Helena Falkes Thriller „Noch fünf Tage“
Den Mörder als Erstes unter den Bediensteten zu vermuten, ist ein Klischee, das vor allem klassische britische Kriminalromane verfestigt haben. Wenn im Landsitz der reichen Familie jemand zu Tode kommt, fällt der Verdacht des Detektivs als Erstes auf den Butler, Gärtner oder Koch. Helena Falke (das Pseudonym „einer mehrfach ausgezeichneten deutschsprachigen Autorin“, wie der Klappentext verrät) nimmt für ihren Kriminalroman „Noch fünf Tage“ dieses Klischee, bearbeitet es mit dem Pürierstab und gibt eine große Prise Whodunit dazu.
Natürlich, so klassisch darf es sein, beginnt die Handlung mit Mord. Nicht nur einem. Eine ganze Familie hat das Festessen in der Silvesternacht nicht überlebt. Die Harmans waren Milliardäre, die Feiertage hatten sie auf ihrem Anwesen in Davos verbracht. Während die Polizei die Leichen des Ehepaars und der beiden Kinder untersucht und eine Vergiftung als Todesursache erkennt, transportieren die Rettungssanitäter die einzige Überlebende des Dramas ins Krankenhaus: die Spitzenköchin Lis Castrop. Recht schnell stehen die Polizisten vor deren Krankenbett, denn bei Gift fragt man am besten die Köchin, wie es ins Essen geraten ist. Die Ermittler machen keinen Hehl daraus, dass sie Lis für die Hauptverdächtige halten – auch wenn sie selbst eine gute Portion der tödlichen Substanz abbekommen hat und die Ärzte ihr nur noch fünf Tage zu leben geben.
Warum im Flugzeug so viele Gäste Tomatensaft bestellen
„Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet“, sagt sich Lis Castrop und beginnt vom Krankenbett aus ihre Erinnerungen nach Anhaltspunkten zu durchforsten.

Wer auch immer Helena Falke ist, Thomas Manns „Der Zauberberg“ hat sie gelesen, sie winkt dem Klassiker nicht nur mit dem Namen ihrer Hauptfigur und dem Schauplatz ihres Romans, auch die Idee, die Handlung komplett vom Zimmer im Krankenhaus mit Blick über die Berge aus zu erzählen, kann als Verbeugung verstanden werden. Der Rest ist Krimihandwerk.
Falke gliedert ihren Roman entsprechend der von den Ärzten gegebenen Prognose als Countdown in fünf Teile – für jeden Tag einen –, zudem beginnt jedes Kapitel mit den Ziffern der Digitaluhranzeige und macht den Zeitdruck deutlich, unter dem Lis steht, während ihre Kräfte immer mehr schwinden. Zur Seite hat die Köchin die hilfsbereite Krankenpflegerin Esme, die mit ihr das Knäuel an Beziehungsfäden der Harmans nach Rachegelüsten durchkämmt.
Mithilfe Esmes und deren iPads findet Lis heraus, dass ein früherer Freund des Verstorbenen nun dessen Posten beim Weltwirtschaftsforum übernimmt und dessen Ausrichtung zu ändern gedenkt. Und eine ehemalige Freundin der Verstorbenen hatte sich mit ihr überworfen, nachdem die Harmans Geld für ein Wohltätigkeitsprojekt zur Tierrettung gestrichen hatten. „Ich könnte sie umbringen“, hatte die frustrierte Engagierte damals im Garten des Landsitzes der Köchin zugeflüstert. Genügt das schon als Motiv? Und was ist mit dem früheren Geschäftspartner, Lis’ ehemaligem Chef eines Spitzenrestaurants, mit dem der Milliardär ein langes Konkurrenzspiel laufen hatte?
Weil die Köchin all das aus der Ich-Perspektive erzählt, lernt man ganz nebenbei so einiges über Essen, zum Beispiel warum im Flugzeug so viele Gäste plötzlich Tomatensaft bestellen („In zehntausend Metern Höhe schmeckt er besser als sonst, süßer, fruchtiger.“). Das Hauptaugenmerk aber legt Falke auf die menschlichen Abgründe in der Welt der Superreichen – und wer würde die ungefilterter mitbekommen als das Personal?
Gleich dem Inventar habe die Familie sie behandelt, wenn es um das Ausbreiten ihrer Gefühlswallungen ging, erzählt Lis. Auf ihren Rat hörten sie trotzdem gern. Der Milliardärin habe sie geholfen, einen kompletten Imagewechsel nur über die Kleidung zu vollziehen, erinnert sich Lis. Die Köchin gehörte zum Kreis der engsten Vertrauten und hatte durchaus so einige Kränkungen einzustecken. Denn mit dem Luxus kam für sie auch der Wunsch, dazugehören zu wollen. Als die Milliardärin sie einmal mit Freundinnen in ein Designerspa einlud, triumphierte sie: „Ich bin nicht mehr nur eine Angestellte. Ich bin mehr.“ Lange sollte das Hochgefühl nicht andauern, die Demütigung folgte umgehend. So behandelten die Harmans viele. Falke verrührt diese klassischen Zutaten zu einem spannenden Krimi, der wie ein Gericht der Spitzenküche einige überraschende Nuancen bereithält.
Helena Falke: „Noch fünf Tage“. Thriller. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 303 S., geb., 20,– €.
