Digitale Transformation: Wo KI keine Jobs ersetzt

Mehr als 370.000 Frauen und Männer arbeiten im hessischen Handwerk. Ihre Jobs werden sich verändern, sind aber größtenteils vor der Konkurrenz der Künstlichen Intelligenz (KI) sicher. Das sagt Roman Freund, Digitalisierungsberater der Handwerkskammer Wiesbaden. Wer künftig ebenfalls einen sicheren Arbeitsplatz haben möchte und kein Handwerker ist, der muss lernen, wie man mit der KI konkrete Probleme lösen kann, sagt IT-Experte Paul Herwarth von Bittenfeld und stellt klar: „Wer gelernt hat, Probleme zu identifizieren und sprachlich gut zu beschreiben, der kann mit der KI als Sparringspartner Lösungen entwickeln.“
Im Kammerbezirk der Handwerkskammer sind mehr als 27.000 Betriebe gelistet – und ihre etwa 120.000 Klempner, Dachdecker, Friseure, Schreiner und Heizungsbauer müssen nicht fürchten, dass sie wegen der KI arbeitslos werden. „Die wirklich sicheren Jobs sind genau die, die unser Handwerk ausmachen“, sagt Freund im Gespräch mit der F.A.Z. und ergänzt: „Individuelles Arbeiten mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl, das Lösungen vor Ort ermöglicht, das ist die Kernkompetenz des Handwerks.“ Freund verweist darauf, dass jede Baustelle anders ist, und im Gegensatz zu standardisierten Prozessen in der Industrie komme die KI daher nicht in diesem Ausmaß zum Einsatz. „Wer ein Dach deckt oder eine Heizung in einem Kellerraum installiert, der muss auch mal improvisieren. Da liegt unsere Stärke“, ist der Berater überzeugt.
„Roboter als Helfer denkbar“
Freund geht davon aus, dass alle Kerntätigkeiten des Handwerks auf „absehbare Zeit“ vor der digitalen Konkurrenz sicher sind. Bis ein autonomer Roboter so weit sei, eine Heizung einzubauen oder ein Auto zu reparieren, würden noch viele Jahre vergehen. Verändern werden sich manche Jobs jedoch mit Sicherheit. „Dass ein Roboter auf einer Baustelle hilft, wenn er eine schwere Wärmepumpe in den Garten trägt, das ist schon in naher Zukunft denkbar, aber das individuelle und handwerklich diffizile Arbeiten, sehe ich erst mal noch nicht“, sagt Freund.
Anders sieht es bei unterstützenden Tätigkeiten in Handwerksbetrieben aus, etwa in der Verwaltung oder der Buchführung. „In den gesamten Begleitprozessen, die wir im Handwerk haben, kann die KI sehr gut unterstützen“, sagt Freund und nennt etwa das Aufmaß auf Baustellen, das KI-unterstützt digital verarbeitet werden könne. Das gelte auch für die Kommunikation mit Kunden, zum Beispiel bei der Angebotserstellung. „Diese Tätigkeiten haben nichts mit der eigentlichen Kerntätigkeit im Handwerk zu tun, müssen aber dennoch erledigt werden“, so Freund.
Die dadurch entstehenden freien Ressourcen werden laut Freund aufgrund des Fachkräftemangels dringend gebraucht. Entsprechend groß sei die Offenheit der Betriebe, KI-unterstützte Lösungen einzusetzen. „Viele unserer Mitglieder verstehen die Künstliche Intelligenz als zusätzliches Werkzeug, und Handwerker nutzen nun mal Werkzeuge“, sagt der Berater.
Jahrelang waren Handwerksberufe für Schüler nicht so attraktiv, das könnte sich nun ändern. „Wir wollen junge Leute motivieren, sich das Handwerk anzuschauen, denn das ist zukunftssicher“, sagt Freund. Daher lautet ein Slogan der diesjährigen Imagekampagne des deutschen Handwerks: „Wir sind unersetzbar“. Die Kampagne hat das Motto „Wir können alles, was kommt“, und in Seminaren, Vorträgen und Workshops informieren die Digitalisierungsberater die Innungen und Obermeister, wie die KI optimal eingesetzt werden kann.
„KI kann Geschmack nicht verstehen“
In Wiesbaden lädt die Industrie- und Handelskammer (IHK) am 11. Juni mittelständische Unternehmen zum Innovationsforum ein, um sich mit dem Thema KI und Cloud-Computing auseinanderzusetzen. In der Landeshauptstadt hat sich die „Wi-Tech-Alliance“ gegründet, in der sich die Technologieunternehmen zusammengeschlossen haben. Zur Allianz gehören unter anderem die Codamic AG, die Seibert Group, Rosch Computer GmbH, Weltenbauer und die Kegon AG. Diese und weitere Unternehmen wollen während der Veranstaltung demonstrieren, was die KI kann. „Es geht darum, wie man mit Auswirkungen des zunehmenden KI-Einsatzes in Organisationen umgeht“, sagt Herwarth von Bittenfeld und stellt klar: „Wir bereiten uns auf die Zukunft vor.“
Herwarth von Bittenfeld ist Gesellschafter der Seibert Group in Wiesbaden und betreut das Cloud-Geschäftsfeld des Softwareentwicklers. Auch außerhalb des Handwerks und der Pflege sind seiner Einschätzung nach Jobs vor der KI sicher, dazu müssten aber einige Bedingungen erfüllt sein. „Dabei geht es oft um Arbeitsplätze, die Intuition und Gespür benötigen oder einen Geschmack erkennen“, sagt er. Als Beispiel nennt der Vizepräsident der IHK den Beruf des Winzers. „Es ist deutlicher schwieriger für eine KI, den optimalen Wein herzustellen, denn sie kann nur datenbasiert agieren und Geschmack nicht verstehen“, erklärt er.
Insbesondere in Bereichen, in denen Entscheidungen getroffen werden, könnten Menschen weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Der Experte rät jungen Leuten bei der Berufswahl, sich auf ihre Neigungen zu konzentrieren und diese „stark mit technischem Verständnis“ zu kombinieren. Es gehe darum, die KI-basierten Hilfsmittel nutzen und orchestrieren zu können. „Auch künftig werden Unternehmen von Menschen geleitet, und es wird eine deutlich unternehmerische Wirtschaft mit vielen kleineren Organisationen geben“, sagt er. Der Aussage „Wer nicht durch die KI ersetzt werden will, muss die KI beherrschen“, stimmt Bittenfeld ausdrücklich zu.
Diesen Anforderungen kommen die meisten Ausbildungsverhältnisse heute jedoch noch nicht nach. „Die Berufsbilder sind im Wande,l und wir sehen auf betrieblicher Ebene einen großen Bedarf, stärker in die technische Ausbildung zu investieren“, stellt er fest. Die „Wi-Tech-Alliance“ möchte das ändern.
