Gewalt in Belfast: Abgeordnete spricht von „rassistischem Pogrom“

Unruhen in Nordirland, bei denen Autos und Häuser in Brand gesteckt wurden, haben in der Nacht zum Mittwoch das Ausmaß „eines rassistischen Pogroms“ erreicht. Die Belfaster Unterhausabgeordnete Claire Hanna (Labour) rechtfertigte ihre Einschätzung damit, sie habe Männer „von Haus zu Haus gehen und nach Ausländern suchen sehen“. Nur deren Hautfarbe habe eine Rolle gespielt.
Die gewaltsamen Ausschreitungen hatten begonnen, nachdem ein Video eines Messerangriffs verbreitet worden war, bei dem ein Sudanese auf einen am Boden liegenden blutüberströmten Mann einsticht. Passanten deuten das als Enthauptungsversuch. Sie versuchen, die beiden zu trennen. Das Opfer befindet sich mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus. Der Täter, der sich mit einem legalen Flüchtlingsstatus in Nordirland aufhielt, wird an diesem Mittwoch dem Gericht vorgeführt und sieht einer Mordanklage entgegen.
Die Feuerwehr in Nordirland teilte am Mittwoch mit, sie sei in der vergangenen Nacht 256-mal alarmiert worden und habe 62 Einsätze gehabt, die meisten davon in Belfast. Die Polizei rief die Bevölkerung zur Ruhe auf und sprach von „sporadisch aufflammenden Unruhen“. Der britische Nordirlandminister Hilary Benn verurteilte die Gewalttaten und sagte, es gebe keinerlei Rechtfertigung für „diese Art von Zerstörung und Rowdytum“.
Die Unruhen eskalierten zuerst im Osten Belfasts, wo Mülltonnen und ein Nahverkehrsbus in Brand gesetzt wurden. Später gerieten Häuser im Norden der Stadt in der Crumlin Road in Brand. Ein Pfarrer, der Augenzeuge der Brandstiftungen war, sagte, es seien Menschen aus ihren Häusern gezogen worden, „nur wegen ihrer schwarzen Hautfarbe“.
Vor einem Jahr gab es schon einen Ausbruch von Gewalt
In der Stadt Newtownabbey wurden Autos in Brand gesteckt, in Portadown brannte ein Polizeiauto, in Ballyclare ging ein türkischer Friseurladen in Flammen auf. In vielen anderen Orten Nordirlands, auch in Schottland, gab es friedliche Protestversammlungen.
Vor genau einem Jahr war Nordirland schon einmal Schauplatz gewaltsamer Unruhen. Damals verwüstete eine gewalttätige Menge in drei aufeinanderfolgenden Nächten Straßenzüge in Ballymena. Den Anlass dieser Ausschreitungen bot eine Anklage gegen zwei rumänische Teenager, die wegen versuchter Vergewaltigung angeklagt worden waren.
Die Polizei gab damals die Einschätzung ab, die Gewalttaten richteten sich gezielt gegen ethnische Minderheiten und gegen die Ordnungsbehörden. Die Bilanz der Unruhen vor einem Jahr lautete auf 107 verletzte Polizisten, zahlreiche beschädigte Gebäude und mehrere in Brand gesteckte Einsatzfahrzeuge. Die Unruhen griffen auch vor einem Jahr auf andere Orte über. In der Hafenstadt Larne brannte ein Freizeitzentrum nieder.
Debatte über offene Grenze auf der irischen Insel
Aus der Zeit des bürgerkriegsähnlichen Nordirlandkonflikts, in dem sozial, nationalistisch und religiös motivierte Spannungen über drei Jahrzehnte hinweg rund 3500 Todesopfer forderten, hat sich in der Region eine aggressive Spannung erhalten. Noch immer werden Identitäten gemäß der Zugehörigkeit zu protestantischen oder katholischen und damit zu britisch-unionistischen oder irisch-nationalistischen Milieus bestimmt; noch immer ereignen sich auch Gewalttaten, die durch diesen Gegensatz motiviert sind.
An der Person des sudanesischen Messerattentäters entzündete sich am Mittwoch sogleich eine politische Debatte darüber, ob die grüne Grenze zwischen Nordirland und der irischen Republik es dem Flüchtling erleichtert habe, in das Vereinigte Königreich einzureisen. Großbritannien und Irland einschließlich der Republik Irland bilden eine gemeinsame Sicherheitszone, in der interne Reisefreiheit ohne Ausweiskontrollen herrscht.
Immer wieder entstehen daraus gegenseitig Vorwürfe, illegale Migranten würden diesen Umstand nutzen, um unerkannt aus Irland in das Vereinigte Königreich zu reisen oder umgekehrt, je nachdem wo ihnen die Lebensumstände besser erschienen. In Dublin wird darauf verwiesen, dass viele Flüchtlinge, die dort Asyl beantragten, zuvor illegal in Booten über den Ärmelkanal nach Großbritannien gelangt seien.
