Frankreich leidet unter Hitze: Konjunktur durch Wetter belastet – Wirtschaft


Auf dem Pariser Bahnhof Saint-Lazare gibt es sogar auf Deutsch die Durchsage: „Achten Sie darauf, genug zu trinken.“ Vor dem Musée de l‘Orangerie neben der Place de la Concorde verteilen Mitarbeiter Regenschirme als Sonnenschutz an all jene, die trotz brütender Hitze Wartezeiten von einer Stunde in Kauf nehmen, um sich dann im klimatisierten Innern an den wunderbaren Seerosen-Bildern von Claude Monet zu erfreuen.

Den sechsten Tag in Folge gab es am Donnerstag in der französischen Hauptstadt Temperaturen über 30 Grad, im Großraum Paris und in 16 weiteren Departments wurde die orange Warnstufe ausgelöst, die erhöhte Vorsicht und Gesundheitsgefahren bedeutet. Im Südosten des Landes stieg das Thermometer auf 37,8 Grad an. Noch nie gemessene Höchstwerte wurden im Mai registriert, seit Anfang dieser Woche wurden die Rekorde Tag für Tag übertroffen.

Die Hitze ging mit einer Verschlechterung der Luftqualität in ganz Frankreich einher, die Ozonbelastung überstieg kritische Werte. Bis Samstagabend gelten deshalb Verkehrsbeschränkungen im Großraum Paris, nur Fahrzeuge mit einem geringeren Schadstoffausstoß dürfen innerhalb eines Rings um die Großstadt unterwegs sein. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf den Straßen wurde um 20 Kilometer pro Stunde reduziert.

Druck auf die Regierung steigt

Mit der Dauer der Hitzewelle stieg auch der Unmut, mit dem die Regierung konfrontiert war. So schwärmten Minister zu Interviews aus, um zu beschwichtigen: Hitze sei doch nichts Ungewöhnliches mehr. Aber der Druck war so groß, dass der Regierungschef am Donnerstag ein Dutzend Kabinettskollegen versammelte, um einen „Ministerplan zum Umgang mit Hitzewellen“ zu erarbeiten. Bekannt wurde danach wenig. Einzig das Bildungsministerium gab bekannt, dass nur in Ausnahmefällen Schulen geschlossen bleiben dürfen, weil einzelne Orte bereits vorgeprescht waren und Schüler hitzefrei gegeben hatten.

Die Regierung sah sich nicht nur mit Vorwürfen von Umweltschützern konfrontiert. Dass Frankreich stärker als andere Staaten in Europa vom Klimaschock betroffen ist und dringend gehandelt werden müsse, diese Warnung veröffentlichte die französische Zentralbank in einem Bericht vom 22. April mit beunruhigenden Prognosen: Das Bruttoinlandsprodukt könnte in diesem Jahr um 7,4 Prozent sinken, falls es zu einer Reihe extremer Wetterereignisse komme und in der Politik keine raschen Anpassungen an den Klimawandel vorgenommen würden, hieß es da. Im EU-Durchschnitt könnte der Rückgang bei 4,8 Prozent liegen.

Die extreme Hitze war dann in diesem Jahr schneller da als das Thema auf der politischen Agenda. Und das, obwohl Frankreich schon einen Rückgang der Konjunktur durch den Iran-Krieg verkraften muss. Die Banque de France stützt sich in ihrem Bericht auf Szenarien des Netzwerks für ein grüneres Finanzsystem (NGFS): „Diese Szenarien sind keine Prognosen, sondern plausible Zukunftsszenarien, die für das Risikomanagement nützlich sind.“ So wird mit einer klimabedingten Beeinträchtigung der Konjunktur um 3,4 Prozent in Frankreich im kommenden Jahr und 3,3 Prozent im EU-Durchschnitt gerechnet. Weil Arbeitnehmer hitzebedingt ausfallen, der Verkehr eingeschränkt wird und Produktionen gedrosselt werden.

Milliardenverluste in Deutschland

Auch für Deutschland gibt es Warnungen. Sollten sich die Hitzewellen des vergangenen Jahrzehnts wiederholen, geht der Kreditversicherer Allianz Trade bis zum Jahr 2030 von wirtschaftlichen Verlusten in Deutschland in Höhe von rund 112,5 Milliarden Euro aus. Im Schnitt verschlechtere sich die Haushaltslage hitzebedingt um etwa 0,9 Prozent des BIP pro Jahr, heißt es in der vom Spiegel zitierten Analyse. Der Untersuchung zufolge sinkt die Produktivität pro zusätzlichem Grad über 30 Grad um etwa drei Prozent. Gleichzeitig stiegen die Energiekosten um etwa 1,2 Prozent pro Grad durch einen höheren Kühlbedarf.

In Frankreich sind die wirtschaftlichen Auswirkungen in einigen Bereichen der Wirtschaft beträchtlich. Naturgemäß am stärksten betroffen sind von Trockenperioden die Landwirtschaft (-17,2 Prozent), das Baugewerbe (-21,8 Prozent) und Biokraftstoffe (-20,2 Prozent). Profitieren könnte der Logistikbereich durch Umrüstungen.

In dem Beitrag der französischen Notenbank werden durch Produktionsausfälle auch Auswirkungen auf die Inflation prognostiziert – plus 0,7 Prozentpunkte auf europäischer Ebene. Im kommenden Jahr könnten die Auswirkungen der Klimakrise die Inflationsrate auf 3,1 Prozent anheizen. „Die Europäische Zentralbank (EZB) stünde dann vor einem Dilemma: Sie müsste die Zinsen anheben, um die Inflation zu bekämpfen, riskierte dabei aber, die wirtschaftliche Erholung zu schwächen“, heißt es in dem Bericht. Negative Auswirkungen werden auch auf dem Arbeitsmarkt erwartet. Die derzeit bei 8,1 Prozent liegende Erwerbslosenquote könnte um bis zu 1,3 Prozentpunkte ansteigen.

Die französische Landwirtschaft ist jedenfalls jetzt schon sicher, dass es zu geringeren Erträgen in diesem Jahr kommen wird. Auch wenn es keine Vergleichswerte für solch eine frühe Hitzeperiode gibt, wird mit Einbußen bei Getreide von etwa zehn Prozent gerechnet.

Bisherige Initiativen reichen nicht aus

Die extreme Hitze erhöht in Frankreich den Druck, konkrete Maßnahmen für mehr Klimaschutz umzusetzen. So gibt es schon verschiedene Initiativen, die aber nach Meinung von Experten nicht ausreichend sind. Die Regierung stellte am Dienstag dieser Woche den Plan für mehr Elektrifizierung vor, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Auch wenn die Regierung 2022 ein Sekretariat für ökologische Planung eingerichtet hat, stellt der Staat nur acht Prozent der Ausgaben für die ökologische Transformation bereit, heißt es in einer Studie des Climate Action Network, die La Tribune veröffentlichte.

Auch in Paris hat man etwas getan, seit 2020 wurden unter der sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo fast 150 000 Bäume gepflanzt. Der im März gewählte Nachfolger Emmanuel Grégoire versprach eine „massive Begrünung“ der Stadt. Aber was nützen die Bäume, wenn man die Menschen aus dem Schatten vertreibt? So kennen die Parksheriffs keine Gnade: Jeden Abend pünktlich um 21.15 Uhr erscheinen sie, noch vor Sonnenuntergang werden die Menschen mit einer Trillerpfeife und lauten Rufen aus den Parks hinauskomplimentiert. Daran ändert auch die frühe Hitzewelle nichts.



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