HSV-Frauen-Trainer Rodolfo Cardoso im Interview: „Angst habe ich keine“



Herr Cardoso, als Spieler waren Sie bekannt für Ihre Technik und Spielübersicht, Sie haben unter anderem mit dem Hamburger SV in der Champions League gespielt. Wissen Sie auch, worauf es im Kampf um den Klassenverbleib ankommt?

Auf die Nerven. Die spielen eine große Rolle in den letzten Spielen einer Saison. Man muss nicht mehr schön spielen, aber man muss die nötigen Punkte holen. Für einen Aufsteiger ist das eine schwere Situation. Es fehlt manchmal die nötige Erfahrung, die Abgezocktheit in der einen oder anderen Situation.

Das gilt derzeit sowohl für die Männer als auch für die Frauen des HSV.

Ja, auch das verbindet uns gerade. Beide Teams haben noch alles selbst in der Hand, wir sind nicht abhängig von anderen Ergebnissen. Wenn wir mit den Frauen an diesem Freitag gegen Union Berlin gewinnen, wäre das schon mal ein großer Schritt. Die Männer spielen am Samstag in Frankfurt. Das ist ein schweres Spiel. Auch die Spiele gegen Freiburg und Leverkusen sind nicht einfach – die spielen alle um Europa und stehen unter Druck. Es ist immer schwer, das aus der Ferne zu beurteilen, aber Frankfurt kommt aktuell nicht so richtig in einen Rhythmus. Vielleicht ist genau das eine Chance für uns.

Sie wurden bei den Frauen des HSV vor zwei Wochen als Nachfolger von Trainerin Liése Brancão vorgestellt. Hat Sie das überrascht?

Ja, total. Das war schon eine Überraschung – auch für mich. Ich habe hier im Verein schon viele Mannschaften trainiert, aber an die Frauen hatte ich bisher noch nicht gedacht. Ich bin aber schon immer gern auf Risiko gegangen, so war ich auch schon als Fußballer. Ich mag solche Aufgaben. Und das hier ist eine neue Erfahrung, aus der ich viel lernen kann.

Machen die Spielerinnen etwas besser als Sie damals als Spieler?

Wir haben gute Spielerinnen hier, zwei, drei ähneln meiner Spielweise von damals vielleicht ein bisschen. Sie können noch mutiger spielen. Wir haben viele Nationalspielerinnen, die Qualität im Kader ist hoch. Ich bin dafür da, das Beste aus ihnen herauszuholen.

Ihr erstes Spiel gegen Nürnberg haben Sie am vergangenen Wochenende 1:0 gewonnen. Was haben Sie davor verändert?

Nicht viel. Ich bin der Meinung, dass die Mannschaft in so einer schwierigen Phase zusammenhalten muss. Bei einem großen Kader gibt es aber nun mal immer Spielerinnen, die es nicht in den Spieltagskader schaffen. Das ist nicht immer leicht für die Stimmung. Natürlich wissen die Mädels, dass es am Wochenende nur ein Teil von ihnen in den Kader schafft, das tut ein bisschen weh, auch weil sie sich alle im Training richtig reinhauen. Das tut mir leid, aber solche Entscheidungen musst du als Trainer treffen.

Beim Krafttraining war es Ihnen zuletzt zu ruhig. Sie haben deshalb die Musik laut aufgedreht.

In einer Mannschaft muss immer Freude zu spüren sein – ganz egal, um wie viel es geht. Es darf sich nicht immer nur nach Arbeit anfühlen. Das ist mir wichtig.

In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob Hamburg im Jahr eins nach dem Aufstieg wieder zwei Zweitligamannschaften hat. Haben Sie Angst vor dem, was kommt?

Angst habe ich gar keine, ich bin ein positiver Mensch. Wenn ich Zweifel hätte, dann wäre ich hier an der falschen Position. Ich glaube daran, dass der HSV in der kommenden Saison mit beiden Teams in der ersten Liga spielen wird.

Würde Sie der Job bei den HSV-Frauen auch über die Saison hinaus reizen?

Daran denke ich im Moment nicht. Ich fokussiere mich auf das Saisonende und darauf, die Liga zu halten. Über alles andere können wir später sprechen.

Vor fast vierzig Jahren sind Sie vom Weltpokalsieger Estudiantes de la Plata aus Argentinien beim FC Homburg gelandet. Wie war das damals?

Estudiantes hat Geschichte geschrieben in Argentinien und auch in der Welt. Der Verein hatte damals sehr viele sehr talentierte Nachwuchsspieler, die oft nach Europa gegangen sind. Nach Spanien oder nach Italien. Das Leben, das Essen, die Menschen, das war ungefähr so wie zu Hause. Argentinien und Deutschland – das war wie Tag und Nacht.

Und trotzdem hat Ihr Berater Sie in Homburg angeboten?

Ja, Oscar Iparraguirre hatte lange in Köln gelebt. Er hat den Deal damals eingefädelt. Ich bin einfach hingeflogen und habe Fußball gespielt.

Über Freiburg und Bremen sind Sie schließlich in Hamburg gelandet und bis heute dort geblieben. Warum?

Hier gefällt mir alles: der Verein, die Stadt. Meine Familie und meine Kinder fühlen sich hier wohl. Deshalb bin ich hier.



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