Katholikentag 2026: „Kämpfen Sie gegen Judenhass“


„Freunde sind weg. Die Leute, mit denen ich bei „Fridays for Future“ noch gemeinsam auf der Straße stand, die stehen jetzt auf der anderen Seite, getrennt durch Absperrgitter, und sie schreien ‚Yalla Intifada‘.“

Dieser Ruf wird häufig als Terrorverherrlichung eingestuft. Ron Dekel, der Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion, schildert beim Katholikentag in Würzburg den seit dem terroristischen Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023erstarkenden Antisemitismus in Deutschland:Demos in Universitäten, Boykottaufrufe, wachsende Ängste.Hamas wird von der EU, Deutschland, den USA und vielen anderen Ländern als Terrororganisation eingestuft.  

Ron Dekel im Porträt fotografiert, in einem Tagungsraum
Ron Dekel, jüdischer Student Bild: Christoph Strack/DW

Vor einigen Wochen wurde Dekel in Berlin unweit des Bundestages auf offener Straße angepöbelt und bedroht, weil er eine Kippa trug, eine jüdische Kopfbedeckung. Die Szene wurde bekannt, weil es ein Video gibt. „Es geht überhaupt nicht um mich“, sagt er nun im Reden. „Wenn ich über mich rede, dann rede ich über jede andere jüdische Person in Deutschland.“

Seit 1970 gehört der Jüdisch-Christliche Dialog zum Programm der deutschen Katholikentage. Beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Träger der Katholikentage gibt es seit 1971 einen engagierten Gesprächskreis „Juden und Christen“. Christlicher Antijudaismus gilt als eine der Wurzeln von modernem Judenhass. 

Dagmar Mensink, Ron Dekel, Sabena Donath, Olaf Zimmermann (von links nach rechts) sitzen in einem typischen Tagungssaal einer Akademie, über ihnen auf einer Leinwand das Tagungsmotto "Israelhass Judenfeindschaft und Solidarität in Deutschland - Zur gegenwärtigen Situation von jüdischen Menschen"
Solidarität? Auf dem Podium beim Katholikentag (von links nach rechts) Dagmar Mensink, Ron Dekel, Sabena Donath, Olaf ZimmermannBild: Christoph Strack/DW

Nun fallen mehrere Veranstaltungen im knapp fünftägigen Programm von Würzburg auf. Andernorts bei dem Christentreffen geht es auch um das oft schwierige Leben von Palästinensern und von Christen unter der israelischen Besatzung, in der Westbank. Und als am Donnerstag Bundeskanzler Friedrich Merz zu Besuch in der Stadt war, zog unabhängig vom Katholikentag ein kleiner Protestzug durch die Stadt: „Netanjahu bombardiert, Merz finanziert“.

Am 7. Oktober 2023 wurden in Israel mehr als 1200 Menschen, zumeist Juden, ermordet, hunderte in den Gazastreifen verschleppt. Im darauf folgenden Gaza-Krieg wurden auf palästinensischer Seite mehr als 70000 Menschen getötet.

„Nichts mehr, wie es war“

Für Jüdinnen und Juden in Deutschland sei „nichts mehr so wie es war“, sagt Dagmar Mensink vom ZdK-Arbeitskreis vor rund 140 Zuhörern in einem gut gefüllten Saal. Da geht es um „Israelhass, Judenfeindschaft und Solidarität in Deutschland“. Im Kern, das lässt sich sagen, um mangelnde Solidarität.

Dekel selbst erzählt, er sei „super-säkular“ aufgewachsen, die Gesellschaft habe ihn „in die Schublade ´jüdisch´ gesteckt“. Nun warnt er vor einer Gefährdung jüdischer Studierender durch antisemitische Bedrohungen und Gewalt. Er verweist auch auf das aktuelle „Lagebild Antisemitismus“ des Zentralrats der Juden. Demnach hat fast jede zweite jüdische Gemeinde bereits Vorfälle erfahren, viele Jüdinnen und Juden verbergen ihre Identität. Dekel betont, Antisemitismus sei „überall“. Er komme „mehrheitlich aus der Mitte der Gesellschaft“.

Sabena Donath im Porträt, im Hintergrund die typischen Stuhlreihen eines Tagungsraum mit einigen Teilnehmenden der Veranstaltung
Sabena Donath, künftige Direktorin der in Frankfurt/Main entstehenden „Jüdischen Akademie“ des Zentralrats der Juden Bild: Christoph Strack/DW

Ähnliches schildert Sabena Donath, künftige Direktorin der in Frankfurt entstehenden Jüdischen Akademie. Die Enkelin von Holocaust-Überlebenden wuchs im südafrikanischen Kapstadt auf und kam mit der Familie nach Deutschland. Sie spricht von der „Zäsur“ des 7. Oktobers, den Nachrichten, die das Handy „geflutet“ hätten, der Schockstarre, der „Lähmung und Angst“, dem baldigen Gefühl, von anderen allein gelassen zu werden. Es ist eine Schilderung von Schmerz und Hilflosigkeit.

Donath vermisst in Deutschland das Wissen um die Opfer des Holocaust. Und über jüdisches Leben heute: „Es kann doch nicht sein, dass alle etwas zum Nahostkonflikt zu sagen haben oder zu jüdischem Leben – und dass man über lebendige Juden und Juden nichts weiß…“

„Antisemitismus zum Thema machen“

Sie plädiert dafür, das Thema Antisemitismus in Deutschland anders zu behandeln und „über den Elefanten im Raum zu sprechen“. Jüdische Menschen in Deutschland seien jenseits des 7. Oktobers und der Gewaltspirale in Nahost „nicht sicher in Deutschland“. Veranstaltungen bräuchten Polizeischutz, jüdische Künstler würden ausgeladen, Unternehmen boykottiert. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, der, selbst nicht Jude, mit auf dem Podium saß, sprach ähnlich von der Stimmungslage im Kulturbetrieb. Es brauche Zivilcourage, sagte er. Die Zivilcourage, sich hinter Jüdinnen und Juden zu stellen, sei „auch mit Risiken verbunden“.

Kaum eine Stunde später im gleichen Gebäude, dem zentral gelegenen Burkardushaus. Bei einer Veranstaltung mit Abraham Lehrer geht es vordergründig um ein ganz anderes Thema – aber es ist der gleiche rote Faden, der Judenhass.

Abraham Lehrer spricht bei der Feier "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" in der Kölner Synagoge. Im Hintergrund erkennt man den Vorhang vor dem Thoraschrein
Abraham Lehrer, hier 2021 in der Kölner SynagogeBild: Melanie Grande/1700 Jahre juedisches Leben in D/epd

Der 72-Jährige ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der Synagogen-Gemeinde Köln. Er ist ein bekanntes Gesicht des Judentums in Deutschland. Auch deshalb wird der Veranstaltungsraum zunächst mit einem Sprengstoff-Spürhund gecheckt. Vor dem Gebäude und im Flur stehen Polizisten in Uniform und Beamte des Landeskriminalamts in Zivil. Mit Lehrer sitzen Personenschützer im Saal.

Schlussendlich kommen kaum zehn Zuhörerinnen und Zuhörer zu dem Gespräch, weniger, als Sicherheitskräfte im Haus sind. Vielleicht liegt es daran, dass der Titel „Ins Werk gesetzt“ eher verunklart als enthüllt. Denn es geht im Kern um christlichen Antijudaismus, der zu den Motivsträngen von Antisemitismus zählt.

Auch Zentralrats-Vorsitzender Schuster vor Ort

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist Würzburger. Lange praktizierte der heute 72-Jährige als Arzt in der Stadt, er sei, sagt er, „tief verwurzelt“. Er ist Ehrendoktor der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität. Sowohl am Donnerstag, als auch am Freitag nahm er, jeweils gut bewacht, aktiv an Veranstaltungen teil.

So ergreift Schuster bei einer „christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier“ im Congress Center der Stadt das Wort, die der Würzburger Bischof Franz Jung und der Berliner Rabbiner Andreas Nachama leiten. ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp ist dabei und verurteilt in einem Grußwort den Antisemitismus. Schuster sagt, der Dialog von Christen und Juden sei „keine Selbstverständlichkeit und keine Routine“.

An einer für Berlin typisch verschmierten Hausfassade im Prenzlauer Berg sieht man einen grünen Anstrich, der notdürftig einen Aufruf zur Ermordung aller Juden verdeckt.. Im Vordergrund ein Protestaufkleber gegen Antisemitismus
Vor wenigen Wochen wurde an eine Hausfassade im Berliner Prenzlauer Berg der Aufruf zur Ermordung aller Juden (hier bereits zugemalt) gesprüht. Im Vordergrund ein Protestaufkleber gegen Antisemitismus Bild: Christoph Strack/DW

Schusters Rede wird zu einem Appell an die Kirche und die Gesamtgesellschaft. Er verweist auf das Motto dieses Katholikentages „Hab Mut, steh auf“. Dieses Motto erfasse, was heute „leider häufig fehlt: Zivilcourage“. Der Einsatz für eine offene Gesellschaft werde „zur Ausnahme. Ich bin überzeugt, je seltener sie wird, desto mehr Bedeutung erlangt jeder einzelne Akt der Zivilcourage.“ Heute habe sich der Hass auf Juden wieder in der Mitte unserer Gesellschaft etabliert, so Schuster, sie sei in Teilen „abgestumpft“. Selbst wenn an Hauswänden Graffitis mit dem Aufruf zum Mord an Juden stünden, reagierten kaum mehr Menschen in Deutschland.

„Gegen den Judenhass, für die Demokratie“

„Stehen Sie auf! Stehen Sie als Katholiken, als Christen an der Seite der Jüdinnen und Juden in unserem Land! Kämpfen Sie gegen den Judenhass und für die Werte unseres Zusammenlebens, für die Demokratie, für die Würde eines jeden Einzelnen!“ Schuster spricht die Worte bedächtig und entschlossen, aus ihnen klingt auch Verzweiflung.

Josef Schuster bei einer Rede an einem Rednerpult. Der hintergrund ein schwarzer Saal.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Bild: Moritz Frankenberg/dpa/picture alliance

Wegen des Shabbat endeten die Veranstaltungen zum christlich-jüdischen Gespräch am Freitagnachmittag. Doch steht ein besonderes Element erst für die Schlussfeier des Christentreffens am Sonntag an. Nach dem Gottesdienst auf dem Residenzplatz spricht beim Abschied neben anderen auch Schuster. Ein Präsident des Zentralrats der Juden als Redner beim Abschluss eines Katholikentages – das gab es wohl nie zuvor.



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