Ermittlungen gegen Berlins Digital-Staatssekretär nach Insolvenz


Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und der neue Staatssekretär für Digitalisierung und Chief Digital Officer, Matthias Hundt, bei der Überreichung der Ernennungsurkunde

Stand: 26.05.2026 • 07:30 Uhr

Berlins neuer Staatssekretär für Digitalisierung ist gerade erst vorgestellt worden, schon kommt der aus Sachsen stammende Matthias Hundt in Erklärungsnot, was seine Vergangenheit betrifft. Nach Recherchen von MDR INVESTIGATIV und rbb24 Recherche häufen sich die Fragezeichen, was Hundts Vergangenheit als Unternehmer betrifft. Die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt.

Von Marcus Engert und Edgar Lopez, MDR INVESTIGATIV sowie René Althammer und Joachim Goll, rbb24 Recherche

Auf Nachfrage von MDR INVESTIGATIV und rbb24 Recherche bestätigte die Staatsanwaltschaft Dresden, dass sie „ein Ermittlungsverfahren wegen verschiedener Insolvenzstraftaten eingeleitet“ hat. Quellen zufolge, die das Verfahren kennen, soll es ursprünglich um nicht gezahlte Sozialversicherungsbeiträge gegangen sein. Mittlerweile werde auch wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung ermittelt. Insgesamt soll sich die Schadenssumme in dem Verfahren auf knapp zwei Millionen Euro belaufen.

Die Staatsanwaltschaft Dresden äußerte sich auf Nachfrage nicht zu den Vorgängen. Hundt selbst erklärte über seinen Anwalt, dass er das nicht bestätigen könne. Die Staatsanwaltschaft gäbe ihnen „auf Anfrage derzeit keinerlei Auskunft über einen etwaigen Tatvorwurf oder auch nur darüber, ob es Ermittlungen im Zusammenhang mit der Insolvenz der ‚SDC Sachsen Digital Consulting GmbH‘ gibt“.

Offenbar erhebliche finanzielle Schieflage für Hundts Firmen

In jüngerer Vergangenheit kamen gleich drei von Hundts Firmen offenbar in erhebliche finanzielle Schieflage. Im Sommer 2025 traf es Hundts „SDC Sachsen Digital Consulting GmbH“. Ein Auftraggeber habe überraschend Insolvenz angemeldet, seine Firma habe dadurch angeblich 80 Prozent ihres Umsatzes verloren. „Ich musste die ‚SDC Sachsen Digital Consulting GmbH‘ in Insolvenz schicken“, erklärt Hundt auf Anfrage von MDR und rbb.

Dabei klingt das im Beschluss des Amtsgerichts Dresden ganz anders: Als „antragstellende Gläubigerin“ stehen dort zwei Krankenkassen. Es scheint also, dass nicht Hundt die Insolvenz auf den Weg gebracht hat, sondern die Krankenkassen – und das könnte bedeuten, dass Hundt womöglich über Monate hinweg keine Sozialabgaben gezahlt hat.

Die Kassen äußerten sich auf Anfrage nicht dazu. Hundts Anwalt antwortete zunächst, man sei sich lediglich über die Zulässigkeit relativ geringer Beiträge uneinig gewesen. Mehrfache Nachfragen dazu blieben jedoch unbeantwortet, Belege dafür legte Hundt nicht vor. Auch nicht für die Behauptung, er habe den Insolvenzantrag selbst gestellt. Diese Behauptung zog Hundts Anwalt nach Rückfragen wieder zurück.

Nur wenig später geriet eine weitere von Hundts Firmen in Schieflage: Die „HuBroCo GmbH“. Die hatte Hundt 2019 zusammen mit seiner Frau gegründet. Auch diese Firma: Insolvent. Am 23. Januar 2026 lehnte das Dresdner Amtsgericht die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens für die „HuBroCo GmbH“ „mangels Masse“ ab. Mit anderen Worten: Es war vermutlich nicht einmal mehr genug Geld in der Firma, um wenigstens die voraussichtlichen Kosten des Insolvenzverfahrens zu decken.

Dritte Firma, ähnliches Bild: Die „Humboldt Capture Germany GmbH“. Erst 2023 gegründet, wollte das Unternehmen mit 3D-Scans von Gebäuden und Grundstücken Geld verdienen. Über seine „HuBroCo GmbH“ war Matthias Hundt einer der beiden Gründer der Firma und Anfangs deren Geschäftsführer. Inzwischen wurde auch bei diesem Unternehmen ein Insolvenzverfahren eingeleitet.

In Sachsen wundert man sich über Hundts Ruf nach Berlin

Wer sich Hundts Auftritt in sozialen Netzwerken anschaut, der kann zu dem Eindruck gelangen: Hier will sich jemand als Macher inszenieren, als erfolgreicher Unternehmer. Doch wer sich umhört, der vernimmt auch andere Stimmen.

Offiziell heißt es aus der Sächsischen Staatskanzlei nur, zu Hundt wolle man sich nicht äußern. Hinter den Kulissen aber wird schnell klar: Einen allzu guten Ruf scheint der dort nicht zu haben. Hundt sei „überall aufgetaucht“, habe sich mit Projektideen „geschmückt“, doch die habe man „aufgrund des Absenders einzuordnen“ gewusst, heißt es aus regierungsnahen Kreisen. Eine „ernste Relevanz“ habe Hundt für die Staatsregierung nie gehabt – vielmehr habe man sich über dessen Ruf nach Berlin „gewundert“.

Fragt man dort wiederum nach dem „Auswahlverfahren“ für Berlins neuen Staatssekretär für Digitalisierung und „Chief Digital Officer“ bekommt man bestenfalls spärliche Antworten. Der Regierende Bürgermeister sei mit mehreren Kandidaten im Austausch gewesen. Herrn Hundt kenne er seit einem Arbeitstreffen im August 2024 persönlich. „Über die Grenzen Dresdens hinaus bekannt“ sei der, und bringe „mehrjährige Berufserfahrung“ für die „weitere Digitalisierung und Modernisierung der Berliner Verwaltung“ mit, heißt es fast schon überschwänglich aus der Berliner Senatskanzlei. Im Übrigen äußere man sich nicht zu einzelnen Personalangelegenheiten. Die Insolvenzverfahren, der Verdacht nicht abgeführter Sozialbeiträge: In der Berliner Senatskanzlei bis zur Anfrage von MDR und rbb nicht bekannt.

Staatsanwaltschaft lässt Polizei gegen Hundt ermitteln

Mehr Interesse weckten Hundts frühere Geschäfte hingegen anderswo: In der Justiz. Sächsische Ermittler sehen in Hundts Fall offenbar Grund zur Annahme, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte.

Meldet in Sachsen eine Firma Insolvenz an, geht das über den Tisch des zuständigen Amtsgerichts. Das Insolvenzgericht informiert die zuständige Staatsanwaltschaft routinemäßig über die Eröffnung oder die Ablehnung des Insolvenzverfahrens. Die prüft dann, ob es einen „Anfangsverdacht“ für eine Straftat gibt. Wenn ja, „leitet sie ein förmliches Ermittlungsverfahren ein“, so erklärt es die Staatsanwaltschaft Dresden auf Anfrage von MDR und rbb – und beauftragt die Polizei mit weiteren Ermittlungen.

Genau das geschah bei der „SDC Sachsen Digital Consulting GmbH“. Also bei jener Firma, deren Geschäftsführer Matthias Hundt war.

Hundts Anwalt erklärt auf Anfrage von MDR und rbb dazu, derlei Ermittlungen könne man nicht bestätigen, man erhalte keinerlei Auskünfte von der Staatsanwaltschaft über eventuelle Ermittlungen.

Rechnung im Fokus: Fragen zu Zahlungen öffentlicher Auftraggeber

Dabei könnte das nicht der einzige Fall sein, der Hundt in Erklärungsnot bringt – und für den sich Ermittlungsbehörden und Insolvenzverwalter interessieren könnten.

Im September 2025 „aktiviert“ Hundt eine ältere Firma wieder: Die „SDC Sachsen Digital Solutions GmbH“. In Unterlagen der Wirtschaftsauskunft Creditreform findet sich für die Firma die Warnung: „Erhebliche Zielüberschreitungen“ und „Eine Geschäftsverbindung gilt als riskant“. Geschäftspartner müssen gegenüber Creditreform angegeben haben, dass das Unternehmen, dessen Geschäftsführer der heutige Staatssekretär Hundt noch immer ist, Rechnungen nicht pünktlich bezahlt hat.

Hundt lässt seinen Anwalt dazu erklären, es habe keine Inkasso-Verfahren gegeben, der Eintrag würde überarbeitet. Das war Mitte April. Den Inkasso-Vermerk führt Creditreform bis Mitte Mai. Diese Firma stellt am 12. Dezember 2025 eine Rechnung an einen öffentlichen Aufraggeber, einen Landkreis in Norddeutschland.

Consulting oder Solutions

Der norddeutsche Landkreis hatte ursprünglich einen Vertrag mit der „SDC Sachsen Digital Consulting“ — und war bereit, die Rechnung zu bezahlen, aber: Die Kontonummer auf der Rechnung stimmte nicht mit der Kontonummer des Vertragspartners, also der Consulting, überein. Was dem Landkreis wohl auch nicht auffiel: Die Rechnung stammte nicht von der inzwischen insolventen „SDC Consulting“, sondern von der „SDC Solutions“. Hat die neue Firma die Geschäfte der alten übernommen und den Auftrag weitergeführt? Fragt man bei Insolvenzanwälten nach, so heißt es, möglich wäre das – aber nur, wenn der Insolvenzverwalter einbezogen wird. Außerdem müsse der Landkreis zustimmen.

Dem Landkreis zufolge hat es eine solche Vereinbarung nie gegeben. Dass der Landkreis darüber nicht informiert worden war, bestätigt auch Hundts Presseanwalt: „Ein Auftragsübergang lag übrigens nicht vor.“ Auf die Frage, ob der Insolvenzverwalter eingebunden war, heißt es: „Die Leistungserbringung durch die SDC Sachsen Digital Solutions geschah mit Genehmigung des Insolvenzverwalters.“ Dieser habe „mündlich“ zugestimmt. Belege dafür? Auch hier: Fehlanzeige.

Fragen zu Hundts Lebenslauf

Es stellt sich einmal mehr die Frage, wie seriös, zuverlässig und integer Berlins neuer Staatssekretär ist. So fand sich bis vor Kurzem im Internetauftritt des Landes Berlin ein Lebenslauf von Hundt, abgestimmt mit diesem. Darin für die Jahre 2019-2026 der Eintrag: „Dozent SRH Hochschule Berlin (Digitalisierung und Onlinetechnologien)“.

An der Hochschule selbst kann man das so nicht bestätigen: Lediglich im Wintersemester 2019/2020 habe Hundt dort Lehraufträge gehabt – und die auch nicht in Berlin, sondern am Dresdner Campus. „Weitere darüber hinausgehende Tätigkeiten von Herrn Hundt an unserer Hochschule sind anhand der vorliegenden Unterlagen nicht belegbar“, so eine Sprecherin der Hochschule auf Anfrage von MDR und rbb.

Inzwischen ist der Lebenslauf geändert. Sein Mandant habe den „in wesentliche berufliche Großabschnitte unterteilt“ und lediglich mitteilen wollen, dass er „innerhalb dieses Ausschnitts auch“ als Dozent tätig gewesen sei. Er verstünde jedoch, dass das „leicht missverstanden werden kann“, so Hundts Anwalt.

Wie viele Menschen und Unternehmen vermeintlich noch auf Geld von Matthias Hundts Firmen warten und wie hoch die offenen Forderungen sind, ist bislang unklar. Doch es scheint um erhebliche Summen zu gehen.



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