Festgeld, Anleihen und Bauzinsen: Warum die Zinswende längst läuft
Die EZB hält still, doch an den Märkten steigen die Zinsen bereits. Bundesanleihen rentieren so hoch wie seit 2011 nicht mehr. Für Hausbauer wird es teurer, Sparer bekommen mehr Festgeldzinsen.
Die Europäische Zentralbank hat nicht an den Zinsen gerührt. Der Einlagenzins bleibt bei 2,0 Prozent. Offiziell heißt es also: Ruhe an der Zinsfront. Doch die Finanzmärkte erzählen eine andere Geschichte: Hier ziehen die Zinsen längst wieder an.
Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe stieg im Wochenverlauf bis auf 3,13 Prozent – der höchste Stand seit 2011. Das zeigt: Anleger rechnen wieder mit höheren Inflationsraten – und mit einer EZB, die in den kommenden Monaten an der Zinsschraube drehen könnte.
Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe gilt als wichtiger Gradmesser für die langfristigen Zinsen in Deutschland. Steigt sie, wird auch die Finanzierung für Staat, Unternehmen und Verbraucher tendenziell teurer.
Inflation im Euroraum bald bei vier Prozent?
Auslöser für den jüngsten Renditesprung seien die gestiegenen Inflationsrisiken seit dem Ausbruch des Iran-Krieges, betont Edgar Walk, Chefvolkswirt von Metzler Asset Management, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. „Wir haben einen neuen Energiepreisschock und damit verbunden die Erwartung, dass die Inflation in den nächsten Monaten deutlich anspringt.“
Im April lag die Teuerung im Euroraum bei 3,0 Prozent, in Deutschland bei 2,9 Prozent. Noch wichtiger für die Geldpolitik ist aber der Blick nach vorn. Und der verheißt nichts Gutes: Für die kommenden zwölf Monate rechnen Verbraucher im Euroraum laut einer Umfrage der EZB inzwischen mit einer Inflation von vier Prozent. Das liegt deutlich über dem Ziel der Währungshüter von mittelfristig zwei Prozent.
Inflation und Energiepreise setzen die EZB unter Druck
Für die Notenbank ist das heikel, droht doch aus dem Preisschub am Ölmarkt eine breitere Inflationsdynamik zu entstehen. Genau davor warnt Metzler-Ökonom Walk: Die EZB müsse auf Inflationsrisiken reagieren, „da sonst die Möglichkeit besteht von Zweitrundeneffekten“.
Damit ist gemeint: Höhere Energiepreise treiben die Lebenshaltungskosten. Beschäftigte fordern höhere Löhne. Unternehmen geben steigende Kosten weiter. Am Ende könnte eine Lohn-Preis-Spirale entstehen. „Das muss die EZB im Endeffekt unterbinden, indem sie die Konjunktur abschwächt durch höhere Leitzinsen“, sagt Walk.
Kreditvergabe in der Eurozone wird strenger
Damit steht die EZB vor einem klassischen Zielkonflikt: Eine steigende Inflation spricht für höhere Zinsen – eine schwächere Wirtschaft dagegen. Dass die Konjunktur bereits unter Druck steht, zeigt eine weitere Umfrage der EZB: Demnach haben die Banken im Euroraum ihre Kreditstandards im ersten Quartal so stark verschärft wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr.
Heißt: Für Haushalte und Unternehmen wird es schon jetzt schwerer, an Geld zu kommen. Zinserhöhungen sind damit ein zweischneidiges Schwert. Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, betont, dass Zinserhöhungen eine Volkswirtschaft „verlangsamen“ könnten. „Von daher gilt es hier, die Balance zu halten.“
Geldmarkt-Futures zeigen Zinserwartungen
An den Terminmärkten rechnen Investoren bereits mit einem strafferen Kurs der EZB. Das zeigt ein Blick auf die Euro-Futures – also Terminkontrakte, mit denen professionelle Investoren auf die Entwicklung kurzfristiger Zinsen im Euroraum setzen. Aktuell deuten die Euro-Futures derzeit auf zwei Erhöhungen noch in diesem Jahr hin. Ein erster Schritt könnte laut Experten bereits im Juni kommen, ein weiterer im September.
Was dabei auch für baldige Zinserhöhungen spricht: Als nach dem russischen Überfall auf die Ukraine die Inflation in die Höhe schoss, hat die EZB darauf aus Sicht vieler Kritiker viel zu spät reagiert. Diesen Fehler dürften die Währungshüter um Christine Lagarde kein zweites Mal machen – so die Erwartung vieler Marktbeobachter.
Folgen für Sparer – Festgeldzinsen steigen
Für Sparer sind die steigenden Marktzinsen zunächst eine gute Nachricht. Banken bieten wieder etwas bessere Konditionen für Festgeld. Nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox sind die Festgeldzinsen seit Ausbruch des Iran-Krieges so stark gestiegen wie seit 2023 nicht mehr.
Anlagen mit zwei Jahren Laufzeit liegen demnach im Schnitt aktuell bei 2,25 Prozent und damit 0,18 Prozentpunkte über dem Niveau zu Kriegsbeginn. Bei den Festgeldern mit fünf Jahren Laufzeit ging es von 2,23 auf aktuell 2,37 Prozent nach oben.
Bauzinsen steigen auf vier Prozent
Hausbauer haben dagegen das Nachsehen: Bauzinsen mit zehnjähriger Bindung liegen laut dem Index der Finanzberatung FMH im Schnitt bereits wieder bei 4,0 Prozent. Für Immobilienkäufer kann das schnell mehrere hundert Euro Mehrbelastung im Monat bedeuten.
Auch wenn die EZB also erst einmal die Pausetaste drückt: Die Märkte preisen den nächsten Zinsstress schon längst ein.

