Ein Sommernachtsspuk: 100 Jahre Heidelberger Schlossfestspiele
Es klingt unglaublich, aber als man 1926 auf dem Heidelberger Schloss Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ spielte, wurde die gesamte Aufführung live im „Süddeutschen Rundfunk“ übertragen. Leider ist keine Aufnahme davon erhalten. Aus Berichten weiß man indes, dass besonders die Besetzung des Oberon mit dem damals sehr populären Heinrich George Eindruck machte, nicht nur wegen seines expressionistischen Glitzerkostüms. George habe sich als „fauchender Waldgeist“ gebärdet, „überwältigend in seiner Vitalität bis ins Grunzen, Toben, Rasen hinein“.
Sein Spiel unter der Regie von Gustav Hartung sollte sich von zahmeren Auslegungen abgrenzen, besonders von der Inszenierung Max Reinhardts bei den Salzburger Festspielen mit einem weiblich besetzten Oberon. Solche Überlegungen zeugen zugleich davon, dass man in Heidelberg damals kurz vorhatte, Salzburg Konkurrenz zu machen – so überraschend auch dies mit Blick auf spätere Jahrzehnte der Schlossfestspiele anmutet, die man eher mit der amerikanischen Operette „The Student Prince in Heidelberg“ verbindet.
Viel Theater auf dem Schloss
Der Historiker Oliver Fink hat in seinem Buch „Theater auf dem Schloss“ und, zugespitzt, in dem Aufsatz „Ein Salzburg des deutschen Südwestens?“ diese künstlerisch anspruchsvolle Phase in der Geschichte der Heidelberger Schlossfestspiele ausgeleuchtet, die jetzt hundert werden – wobei es in diesen hundert Jahren kein kontinuierliches Programm gab, sondern einige Abbrüche, Lücken und Neuanfänge. Auf Finks Forschung beruht auch maßgeblich eine von Marcel Keller gestaltete Ausstellung, die im Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses jetzt die beschriebene und spätere Entwicklungen in der Geschichte des Festivals zeigt: mit historischen Fotos, Plänen von Bühnenbildern und sogar von der Schneiderei des Heidelberger Theaters neu angefertigten Kostümen des Oberon und der Hippolyta, die jene von 1926 nachbilden.
Beeindruckend ist auch eine große Wand mit den Biographien beteiligter Schauspieler und Künstler, die nach frühem Erfolg teils schicksalhaft von NS-Zeit und Exil geprägt waren. Im Falle von Heinrich George ist zudem ausführlich belegt, wie der Star beim sommerlichen Aufenthalt in Heidelberg prasste und dabei oft auf Pump lebte, weit über seine Vorschüsse und Gagen hinaus.
Zwischen Neoromantik und Expressionismus
Die Konkurrenz der Schlossfestspiele zu Salzburg mag kurz gewesen sein, aber sie wurde ernsthaft verfolgt. Rudolf Karl Goldschmit, ein engagierter Redakteur und Lehrbeauftragter am Institut für Zeitungswesen der Universität Heidelberg, hatte 1926 den renommierten Darmstädter Theaterintendanten Gustav Hartung für Heidelberg gewonnen und gründete mit ihm den Festspielverein. Man orientierte sich an wagnerianischen Festspielideen und der reichen Salzburger Tradition, wollte aber auch etwas Eigenes schaffen, indem man den Geist der Romantik in Heidelberg beschwor und mit dem der aktuellen Neoromantik und des Expressionismus verband.

So wurde etwa das Ehepaar Hans und Marlene Poelzig für Bühnenbild und Kostüme des „Sommernachtstraums“ engagiert, das sich durch seine Ausstattung des Stummfilmklassikers „Der Golem“ (1920) bereits einen Namen gemacht hatte. Zur Eröffnung der ersten Spiele 1926 war als Festredner Thomas Mann geladen. Gleich in diesem Jahr gab es auch eine Welturaufführung mit Hartungs Inszenierung von Knut Hamsuns „Munken Vendt“.
Heidelberg als Hauptstadt Europas?
Goldschmit hatte sogar noch viel höhere Ziele: Er wollte durch das Festival Heidelberg „zur Hauptstadt Europas“ machen, aber nicht schwelgerisch rückwärtsgewandt, sondern im Sinne eines Ortes der „frühen deutschen Freiheits- und Demokratiebewegung“, wie es in einem Ausstellungstext heißt.
Aber der Wandel kam schnell. Schon 1929 standen die Heidelberger Schlossfestspiele vor ihrem ersten Aus, weil sie finanziell deutlich im Minus waren. Da halfen auch gute überregionale Kritiken und steigende Zuschauerzahlen nicht. Unterstützung und Förderung blieben aus, und der Sommernachtstraum war schon wieder vorbei.
Dann kam der Nationalsozialismus – und mit ihm eine Neubelebung der Festspiele unter ganz anderen Vorzeichen. Nun waren es „Reichsfestspiele“, und Propagandaminister Joseph Goebbels, der in Heidelberg studiert hatte, übernahm die Schirmherrschaft mit dem Recht der Stückeauswahl.
Kultische Sprechchordramen, politisches Massentheater
Von 1934 bis 1939 waren die Spiele künstlerisch heterogen, neben gewisse Kontinuitäten traten krasse Umorientierungen und Umwertungen, auch den Geist der deutschen Romantik betreffend. Nicht liberalistisch sollte er sich nun zeigen, sondern im Zeichen einer „Sehnsucht nach einer germanischen Demokratie, nach dem totalen Staate, der sich auf völkischen Grundsätzen aufbaut“. Das sollte auch in der neuen Entwicklung sogenannter Thingspiele deutlich werden, die Oliver Fink wie folgt charakterisiert: „kultische Sprechchordramen, politisches Massentheater, dessen Miteinbeziehung des Publikums die propagierte Verschmelzung der Bevölkerung zu einer Volksgemeinschaft symbolisieren sollte. Die Titel dieser Stücke ‚Der Weg ins Reich‘ oder ‚Deutsche Passion 1933‘ sprechen für sich.“
Eine Kontinuität war auch das weitere Auftreten Heinrich Georges unter den neuen Machthabern. Das wurde ihm vom ins Schweizer Exil geflüchteten ehemaligen Intendanten Hartung als Verrat ausgelegt, der an George zornentbrannt schrieb: „Wer sich vor Mördern verbeugt, wird selbst zum Mörder.“
Ein touristisches Sommertheater?
Ob die Schlossfestspiele wirklich „Impulse im nationalsozialistischen Geiste“ vermittelten, ist laut Fink indes nur schwer rekonstruierbar, weil es keine Aufzeichnungen der Aufführungen gebe und gedruckte Theaterkritiken aufgrund von NS-Zensur unzuverlässig seien. Allemal unheimlich wirkt das in der Ausstellung gezeigte Plakat der Reichsfestspiele 1934 mit Hakenkreuz-Banner unter der Silhouette des Heidelberger Schlosses.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Wiederbelebungsversuche, die zunächst an das Programm der Reichsfestspiele anknüpften, dann aber auch Modernes wagten wie einen „Sommernachtstraum“ mit Musik von Carl Orff. Nachdem es Ende der Fünfzigerjahre wieder zu einem finanzierungsbedingten Schlussstrich kam, wurde das Theater auf dem Schloss von 1974 an dann vornehmlich ein tourismusorientiertes Musiktheater. Die Vorstellung von Heidelberger Romantik änderte sich abermals – jetzt auch in eine amerikanische, die die Aufführungen von Sigmund Rombergs „Student Prince“ zum Dauerbrenner machte.
Das Changieren zwischen sowohl touristischen Ansprüchen als auch solchen von Intendanz und Regie ist geblieben, auch seit die Spiele 1991 dem Heidelberger Stadttheater unterstellt wurden. Im diesjährigen Jubiläumsprogramm gibt es neben Edmond Rostands Komödie „Cyrano de Bergerac“ George Bizets Oper „Carmen“. Leider, hundert Jahre nach dem großen Auftakt, keinen „Sommernachtstraum“ mit fauchenden Geistern. Aber immerhin etwas monströs wird es bei einer Adaption von „Frankenstein“ – mit dem Erklärzusatz „eigentlich von Mary Shelley, für den dicken Turm aber von Philipp Löhle“.
100 Jahre Schlossfestspiele – Ausstellung im Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses. Bis zum 2. August, Eintritt frei im Rahmen des regulären Schlosseintritts. Vom 19. Juni an auch zugänglich eine Stunde vor Beginn der Veranstaltungen der Heidelberger Schlossfestspiele im Schlosshof und im Dicken Turm in Verbindung mit einer Theaterkarte. Kein Katalog.
