GNTM TV Kritik | FAZ
Seit am 11. Februar die 21. Staffel „Germany’s Next Topmodel“ per Massencasting debütierte, hat Laufstegakademikerin Heidi Klum der runwayaffinen TV-Nation wieder einiges beibringen können. Zwischen romantischen Ausflügen ins Plusquamperfekt und militärisch präzisen Fehleranalysen blieb viel Platz für Anekdoten aus dem bewegten Leben einer Ü50-Werbeikone und umstrittene Castingentscheidungen. Und diese Woche, im Halbfinale, kam sogar noch eine Lehrstunde über popkulturelle Mysterien hinzu: Wir lernen, dass „Harper’s Bazaar“ kein Flohmarkt der Tochter von Victoria und David Beckham ist, sondern die teutonische Ausgabe eines international operierenden US-Modemagazins.
Die verkaufte Auflage der deutschen „Harper’s Bazaar“ beträgt 37.997 Exemplare, was einem Minus von 52 Prozent seit 2015 entspricht. Schneller seine Beliebtheit halbiert hat nur Friedrich Merz. Um diesem Abwärtstrend Einhalt zu gebieten, wird Chefredakteurin Kerstin Schneider Höchs selbst das Cover-Shooting überwachen. Sofern ProSieben im Rahmen umfangreicher Konzeptkorrekturen 2027 nicht die „Bäckerblume“ als neuen Magazinpartner rekrutiert, wird Schneider im kommenden Jahr 10-jähriges Jubiläum als GNTM-Titelseitensozius feiern.
Um zuvor aber auch den neunten GNTM-Auftritt ihres Erfolgsmagazins zu etwas Besonderem zu machen, hat Schneider neben ihrer obligatorisch schwarzen TV-Garderobe ein innovatives Shooting-Konzept dabei: „Crazy Kontrast!“ Und um den couturestabil zu kreieren, platziert sie in Maison Margiela gekleidete Models neben künstlich angelegte Sandberge in der Wüste vor Los Angeles. Das Konzept Kontrast (schon wieder lernen wir etwas) liebte auch Helmut Newton, erklärt Schneider. Diese modehistorische Lehrstunde weiß auch Heidi Klum zu schätzen: „Kerstin kommt immer mit neuen, anderen Ideen!“ Was auf jeden Fall toll ist. Deutlich besser zumindest als immer nur mit neuen, gleichen Ideen aufzuwarten.
Aus Sendezeitüberbrückungsgründen versucht Klum anschließend drei Minuten lang, die sechs Meter vom Set zu ihrem Jurystuhl auf einem aus unerfindlichen Gründen bereitstehenden Quad zurückzulegen, bekommt allerdings den Motor nicht an: „Moment, ich muss erstmal einen Gang finden!“ Wobei sich an der Stelle wenigstens ein Kreis schließt. Den richtigen Gang suchen die Kandidatinnen ja auch. Auf dem Laufsteg.
Als Tony den Reigen der Coveraspiranten eröffnet, knipst Kerstin Schneider vor lauter Verzückung den Thomas Hayo in ihr an: „Ich mag das sleeke mit diesem toughen Look!“ Für Anika hingegen hat Schneider alte Bühnenoutfits von Elton John aufgekauft und ihr aus dem reichhaltigen Fundus pinken Federschmucks ein mittelmäßig fashionkompatibles Krönchen gebastelt. Verständlich, denn nichts schreit mehr „Haute Couture“ als trostloser Kopfschmuck, der jederzeit nebenberuflich als Lendenschurz für „Moulin Rouge“-Tänzerinnen anfangen könnte.
Bei Godfrey fällt das Gesamtfazit durchwachsen aus. Klum identifiziert bei seinem Auftritt Analogien zu den amourösen Fähigkeiten ihres Ehemannes: „Es kam mir so vor, als wäre er der Schnellste!“ Auch bei Aurelie verwechselt Klum Cover-Shooting mit olympischem Sprintwettkampf und bewertet hauptsächlich Beschleunigungsaspekte: „Du warst die Schnellste von den Mädels!“ Die schnellste von den Bewertungen hingegen ist Kerstin Schneider. Noch während Luis im Set steht, gibt sie ihr offizielles Ranking bekannt:
Pech für Luis. Seine Chancen auf den Titel sind damit passé. Wer bei GNTM gewinnt, das entscheidet immer noch Heidi Klum. Für die Damen des Modelhauses möchte Schneider dagegen kein konkretes Ranking aufstellen. Wen soll sie auch auf die Pole Position setzen – Marlene ist ja nicht mehr da.
Um beim letzten Walk vor dem Finale noch etwas Persönlichkeit zu simulieren, nutzt der ProSieben Dialogredakteur die Wartezeit im Backstage-Bereich, um Luis und Anna in einen aufgezwungenen Deeptalk zu verwickeln. Brav fragt Luis also Anna, ob sie je gedacht hätte, mal hier im Halbfinale zu sitzen. Die spielt artig mit und kokettiert: „Nie im Leben! Und Du?“ Leider verpasst Luis die ikonische Antwortoption: „Nein, aber ich kannte dich ja auch gar nicht!“
Um den Unmut der Fanbasis nicht allein schultern zu müssen, wenn direkt vor dem Finale Kandidaten in die ewigen Modeljagdgründe verabschiedet werden, hat Klum hochkarätiges Gastjurorenmaterial eingeladen. Neben Coverbereitstellerin Schneider und den dekolletéfreundlichen Allroundtalenten Hans und Franz nimmt Supermodel Candice Swanepoel am Laufsteg Platz. Vor allem Aurélie ist begeistert. Sie hat „alle Victoria’s Secret Shows von ihr gesehen!“ Vor allem Swanepoels Debutshow 2007 soll ihr gefallen haben. Da war Aurélie knapp zwei Jahre. Fun-Fact am Rande: Die Kandidatinnen kennen vierundachtzig verschiedene Arten, wie man „Swanepoel“ ausspricht.
Als losgelaufen wird, identifiziert Klum ein paar aquatische Besonderheiten bei Daphne: „Der Mund geht immer auf und zu, wie bei einem Karpfen!“ Ungünstig, denn Fischattitüde ist in der Haute Couture kein gefragtes Talent. Außer vielleicht bei Vivienne Welswood, Walentino, Barschlenciaga oder Dorsche & Gabbana.

Für Anika wirft Klum dann wieder ihren Zotenmotor an und spendiert einen Satz, den man sonst nur an Porno-Sets hört: „Bring mehr Pep in deinen Schritt!“ Auch Katrin Schneider registriert Kritikpotenzial: „Du hast dein Gesicht vergessen!“ Für Anika ist das Finale also ebenfalls Geschichte. Models ohne Gesicht haben üblicherweise noch weniger Chancen als Models ohne Job.
Nach einer qualvoll euphorischen Rückblick-Orgie, in der Klum eine knappe Stunde lang Staffel-Highlights der acht Final-Kandidaten verliest, beruft die Bergisch-Gladbacher Rekrutierungsmaschine als erste Anna, dann Aurélie und zuletzt Daphne ins Finale. Die gesichtslose Anika wird das Finale erwartungsgemäß nur als Zaungast erleben. Sie bleibt aber demütig und bedankt sich bei Klum, „dass du an mich geglaubt hast“. Zumindest bis zum Halbfinale.
Ibo sieht sich derweil „vor der schwersten Entscheidung seines Lebens“. Offenbar hat er die Spielregeln noch immer nicht begriffen. Er wird heute gar nichts entscheiden. Das erledigt Klum traditionell in Eigenregie. Also schickt sie hintereinander Godfrey, Ibo und Tony ins Finale. Wie nach Schneiders Loblied auf ihn zu erwarten, wird Luis aussortiert. Der Kader für die Model-WM steht also. Das Finale bestreiten Anna, Aurélie, Daphne, Godfrey, Ibo und Tony. Schon in einer Woche werden zwei von ihnen ein „Harper’s Bazaar“-Cover zieren. Wer das sein wird, erfahren Sie am zuverlässigsten dann genau hier. Bis dann!
