einem Chatfenster einem KI-Modell Fragen zu einem Programmier-Projekt stellt – ähnlich wie viele Privatpersonen die gängigsten KI-Modelle nutzen – ist der KI-Token-Verbrauch verhältnismäßig niedrig: Menschen können schließlich nur so schnell Anfragen an ein KI-Modell stellen, wie sie auch tippen können. Sehr viel schneller aber können sogenannte KI-Agenten ein KI-Modell mit Daten füttern. Bei dieser Form der Nutzung würde man einem KI-Programm eher einen Auftrag geben: „Bau mir eine App,“ oder „kontrolliere die App, die ich habe bauen lassen.“
Auch wegen dieser sogenannten agentischen Nutzung sind die größten KI-Unternehmen wie Anthropic gerade im Begriff, bei ihren Preismodellen weniger auf Flatrate- und mehr auf verbrauchsabhängige Preismodelle zu setzen.
Bei günstigen Modellen kostet die Verarbeitung von einer Million Token nur wenige Cent. Eine der aktuell leistungsfähigsten KIs, die neueste Version von Anthropics „Claude“, verlangt laut Anthropics offizieller Preisliste 5 Dollar für die Eingabe von einer Million Token und 25 Dollar pro Million-Token-Ausgabe. Zum Vergleich: Jemand, der eine Hausarbeit mit einem Sprachmodell wie ChatGPT schreibt, kommt laut Schätzung der „New York Times“ auf einen Verbrauch von etwa 10.000 Token. Ein KI-Agent, der rund um die Uhr Code generiere, könne hingegen schon mal auf 700 Millionen Token pro Woche kommen. Damit können die KI-Rechnungen von einzelnen Programmierern und ihren KI-Agenten auch in die Hunderttausende gehen.
Uber hinterfragt KI-Kosten
Obwohl der durchschnittliche Preis für KI-Token bisher stetig gesunken ist, treibt der explodierende Verbrauch von Token die Kosten für Unternehmen in die Höhe: So sagte Ubers CTO Praveen Neppalli Naga gegenüber der Nachrichtenseite „The Information“, dass das Unternehmen das eigene KI-Budget für 2026 schon in den ersten vier Monaten des Jahres aufgebraucht hatte. In einem Podcast hinterfragte auch Uber COO Andrew Macdonald kurz darauf das Ergebnis dieser Ausgaben: Es sei nicht leicht, eine „direkte Linie“ von den gestiegenen Kosten zu neuen Funktionen der App zu ziehen, so Macdonald.
