Eishockey-WM 2026: Deutsches Drei-Minuten-Desaster gegen die Schweiz – Sport
Am Freitag hat in der Schweiz die Eishockey-Weltmeisterschaft 2026 begonnen, am 31. Mai findet sie in Zürich ihre finale Zuspitzung. 17 Tage, 64 Spiele, dann gibt es einen Weltmeister. „17 Tage im Mai“: So lautete, schlicht und ergreifend, einmal der Titel einer Doku über die stimmungsvolle Eishockey-WM 2010, die damals in Deutschland stattfand und das Team des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) bis ins Halbfinale und auf Rang vier führte. Auf dem Weg dorthin begegnete ihm im Viertelfinale die Schweiz, die bis dato nicht als Eishockey-Großmacht in Erscheinung getreten war. Es sollte eine denkwürdige Partie werden. Deutschland gewann 1:0.
Seitdem haben beide Nationen bei großen Turnieren immer wieder ihre Schläger gekreuzt und eine innige Rivalität begründet. Meist endeten die Spiele mit nur einem Tor Unterschied. Bei Olympia 2018 (2:1) und der WM 2023 (3:1) schalteten die Deutschen die Schweizer aus und stürmten danach jeweils zur Silbermedaille. Die Schweizer wiederum haben seit 2013 viermal WM-Silber gewonnen und die beiden jüngsten WM-Duelle für sich entschieden, 3:1 (2024) und 5:1 (2025). „Es ist doch unglaublich, dass wir diese Silbermedaillen gewonnen haben, die Deutschen und wir“, hat der Schweizer Nationaltrainer Patrick Fischer der SZ einmal gesagt, er staunte wie ein Kind über die Entwicklung beider Nationen.
All das muss man wissen, um zu verstehen, wie die Ausgangslage am Montagabend war. Aus deutscher Sicht: schlimm genug. Und sie wurde nicht besser. Es besteht die höchst reale Option, dass dieses WM-Turnier im Mai 2026 für die Mannschaft von Bundestrainer Harold Kreis nicht nach 17 Tagen endet, sondern nach nur vier Turniertagen praktisch beendet ist. Deutschland war mit zwei Niederlagen gegen Finnland (1:3) und Lettland (0:2) ins Turnier gestartet – und verlor am Montagabend gegen die Schweiz 1:6 (0:0, 0:5, 1:1). Nach ansprechendem Beginn „sind wir im zweiten Drittel unter die Räder gekommen“, sagte Kreis: „Im ersten Drittel war es noch ein ausgeglichenes Spiel. Aber dann kassieren wir in Überzahl das erste Gegentor, und dann wuchs die Verunsicherung.“
Patrick Fischer ist nach zehn Jahren nicht mehr Trainer der Schweizer „Nati“, er wurde vier Wochen vor der WM entlassen, weil er zu den Olympischen Spielen 2022 mit einem gefälschten Covid-Zertifikat gereist war. Hinterlassen hat er seinem Nachfolger Jan Cadieux aber eine selbstbewusste, eingespielte Mannschaft mit einem einzigen Ziel: Gold. Die Deutschen dagegen erinnerten an Teams der Achtziger und Neunziger: Sie hielten erst leidlich mit gegen den Favoriten – und gingen am Ende unter. Man nennt so etwas eine gegenläufige Entwicklung.
Die Mannschaft von Bundestrainer Kreis suchte nach einem Ausweg aus der bisherigen Null-Punkte-Trübsal, das schon. Sie war geradezu grimmig bemüht, den bisher hinterlassenen Eindruck zu korrigieren. Sie fuhr krachende Checks, sie postierte immer ein bis zwei Spieler vor Leonardo Genoni, um dem Schweizer Torhüter die Sicht zu nehmen und ihm die Arbeit zu erschweren, denn das war eine Erkenntnis aus den ersten beiden Partien gewesen: Wenn Weltklassetorhüter freie Sicht haben, sind sie nicht zu bezwingen. Was allerdings gleich geblieben war: die deutsche Harmlosigkeit.
Kahun trifft nur den Pfosten – und im Gegenzug bricht ein Tornado los
Vor allem das deutsche Über- und Unterzahlspiel müsse sich verbessern, lautete Erkenntnis Nummer zwei. Dominik Kahun, Profi beim HC Lausanne in der Schweiz, hatte im Powerplay die beste deutsche Chance, er traf aber nur den Außenpfosten. Und schon im Gegenzug sollte das Unglück über das DEB-Team hereinbrechen wie ein Tornado über eine Palmenhütte an einem Karibikstrand: 0:1 (26.), noch in eigener Überzahl, 0:2 (29.), 0:3 (30.). Ein Drei-Minuten-Desaster. Noch vor der zweiten Pause folgten das 0:4 und 0:5, es waren bereits die Unterzahl-Gegentore Nummer vier und fünf im Turnier. Die deutsche Schusseffizienz nach drei Spielen: 3,28 Prozent.
„Im zweiten Drittel sind wir völlig auseinander gefallen“, bestätigte Kapitän Moritz Seider: „Du triffst vorn den Pfosten und dann klingelt’s im selben Wechsel hinten. Und dann fangen die Köpfe an zu hängen.“
Nicht nur, dass die Deutschen mittlerweile insgesamt neun Überzahlgelegenheiten im Turnier ausgelassen haben, nun servierten sie auch noch selbst die Tore, wie das 0:2 nach einem kapitalen Ausrutscher des Berliners Kai Wissmann. Unerbittlich nahmen die Schweizer die deutsche Defensive auseinander. „Sie haben unsere Fehler eiskalt ausgenutzt“, sagte Harold Kreis. Der Schweizer Torschütze Timo Meier indes frohlockte: „Das war ein wichtiger Sieg gegen einen Gegner, der immer eklig ist.“
Als die deutsche Mannschaft vor Spielbeginn das Eis in der selbstverständlich ausverkauften Swiss Life Arena in Zürich betreten hatte, war sie von Herzen ausgebuht worden. Nun lachten viele unter den 10 000 Zuschauern über sie – nicht nur Schweizer. Schwacher Trost: Frederik Tiffels (55.) erzielte den sogenannten Ehrentreffer und verhinderte das zweite offensive Zu-null nacheinander. „Am Ende war’s ein Klassenunterschied und auch in dieser Höhe verdient“, sagte DEB-Sportvorstand Christian Künast bei Magentasport.
Dass das Ergebnis nicht noch höher ausfiel, lag an Torhüter Jonas Stettmer. Der 24-Jährige vom deutschen Meister Eisbären Berlin, MVP der DEL-Finalserie, hielt in seinem ersten Länderspiel, was er halten konnte. „Mein Debüt habe ich mir anders vorgestellt“, sagte Stettmer: „Aber wir haben noch genug Spiele, um ins Viertelfinale zu kommen.“
Der Weg für Kreis und sein Team wird allerdings immer steiler. Wollen sie noch ins Viertelfinale, was angesichts der höchsten WM-Niederlage gegen die Schweiz als überaus kühner Gedanke erscheinen muss, müssen sie alle vier weiteren Spiele gewinnen. Gegner am Mittwoch (20.20 Uhr, ProSieben und Magentasport) sind die USA, der Weltmeister und Olympiasieger. Mit jenen Teams, die im vergangenen Jahr in Stockholm die Schweiz (1:0 n.V.) und im Februar in Mailand Kanada (2:1 n.V.) im Finale besiegten, hat die aktuelle Auswahl von Headcoach Don Granato zwar nicht viel mehr gemeinsam als die Muttersprache; am Montag wischten hoch überlegene Finnen die Amerikaner mit 6:2 aus der Halle wie Knäckebrotkrümel von einer polierten Tischplatte. Aber das erleichtert die Aufgabe für die deutsche Mannschaft nicht. Christian Künast klang wie Sisyphos, als er sagte: „Das ist ein Fels, den wir jetzt wegräumen müssen.“


