Iran-Krieg: Gaskrise bedroht Indiens Glasindustrie


Glasflaschenproduktion in Firozabad


Reportage

Stand: 24.05.2026 • 07:57 Uhr

Die Stadt Firozabad ist das Herz der indischen Glasindustrie. Die durch den Iran-Krieg verursachten hohen Gaspreise bedrohen hier die Existenz vieler Menschen – dabei spielt auch das Taj Mahal eine Rolle.

Von Benedikt Schulz, ARD Neu-Delhi

Eine Glasfabrik inmitten von Firozabad, gut drei Autostunden entfernt von der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Hier ist es laut und hier ist es vor allem sehr, sehr heiß. An mehr als 1.000 Grad heißen Gasöfen schmelzen Fabrikarbeiter Glas und bringen es nach und nach in Form.

Sie stellen in großen Mengen Armreifen aus Glas her, ein traditioneller Schmuck für Frauen in Indien. Doch die laute Betriebsamkeit täuscht – denn tatsächlich fährt diese Glasfabrik gerade auf Sparflamme.

Arbeiter verpacken in einer Fabrik in Firozabad Glasarmreifen.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“

Fabrikbesitzer Parag Garg sagt, dass er die Produktion bereits um etwa 30 Prozent runterfahren musste. Und wenn weniger produziert werde, dann brauche er auch weniger Arbeiter, also würden sie vielleicht bald ihre Jobs verlieren.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Parag Garg, dessen Großvater die Fabrik gegründet hatte. „Wir hatten immer wieder mal Probleme, aber niemals in diesem Ausmaß, mit diesen Auswirkungen.

Garg kann nicht mehr so viel produzieren und muss gleichzeitig die Preise erhöhen. Armreifen sind jetzt um etwa 50 Prozent teurer. Er beschäftigt rund 100 Arbeiter – doch insgesamt seien rund Tausend Menschen direkt oder indirekt vom wirtschaftlichen Erfolg seines Betriebs abhängig, schätzt er.

Der Iran-Krieg, die anschließende Sperrung der Straße von Hormus, die weltweite Energiekrise – hier in Gargs Glasfabrik sind die Auswirkungen konkret zu sehen. Zu den gestiegenen Gaspreisen kommt erschwerend hinzu: Wichtige Rohstoffe für die Glasproduktion stammen aus Ländern des Nahen Ostens.

Das Taj Mahal muss weiß bleiben

Das größte Problem aber sei das Gas. Denn ohne kontinuierliche Gasversorgung lassen sich die hohen Temperaturen in den Schmelzöfen nicht erreichen, niedrigere Temperaturen würden die Qualität beeinträchtigen. Alternativen wie Stein- oder Braunkohle aus China oder dem heimischen Bergbau scheiden aus – nicht weil das nicht funktionieren würde, sondern wegen des Taj Mahals.

Firozabad liegt circa 35 Kilometer entfernt vom vielleicht bekanntesten Wahrzeichen Indiens. Und damit das weiterhin in weißer Pracht bewundert werden kann, hat die indische Regierung in den 90er Jahren eine Zone festgelegt, in der die Verbrennung von Öl, Stein- und Braunkohle verboten ist. Man kann es drehen und wenden wie man will: ohne Gas geht es nicht, weder in Parag Gargs Fabrik noch in Firozabad insgesamt. Denn in dieser Stadt hängt alles am Glas und damit am Gas.

Parag Yadav leitet Marg Shree Enterprises, ein Unternehmen das Glasschmuck produziert und weltweit exportiert, auch nach Europa, unter anderem Weihnachtsdeko. Er zeigt auf große Christbaumkugeln – unterschiedlich geformt und prächtig bemalt – und sagt: „Normalerweise wird hier im Mai, Juni und Juli für die Weihnachtssaison produziert. Aber die Nachfrage ist rapide gesunken. In dieser weltweiten Krise sind für die Menschen andere Dinge wichtig: Essen, Trinken, Wohnen.“

Firozabad hat einen Spitznamen: „Die Glasstadt“. Sie ist Heimat für rund 70 Prozent der gesamten indischen Glasproduktion. Seit Generationen lebt ein Großteil der Bevölkerung direkt oder indirekt von der Glasindustrie. Wenn die ins Stocken gerät, leidet die ganze Stadt.

Alles hängt am Gas

In einer Seitengasse lebt Ramdas Manav mit seiner Familie auf engstem Raum. Der Gewerkschaftsvertreter hat viele Jahre in Parag Gargs Fabrik gearbeitet. „Wir leben in ständiger Unsicherheit“, sagt er. Es gebe keine Aussichten, dass der Krieg bald endet. „Ohne Gas gibt es weniger Arbeit, weniger Geld, aber gestiegene Preise. Deswegen schränken wir uns ein, versuchen weniger auszugeben.“

Wie viele andere Menschen in Firozabad steht Ramdas Manav vor einem Problem: Wenn er nicht mehr in der Glasindustrie arbeiten kann, hat er keine Alternative. Das sagen einem viele der Menschen hier in der Stadt: Es gibt für mich nichts anderes. Tausende hätten bereits ihren Job verloren, berichtet der Gewerkschafter. Viele würden Firozabad verlassen wollen. Die Zukunft einer ganzen Stadt stehe auf dem Spiel.



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