Eintracht Frankfurt nach Riera-Aus: Das muss sich ändern
1. Der alte und der neue Trainer
Das Privatleben von Albert Riera nimmt jetzt schnell Fahrt auf. Der 44 Jahre alte Spanier hat angekündigt, sich auf der Sonneninsel Mallorca, seiner Heimat, im Cabriolet den Wind um die Ohren wehen zu lassen. Mit Vollgas und schöner Landschaftskulisse in die Fußball-Sommerpause! Prima Aussichten außerhalb des Fußballbetriebs.
Seine Trainerkarriere hingegen hat Riera in Frankfurt mit wenig Weitblick im Schnelldurchgang an die Wand gefahren. Das Aus nach nur 104 Tagen Dienstzeit. Keine Perspektive mehr bei der Eintracht, trotz Vertrags bis Mitte 2028. Der im August 2024 verstorbene Fußballlehrer Christoph Daum war der letzte Trainer, der den Posten am Main kürzer innehatte: lediglich 54 Tage im Jahr 2011.
Viel Wirbel, aber wenig Ertrag. Reichlich Klamauk, doch kaum Substanz: So lässt sich die bemerkenswerte Zeit von Albert Riera in Frankfurt, die für den Klub ohne einen Gewinner damit eine verlorene war, zusammenfassen. Sich selbst sieht der ehemalige Nationalspieler als Siegertypen und meinungsstarken Fußballexperten.
Am Main wird der Spanier, der gerne Sprüche klopfte, jedoch vor allem als selbstverliebte Persönlichkeit und als Exzentriker ohne Bodenhaftung in Erinnerung bleiben. Die Deutungshoheit beanspruchte er für sich. Vieles konnte und wusste er besser. Das glaubte der so selbstbewusste Albert Riera aus voller Überzeugung. Nur mit der Umsetzung haperte es dann. Beispielhaft für Rieras Selbstgefälligkeit sind seine Abschlussworte einen Tag nach seiner Freistellung in Frankfurt: „Ich gehe in Frieden, aber traurig. Weil ich weiß, dass ihr nur 20 Prozent von Alberts Leistung genutzt habt.“ Der „Albert“ bereitet der Eintracht auch noch im Nachgang ein schlechtes Gewissen. Kurios, aber wahr. Nicht der Spanier ist schuld. Auch das passt ins Bild des so eigentümlichen Albert Riera.
Die Frankfurter brauchen jetzt eines: einen wohlüberlegten Neuanfang. Einen, der auf dem Trainerposten kein neues Experiment beinhaltet. Vielmehr einen, der Berechenbarkeit bietet und gewisse Erfolgsaussichten bereit hält.

Mit einem Fußballlehrer, der eine natürliche Autorität darstellt und eine natürliche Ausstrahlung besitzt. Der in der Öffentlichkeit mit dem richtigen Maß auftritt. Und der erfahren ist. Der Probleme löst und nicht welche schafft. Der sein Fachwissen zielgerichtet einsetzt. Der außerdem einen Blick für das Machbare besitzt und die Spielweise nach den Fähigkeiten der Mannschaft ausrichtet. Und dessen Umgang mit den ihm anvertrauten Spielern respektvoll ist. Kurzum: Die Eintracht sollte einen Trainer finden, der dem Klub wieder ein sympathisches Gesicht gibt, das zu dem Verein passt. Der mit dem Team in Ruhe arbeitet und einen entsprechenden Fortschritt erzielt.
Kandidaten sind der ehemalige Eintracht-Trainer Adi Hütter, Salzburgs früherer Coach Matthias Jaissle, der Däne Mike Tullberg, der Interimstrainer in Dortmund war, sowie Noch-St.-Pauli Coach Alexander Blessin, gerade mit den Hamburgern in die zweite Liga abgestiegen. Egal, auf wen die Wahl von Markus Krösche am Ende fällt, einen neuerlichen Fehlgriff kann sich Frankfurts Sportvorstand nicht leisten. Dafür hat Albert Riera mit seinen Fehlleistungen viel zu viel Unfrieden bei der Eintracht gestiftet. Der Korrekturbedarf beim Klub ist so groß wie lange nicht mehr.
2. Führungsschwäche auf allen Ebenen
Die Frankfurter Eintracht braucht im Sport dringend wieder mehr Leadership. Sie wirkte wie ein Schiff bei schwerem Seegang, dessen Kurs von Windrichtung und hohen Wellen vorgegeben wird. Im Mittelpunkt der Kritik steht Sportvorstand Markus Krösche, dessen Trainerentscheidungen sich als schwerwiegende Fehlentscheidungen herausgestellt haben.
Im Nachhinein wirkt es unverständlich risikobehaftet, erst einem Hessenliga-Trainer die Verantwortung für die Mannschaft zu geben und dann einem Egozentriker, der auf nichts anderes hört als auf seine eigenen Eingebungen. Aber noch frappierender ist: Krösche war nicht in der Lage, offensichtliche Fehlentwicklungen durch die Trainer einzuhegen oder gar abzustellen. Krösche, in den vergangenen Jahren von vielen als bester Bundesligamanager bezeichnet, offenbarte Schwächen, die nach seinen Erfolgen kaum jemand bei ihm vermutet hätte.

Wieso? Dass der Fünfundvierzigjährige plötzlich seinen Fußballverstand verloren hat, kann ausgeschlossen werden. Eher kommt in Betracht, dass ihm Ruhe und Ausgeglichenheit gefehlt haben, um Fehleinschätzungen zu vermeiden. Krösche hat sich in den vergangenen Monaten viel im Klein-Klein verstrickt, weil in der Mannschaft und in der Belegschaft um die Mannschaft herum immer wieder kleinere und größere Brandherde entstanden sind. Platz drei im Vorjahr und die damit verbundene Qualifikation für die Champions League haben das Ego vieler im Staff und im Kader anschwellen lassen.
Sportdirektor Timmo Hardung war Krösche keine Hilfe, dem leitenden Angestellten fehlt der Zugang zu Staff und Mannschaft und vor allem die Reputation bei den Spielern. Als Vordringlichstes benötigt die Eintracht wieder mehr Gemeinsinn im Proficamp und vor allem einen neuen Sportdirektor, der Krösche wirklich entlastet und eine proaktive Rolle dabei spielen kann, zwischenmenschliche Probleme innerhalb des Staffs und Kaders zu moderieren, wenn nicht zu lösen. Dazu müsste sich Krösche aber von Hardung trennen, dem er freundschaftlich verbunden ist und den er schon 2021 aus Leipzig mit an den Main brachte. Der Sportvorstand tendiert jedoch dazu, Posten eher mit Vertrauten denn mit Kapazitäten zu besetzen. Auch im Nachwuchsleistungszentrum und in der medizinischen Abteilung läuft es seit Längerem nicht gerade bestens, ohne dass Krösche größeren Druck ausübt.

Es wäre am Hauptausschuss des Aufsichtsrates, aktiv zu werden, wenn er Versäumnisse bei einem Vorstand bemerkt. Öffentlich ist dies nicht geschehen, intern bisher auf sehr dezente Art und Weise; Krösches Erfolge auf dem Transfermarkt wirken nach. Auch von Axel Hellmann war und ist während der Krise nichts an Kritik zu hören. Als Vorstandssprecher, der er ist (und nicht Vorstandsvorsitzender), hat er zwar nicht das Mandat, Vorstandskollegen öffentlich in die Pflicht zu nehmen, aber Hellmann hat es in der Vergangenheit auch nicht gestört, Entwicklungen im Verein anzuprangern, die er für gefährlich hält. Diesmal tut er es nicht.
Dabei spielt hinein, dass er sich gerade in Vertragsverhandlungen mit der Eintracht befindet. Solange nicht festgelegt ist, ob und wie lange er noch Vorstandsmitglied ist, haben seine Äußerungen weniger Gewicht. Hätte er sich dennoch entschlossen, Krösche zu kritisieren, wäre die Unruhe im und um den Verein noch größer geworden. So entschloss sich der Vorstandssprecher, zu schweigen, seine Hosentaschen mit den Fäusten auszubeulen und sich wie andere auch dem Vorwurf der Führungsschwäche auszusetzen. Das Bild, das die Eintracht zuletzt abgegeben hat, war schwach. Sie hat es selbst in der Hand, es zu korrigieren. Mit Entscheidungen, die nur der Sache dienen, einerlei, ob sie unbequem sind oder langjährige Beziehungen infrage stellen.
3. Wer ordnet die Abwehr und wird Kapitän?
An diesem Donnerstag verkündet Julian Nagelsmann, mit welchen Leuten er die WM im Sommer bestreiten wird. Es wäre eine faustdicke Überraschung, wenn er dabei auf Robin Koch setzen würde. Hinter dem Kapitän der Eintracht liegt eine Saison zum Vergessen, mit einem Platzverweis und vielen Wackel-Vorstellungen, die dafür sorgten, dass er zuletzt beim Nationalteam keine Rolle mehr spielte.
Im Juni des vergangenen Jahres verlängerte die Eintracht den Vertrag mit dem seinerzeit heftig von Bayer Leverkusen umworbenen Koch vorzeitig bis Mitte 2030. Er stieg zu einem der Bestverdiener in der Kabine auf – und damit verbunden war die Erwartungen von Dino Toppmöller und der Klubbosse, dass der Neunundzwanzigjährige (nach dem Weggang Kevin Trapps) zum tragenden Element des Teams werden würde und als Anker der Defensive die vielen unterschiedlichen Charaktere auf eine gemeinsame Linie einschwören kann. Diesem Anspruch wurde er zu selten gerecht.

Koch war zu sehr mit seinen schwankenden Leistungen beschäftigt. Sowohl als unter Toppmöller eine hohe Verteidigungslinie mit schnellem Gegenpressing gefragt war, als auch von Februar an, als Riera das Kommando übernahm, und es mehr auf Ballbesitzphasen ankam und der Strafraum durch Überzahl besser abgesichert wurde. Der neue Coach wird sich gut überlegen müssen, ob Koch nach wie vor die Spielführerbinde tragen oder sie lieber einem Kollegen überlassen soll, der besser mit Druck und (selbstgemachter) Erwartungshaltung umgehen kann.
Der Abschied von Nathaniel Brown, der damit rechnet, im DFB-Trikot in Nordamerika dabei zu sein, gilt als ausgemacht. Sobald sich ein Klub, mutmaßlich aus England, bereit erklärt, mindestens 50 Millionen Euro für den Zweiundzwanzigjährigen an Ablöse zu bezahlen, wird er gehen dürfen, weil die Eintracht nach Abschluss aller Transfergeschäfte im Spätsommer einen Überschuss von mindestens 30 Millionen Euro erzielen will.

Auch der Abschied Nnamdi Collins‘ zeichnet sich ab. Sobald ein Angebot für Arthur Theate eintrifft, wird es im Detail geprüft, denn der Belgier gilt nach den vergangenen Monaten, in denen er nicht an die überzeugende Vor-Saison anknüpfte und intern wiederholt aneckte, nicht mehr als unverzichtbar.
Was mit Keita Kosugi geplant ist, gehört zu den vielen Abwehr-Fragezeichen. Geholt wurde der 20 Jahre alte Japaner im Winter von Djurgardens IF aus der schwedischen Liga. Gekostet hat er 6,5 Millionen Euro, gespielt hat er seitdem keine Minute bei den Profis. Zuletzt wurde dem Linksverteidiger von Riera knapp beschieden, dass er für ihn keine Verwendung hat. Das könnte sich nun, da der Trainer weg ist, ändern – oder auch Kosugi schaut sich im Sommer nach einer neuen Perspektive um.
4. In der Offensive gibt es mehr letzte als erste Worte
Berühmte letzte Worte, Jonathan Burkardt: „Es muss viel verändert werden an der Mannschaft. Auch die Führungsspieler haben ihren Job nicht gut genug gemacht. Dazu zähle ich mich auch dazu. Wenn man so eine schlechte Saison spielt, dann hat das Team keine Einheit gebildet. Ich weiß nicht, ob es personelle Veränderungen braucht. Um die Mannschaft herum gibt es auch viele Dinge, die verändert werden müssen.“

Aber nein, der 25 Jahre alte Angreifer wirkte eher wie jemand, der etwas ändern will. Es war Burkardts erste Saison im Trikot seines Lieblingsklubs. 13 Mal hat er in der Liga getroffen. Später sagte er noch: „Wir sind sehr, sehr enttäuscht nach dieser schlechten Saison. Wir sind auch verdient nicht europäisch. Das wird auf jeden Fall noch ein paar Tage weh tun. Das System, was der Trainer versucht hat spielen zu lassen, hat nicht zur Eintracht gepasst. Die Mannschaft hat es aber auch nicht richtig ausgefüllt. Die Mannschaft hat an erster Stelle versagt. Und der Trainer hat auch nicht das herausgeholt, was er sich gewünscht hat.“
Lange zählten die Frankfurter zu den besten Offensivteams der Liga. Das verflog aber, genau wie die Hoffnungen, Albert Riera könnte beides vereinen: eine sichere Defensive und eine gefährliche Offensive.
Nun wird sich im Offensivspiel der Eintracht einiges ändern. Arnaud Kalimuendo ist nach F.A.Z.-Informationen zu teuer, er wird sie nach einem ansehnlichen Halbjahr wieder verlassen. Auch Jean-Matteo Bahoya und Fares Chaibi könnten nach mehreren Jahren im Eintracht-Trikot weiterziehen. Mit 38 Spielern ist der Frankfurter Kader deutlich zu groß, um im nächsten Jahr nur in der Bundesliga anzutreten.
Was passiert mit Skhiri und Chaibi?
Auch Michy Batshuayi darf den Klub verlassen. Er spricht mit dem türkischen Klub Bursaspor über einen Vertrag. Übrig blieben: Burkardt, Younes Ebnoutalib und Noel Futkeu, der aus Fürth als bester Torschütze der zweiten Liga zurückkehrt. Das genügt, um in der Bundesliga um die internationalen Plätze mitzuspielen.
Im Mittelfeld ist die Lage etwas komplexer: Hier sucht neben Bahoya und Chaibi auch der Tunesier Ellyes Skhiri einen neuen Verein. Er ist für den Fußball auf diesem Niveau weder schnell noch kreativ genug. Künftig könnten Hugo Larsson, Oscar Hojlund und Can Uzun das Frankfurter Spiel ordnen. Wenn, ja wenn keiner von ihnen ein großes Angebot vorgelegt bekommt.

Auf den Außenbahnen planen die Frankfurter mit Ansgar Knauff und Winter-Zugang Amaimouni. Ritsu Doan könnte die Frankfurter nach einer enttäuschenden Saison dagegen verlassen. Lange spielte er als rechter Flügelspieler in einer Fünferkette; weit weg also von den Räumen, in denen der Dribbler am stärksten ist. Wer weiß, wie es weitergeht, wenn ein neuer Trainer ihn dort einsetzt. Das erste Jahr bei der Eintracht war für den Japaner und für den Klub aber so enttäuschend, dass ein Abgang wenig überraschend käme.
Doan, Skhiri, Bahoya, Chaibi, Batshuayi: In diesem Sommer ist mit mehr letzten Worten zu rechnen als mit ersten. Aus Frankfurter Sicht aber ist das erfreulich. Der Eintracht-Offensive fehlt es nicht an individueller Qualität. Eher an einer Idee, wie die vielen Einzelkönner zusammenpassen.
