DEB-Team bei Eishockey-WM trotz Sieg gegen Österreich vor dem Aus


Moritz Seider hat am Samstagabend nicht lange gebraucht, um die Richtung vorzugeben. Es lief noch die erste Minute im WM-Spiel der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft gegen Österreich, da setzte Seider gegen Dominic Zwerger einen krachenden Bodycheck, der den österreichischen Stürmer erst in die Luft und dann in die Bande beförderte.

Aber damit begnügte sich Seider nicht. Selbst nach dem zweiten Sieg im sechsten Turnierspiel war der Kapitän nicht fertig mit den Ansagen. Diesmal kamen sie aber verbal: „Drei Punkte sind schön – und nicht mehr.“

Während der Rest des Teams gut gelaunt durch die Interviewzone der Züricher Arena stapfte, war in Seiders Gesicht keine Spur von Freude zu erkennen. Daran konnten auch die beiden 6:2-Erfolge gegen Ungarn und Österreich nichts ändern. „Man muss das ehrlich in Relation setzen. Wir kommen immer besser in Fahrt, weil wir gegen die Gruppenletzten und Österreich gespielt haben. Das kann aber nicht der Maßstab sein. Wir haben das Turnier vorher verloren, was heißt, wir brauchen viel Schützenhilfe.“

Es droht die dritte Enttäuschung in Serie

Die brauchen sie in der Tat. Weil sie ihre ersten vier Turnierspiele allesamt verloren hatten. Und weil die Letten am Samstag überraschend mit 4:2 gegen die Vereinigten Staaten gewannen. Das schmälerte die deutschen Chancen aufs Viertelfinale erheblich. Und die Stimmung. Stürmer Maximilian Kastner sprach nach dem Nachmittagsspiel gar von einem „mentalen Breakdown“ im deutschen Team. „Wir haben darüber geredet, dass das scheiße ist. Wir müssen jetzt selber unsere Hausaufgaben machen und einfach hoffen.“

Doch selbst wenn zum Abschluss am Montag (20.20 Uhr, live bei Pro Sieben und Magentasport) gegen Schlusslicht Großbritannien der dritte Sieg folgt, könnte es nicht für die K.o.-Runde reichen. Aktuell stehen die Deutschen zwar auf Platz vier, aber die Konkurrenz aus Lettland und den Vereinigten Staaten hat noch ein Spiel mehr. Lettland trifft auf die Außenseiter Ungarn und Großbritannien, das US-Team ebenfalls auf Ungarn und auf Österreich. Aber da dürfen die Deutschen nicht auf einen Ausrutscher hoffen, weil sonst die Österreicher vorbeiziehen.

DSGVO Platzhalter

Viel Rechnerei, aber wie man es dreht und wendet: Es droht die dritte Enttäuschung in Serie für den Deutschen Eishockey-Bund (DEB). Bereits im Vorjahr bei der WM in Dänemark war nach der Vorrunde Schluss, bei Olympia im Februar in Mailand schied der „beste deutsche Kader der Geschichte“ krachend im Viertelfinale gegen die Slowakei aus. Nun sieht es wieder nicht gut aus. Was nicht nur Bundestrainer Harold Kreis den Job kosten könnte, das wäre ein Jahr vor der Heim-WM auch insgesamt ein Rückschlag für den DEB.

Der schien wegen der Silbermedaillen bei Olympia 2018 und der WM 2023 sowie immer neuen NHL-Stars auf dem Weg nach oben zu sein. Doch davon ist in Zürich wenig übrig. Stattdessen werden jahrzehntealte Diskussionen geführt: Warum sagen so viele Topspieler für die WM ab? Wie bekommen deutsche Spieler in den heimischen Ligen mehr Eiszeit? Warum gibt es dort kaum deutsche Trainer oder Manager? Und warum kommen so wenige Talente nach?

Zumindest am Samstag spielte das DEB-Team ab dem zweiten Drittel zur allgemeinen Zufriedenheit. Schnürte die Österreicher teils für Minuten ein, schoss doppelt so oft aufs Tor und nutzte seine Chancen, auch im bislang so schwachen Überzahlspiel. „Die Mannschaft hat an der Grenze der mentalen und physischen Belastung agiert“, sagte Bundestrainer Kreis und lobte vor allem seine erste Sturmreihe mit Lukas Reichel, Joshua Samanski und Frederik Tiffels, die für vier der sechs Tore zuständig war, manche davon herrlich herausgespielt. Allein Reichel schoss drei Tore, was am Vortag gegen Ungarn auch Verteidiger Leon Gawanke gelungen war.

Kapitän Seider hatte aber auch dazu eine Meinung: „Wir können uns jetzt hier nicht ultra freuen, dass wir gegen Ungarn und Österreich Hattricks schießen und die erste Reihe uns die Tore beschert.“ Denn gegen die großen Nationen war selbst in einem Olympia-Jahr, wenn so gut wie alle Teams mit Absagen zu kämpfen haben, kaum etwas zu holen. Da zeigten die Deutschen überall zu wenig: Technik, Tempo, Taktik, Spielverständnis.

Beim 1:3 gegen Finnland kamen sie kaum vors Tor. Das 1:6 gegen die Schweiz erinnerte gar an düstere Zeiten. Gegen einen schwachen US-Kader, der nur einen Olympiasieger aus Mailand dabei hat, lief es zwar besser, aber da verspielte das DEB-Team eine späte Führung. Selbst gegen Lettland gab es ein 0:2. Sie hätten „den Gegnern viel zu viel auf dem Silbertablett serviert – so etwas rächt sich in einem langen Turnier“, sagte Seider. Siege gegen Ungarn, Österreich und Großbritannien reichen nicht.

Verloren ist dennoch nichts. Wer weiß schon, ob Letten oder Amerikaner noch mal stolpern? „Es kann immer noch ein Wunder geben“, sagte Torwart Philipp Grubauer. Und fasste das Dilemma damit zusammen: Selbst fürs WM-Viertelfinale braucht es ein Wunder. Eigentlich dachte man, diese Zeiten wären vorbei.



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