Hochfunktionale Depression: Wenn Leistung Leiden verdeckt



Dieser Artikel behandelt Themen wie Depressionen und Suizid. Die Inhalte können belastend oder emotional herausfordernd sein.

Wenn du dich selbst betroffen fühlst oder Suizidgedanken hast, bitte hole dir Unterstützung. In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Auch ein Chat-Angebot ist verfügbar unter: https://www.telefonseelsorge.de/

Es ist Sonntagmorgen. Irgendwann zwischen fünf und sechs schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Sofort habe ich tausend Dinge im Kopf, die erledigt werden müssen. Deshalb springe ich aus dem Bett. So ist das schon seit Jahren. 

Ich kümmere mich um die Wäsche, den Hund, das Frühstück. Mache Sport und denke über die kommende Woche nach und darüber, wie anstrengend die wird. Ich bin müde. Immer eigentlich.

Kurz darauf erzählt mir mein Sohn, dass er seine Bankkarte verloren hat. Eine Kleinigkeit. Eigentlich. Aber in mir kippt etwas. Ich kann nicht mehr aufhören zu weinen und sage meinem Mann, dass ich fertig bin mit diesem Leben. „Kannst du dich um mein Kind kümmern, wenn ich nicht mehr da bin?“

Ein banaler Auslöser. Und genau das macht mir Angst.

Doch die Suizidgedanken beunruhigen mich nicht – im Gegenteil. Sie bringen Ruhe. Sie sind die Lösung, die Exitstrategie raus aus diesem Leben, das keinen Spaß macht, das sich nur noch schwer, leer und erschöpfend anfühlt.

Depression ohne Antriebshemmung

Vor zwei Jahren wurde bei mir eine Depression  diagnostiziert. Einmal in der Woche gehe ich zur Therapie. Lange dachte ich, dass das reicht. Schließlich konnte ich immer zur Arbeit gehen, mich um die Familie und den Haushalt kümmern und soziale Kontakte pflegen. 

Jetzt bin ich in einer Tagesklinik und von Menschen umgeben, für die es eine enorme Anstrengung ist, den Geschirrspüler auszuräumen. Die an manchen Tagen das Bett nicht verlassen können. An Arbeit oder Sport ist für viele schon seit langem gar nicht zu denken. 

Mein Problem ist das Gegenteil: Je schlechter es mir geht, desto schneller bewege ich mich und hetze durch den Alltag. Irgendwo höre ich den Begriff „hochfunktionale Depression“. Die Antriebshemmung, die häufig mit einer Depression einhergeht, fehlt hier. Die Betroffenen erscheinen leistungsfähig und produktiv. Der Begriff beschreibt, wie sich das Leben für mich anfühlt: wie ein auf Effizienz getrimmter Albtraum. 

Warum „hochfunktionale Depression“ keine offizielle Diagnose ist 

Im ICD-10, dem internationalen Diagnoseschlüssel zur Klassifikation von Krankheiten, taucht der Begriff nicht auf. Um eine offizielle Diagnose, die Psychiater oder Psychologen stellen würden, handelt es sich also nicht. 

Ulrich Hegerl ist Psychiater und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Eine Depression ist eine Depression, sagt er. „Ich halte nichts von dem Begriff ‚hochfunktionale Depression‘, das ist ein Modebegriff, wie es ihn immer wieder gibt.“ 

Dass Menschen trotz Depression lange weiter funktionieren, erklärt er mit ihrer Persönlichkeit: „Menschen mit Depression sind häufig auch im gesunden Zustand eher Menschen, die für andere da sind, die sich einsetzen, die sehr verantwortungsvoll sind, niemanden enttäuschen wollen und deswegen auch oft mit allerletzter Kraft noch Leistung bringen.“ 

Zu Hause würden sie dann völlig erschöpft ins Bett fallen, sagt Hegerl. Und dann ist es auch vorbei mit der Produktivität. „Erschöpfungsgefühl, innere Daueranspannung, Schuldgefühle, Appetitstörungen, Schlafstörungen, Grübelneigung, alle typischen Depressionszeichen finden wir bei Menschen mit ‚hochfunktionaler Depression‘ wie bei allen anderen,“ sagt der Psychiater. 

Ist Depression eine echte Krankheit?

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Auch Daniel Huys, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt in der Allgemeinpsychiatrie am LVR-Klinikum in Bonn, verwendet den Begriff in der Praxis nicht. In der Klinik gehe es um Schweregrade: leicht, mittel oder schwer.

„In der ICD-10 finden wir keine hochfunktionale Depression. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt“, sagt Huys. Möglich sei, dass er Menschen, die die Diagnosekriterien einer Depression erfüllen, ihr Leben aber dennoch gestemmt bekommen, in seinem Klinikalltag nicht zu Gesicht bekommt. Dort landen eher Menschen, die die Anforderungen des Alltags nicht mehr erfüllen können und zusammenbrechen. 

Depression versteckt hinter Leistung und Erfolg 

Genau da liegt das Problem: „Das größte Missverständnis ist, dass das Leid einer Person oft heruntergespielt wird, nur weil sie nach außen erfolgreich oder produktiv wirkt“, sagt Adrianne McCullars. Sie ist promovierte Psychologin am Rogers Behavioral Health, einem Klinikverbund zur Behandlung psychischer Erkrankungen in Tampa, Florida.  

Sie findet, der Begriff „hochfunktionale Depression“ könne helfen, diese Form sichtbarer zu machen – eine, die oft übersehen werde. Auch von den Betroffenen selbst. Viele denken: Solange ich es immer noch schaffe aufzustehen und meinen Pflichten nachzukommen, kann es nicht so schlimm sein.   

Doch das ist gefährlich: Depression ist die häufigste Ursache von Suiziden in Deutschland. 

Adrianne McCullars widerspricht außerdem der Annahme, dass eine hochfunktionale Depression automatisch eine leichtere Form der Erkrankung ist. „Manche Menschen werden getrieben oder übermäßig produktiv, wenn sie depressive Symptome haben – als eine Art, mit diesen Symptomen umzugehen.“ 

Produktiv trotz Depression: Wenn Leistung zur Bewältigungsstrategie wird 

So habe ich es auch erlebt. Ich dachte: Wenn ich nur schnell alles erledige, wird die To-Do-Liste kürzer und mein Gefühl von Überforderung kleiner. Wenn ich in Bewegung bleibe, überrollt mich die Erschöpfung erst abends, wenn ich schlafen gehen kann. Wenn ich genug leiste, kann ich das bohrende Schuldgefühl in Schach halten, das ich permanent empfinde – gegenüber meiner Familie, meinen Kolleginnen und Kollegen, meinen Freundinnen und Freunden.  

Dieses Funktionieren und Leisten – gesellschaftlich hochgelobt – könne eine Ablenkung sein, sagt Daniel Wagner. Er ist psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Köln.  

Wenn sich das schwere Leid einer Depression hinter großer Leistung und Erfolg versteckt, dann oft deshalb, weil Stille und Ruhe vermieden werden müssen, „in denen sich ein Zustand offenbart, der schwer auszuhalten ist“, sagt Wagner.  

Achtsamkeit bei Depression: So hilft bewusstes Innehalten 

In der Therapie mit solchen Menschen gehe es deshalb darum „ins Spüren zu kommen, den Zugang zu Gefühlen ermöglichen und Regeneration zuzulassen“, sagt Wagner. Achtsamkeitsübungen seien genau dafür gut – „organisiertes Abhängen“ nennt der Psychotherapeut das. 

Das können Atemübungen oder geführte Meditationen sein, bei denen es nicht darum geht, irgendetwas zu verändern, sondern nur präsent zu sein und zu beobachten. Wagner sagt, er baue solche Regenerationsphasen strukturiert in den Tagesablauf seiner Patientinnen und Patienten ein. 

Ähnlich sind die Psychologen in der Klinik vorgegangen. Ich habe einen Wochenplan bekommen, mit dessen Hilfe ich jeden Tag strukturieren sollten. Arbeit, Haushalt, Sport und Dinge, die mir Spaß machen und guttun. Für mich ist der letzte Punkt immer noch das größte Problem und der wundeste Punkt.

In der Ruhe wird mein Kopf lauter, die Gefühle unangenehmer. Ich will am liebsten wieder losrennen. Mich vor der Verantwortung drücken, mit mir selbst umzugehen. Das bedeutet: stehen bleiben, aushalten, nichts tun.



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