Fußball-WM 1938: Pyrrhussieg der Schweiz

Wenn Fußball und Politik sich vermengen, ist das Ergebnis oft zweischneidig. Von den Deutungen des bis 2018 schlechtesten deutschen WM-Abschneidens hat sich meist jene durchgesetzt, die zwei Gründe für das Scheitern „Großdeutschlands“ gegen die kleine Schweiz ausmachte: die politisch aufgeladene Aggression der Zuschauer gegen das Team von Sepp Herberger – und dessen Ohnmacht angesichts des Befehls aus Berlin, eine Elf aus sechs „Reichsdeutschen“ und fünf Spielern aus dem „angeschlossenen“ Österreich zu bilden.
Die Möglichkeit einer anderen, unpolitischen Ursache wird meist ignoriert: dass womöglich die Schweiz einfach den besseren, moderneren Fußball spielte. Es war ein gebürtiger Wiener, der die eidgenössische Elf in jenen Vorkriegsjahren in eine der besten Europas verwandelte, Karl Rappan mit seinem „Schweizer Riegel“: einer Dreierabwehr mit „Ausputzer“ dahinter (dem späteren „Libero“) und „Vorstopper“ davor (dem heutigen „Sechser“). Die Positionen verschoben sich im Spiel so, dass möglichst eine Überzahl in Ballnähe entstand.
Sturmwirbel trotz Platzwunde
Dank dieser taktischen Neuerung gewannen die Schweizer kurz vor der WM 2:1 gegen England, das zuvor in Berlin die Deutschen 6:3 geschlagen hatte. Diese Schweiz war kein Fußballzwerg, sie war ein europäisches Topteam. Zum WM-Auftakt gab es für Rappans Elf ein 1:1 gegen Deutschland. Nun, fünf Tage später, liegt sie im Wiederholungsspiel früh zurück. Nach Hahnemanns Tor und Lörtschers Eigentor prangt im Prinzenpark nach 22 Minuten neben dem Werbelogo „Cinzano“ in riesigen Lettern: „Allemagne 2, Suisse 0“.
Doch die Schweizer wirken nicht verunsichert. Sie haben die beste Offensive ihrer Geschichte auf dem Feld, und die nimmt nun die Arbeit auf. Eugène Walacek, dessen Spielkunst Paul Klee kurz vor der WM zu dem auf einer Sportseite der „Nationalzeitung“ gemalten Bild „Alphabet 1“ inspirierte, trifft kurz vor der Pause zum 2:1. Den nun entfesselten Sturmwirbel kann auch die klaffende Kopfwunde, die Georges Aeby im Zweikampf erleidet, nicht lang bremsen. Als nach zwanzigminütiger Unterzahl die Wunde genäht und der Linksaußen mit großem Kopfverband wieder auf dem Feld ist, drehen die Schweizer entscheidend auf.
Heber im Hexenkessel
Nach Raftls zu kurzer Faustabwehr erzielt der zwanzigjährige Fredy Bickel, „Goldfuß“ genannt, per Heber über Torwart und zwei Verteidiger, ganz cool im Hexenkessel, eines der lässigsten Tore der WM-Historie. Alt- und Neu-Deutsche fallen auseinander, und André Abegglen (sechs Jahre später einer Sepsis infolge eines Zugunglücks erlegen) entscheidet mit zwei Toren binnen drei Minuten die Partie.
Für die Schweizer ist dieser Triumph Heldenstück und Pyrrhussieg zugleich. Nur drei Tage nach dem zweiten Kraftakt gegen die Deutschen müssen sie wieder antreten, gegen Ungarn, das nach dem 6:0-Spaziergang gegen Niederländisch-Indien sieben Tage ruhen konnte. Sie verlieren 0:2. Doch bis heute gilt das 4:2 in der Schweiz als größtes Spiel der „Nati“.
Die Deutschen um Kapitän Fritz Szepan zeigen sich damals als gute Verlierer und gratulieren dem Gegner. Herberger aber notiert, als ahne er, dass er erst 16 Jahre später wieder eine deutsche WM-Elf haben wird: „Ich: so einsam und verlassen auf einem hohen Felsenrand.“
