Gesundheitsnotstand durch Klimakrise | FAZ

Wie hoch wir das Thema Gesundheit in unseren täglichen Verrichtungen gewichten wollen, ist nicht mehr so einfach zu sagen. Knigge-Experten halten schon einige Zeit nicht mehr viel davon, „Gesundheit“ als Ausdruck unserer persönlichen Anteilnahme wegzulassen, wenn jemand kränkelnd niest. Politisch kann man die Krankheitsäußerungen allerdings nicht diskret ignorieren.
Das könnte daran liegen, dass die chronische Reformitis im Gesundheitswesen einfach zu keinem akzeptablen Ende kommen will und das anfängliche Hüsteln zu einem heftigen Röcheln geworden ist, das aus allen Ecken kommt. Man muss aber auch nüchtern feststellen, dass der allgemeine Wunsch nach mehr Gesundheit inzwischen auf praktisch jeder politischen Bühne Gewicht bekommen hat.
Relativierung akuter Notlagen
Jüngstes Beispiel: Die elfköpfige Expertengruppe „Pan-European Commission on Climate and Health“, eine die Weltgesundheitsorganisation WHO beratende Versammlung von Ex-Gesundheitspolitikern und -ministern, hat am Wochenende ihren Abschlussbericht zu den Gesundheitsgefahren durch den Klimawandel vorgelegt und die WHO aufgefordert, die Klimakrise als „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ einzustufen. Höchste Alarmstufe also.
Medizinisch betrachtet mag manches dafür sprechen, die politisch weithin unbeachteten Gesundheitsrisiken der Erderwärmung konkret anzugehen. Gesundheitspolitisch ist das allerdings eine fahrlässige Relativierung von tatsächlich akuten Notlagen, wie sie die Corona-Pandemie tatsächlich war.
Unabhängig davon, ob die WHO-Versammlung diese Woche in Genf darauf reagiert, zeigt die Offensive: Das Thema Gesundheit hat politisches Seuchenpotential. Von der Zucker- und Alkoholsteuerdebatte bis zu den sich häufenden offenen Briefen von Medizinern und Fachgesellschaften, von denen einer beispielsweise aktuell zum autonomen Fahren kursiert.
Einige sehr renommierte US-Ärzte propagieren darin, vollautomatisiertes Fahren oder wenigstens die Forschung daran voranzutreiben, weil sich damit mehr als vier von fünf Unfällen mit Verletzungsfolgen vermeiden ließen. Ihre einzige Studienquelle: die Unfalldaten eines US-Herstellers von selbstfahrenden Autos. Wissenschaftlich ist das ein schwerer Beinbruch. Da möchte man „Gesundheit“ rufen oder kniggetauglicher: „Das klingt nach Beschwerden – in dem Fall gute Besserung.“
