Das Prinzip „Kayfabe“: Wenn Politik zur Wrestling-Show wird


Sam Polinsky

Stand: 20.05.2026 • 16:07 Uhr

Im Wrestling bezeichnet „Kayfabe“ die Übereinkunft, Inszenierung als Realität zu behandeln. Das funktioniert auch in der Politik: Trump etwa inszeniert Skandale als Showelemente – eine Strategie, die auch in Deutschland um sich greift.

Ein breiter Mann mit Gesichtstattoos und Rastazöpfen klettert auf die Seile, die den viereckigen Wrestling-Ring begrenzen. Auf dem Boden liegt der Gegner, er bewegt sich kaum noch. Was jetzt gleich passiert, weiß das Publikum. Es ist der vorläufige Höhepunkt des Kampfes und nicht selten sein Ende: der sogenannte „diving move“. Der Wrestler springt vom obersten Randseil wie ein Frosch und performt einen Bauchklatscher auf dem Oberkörper seines Gegners. Der bleibt regungslos liegen, der Ringrichter zählt sein K.o. an. Das Publikum jubelt.

Was brutal wirkt, ist natürlich nicht echt. Statt echter Kampf ist Wrestling geskriptet, wie eine Reality Show mit Drehbuch. Wer gewinnt, wer verliert, wer sich streitet und betrügt, das alles entscheiden die „Booker“, also das Autorenteam der Firma „World Wrestling Entertainment“ (WWE), das hinter dem Spektakel steckt.

Hauptsache „heat“

Es ist eine Welt, die nach einem Schwarz-Weiß-Schema funktioniert: Gut oder Böse, Freund oder Feind, Gewinner oder Verlierer. Hauptsache es wird „heat“, Hitze, also möglichst viel Emotion erzeugt. Obwohl die Zuschauer wissen, dass alles inszeniert ist, nehmen sie die Show ernst, als sei sie echt. „Kayfabe“ heißt dieses Phänomen. Ein Prinzip, auf das US-Präsident Donald Trumps politischer Erfolg wesentlich aufbaut.

Donald Trump und Wrestling? Wie die Faust aufs Auge

Und dessen Verbindungen zur Wrestling-Welt reichen weit zurück: Bereits 2007 trat Trump, damals noch als reicher Immobilienmogul bekannt, beim „Battle of the Billionaires“ gegen den früheren WWE-Chef Vince McMahon an. 2013 wurde Trump sogar in die WWE Hall of Fame aufgenommen, in der einflussreiche Personen des Wrestlings geehrt werden.

Ehemals WWE-Chefin, jetzt Bildungsministerin: Linda McMahon.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Auftritt von Wrestling-Legende Hulk Hogan beim Parteitag der Republikaner 2024 keine Überraschung mehr. Dort zerriss er auf der Bühne sein Shirt und brüllte: „Lasst der Trump-a-mania freien Lauf.“ Und in Trumps Kabinett ist als Bildungsministerin für alle Schulen im Land die ehemalige WWE-Chefin Linda McMahon zuständig.

Donald Trump und Wrestling, das passt wie die Faust aufs Auge, finden Jens Brodersen und Patrick Breitenbach. In ihrem Podcast „Schweigen ist Zustimmung“ analysieren die Medienschaffenden in einer aktuellen Folge die Parallelen. In Trumps Reality-Show „The Apprentice“ spielte er die Rolle des strengen Millionärs – eine Rolle, die er für sein Bewerbungsvideo als Präsidentschaftskandidat 2015 wieder aufgriff.

Darin sieht man ihn mit musikalischer Begleitung die goldene Rolltreppe in seinem New Yorker Hochhaus herunterfahren. „Das war für viele einerseits lächerlich, aber auf der anderen Seite maximal anschlussfähig für eine große Zahl Fernsehzuschauer“, sagt Patrick Breitenbach. Trumps unkonventionelle Sprache wirkt authentisch, gerade weil er sich nicht wie ein typischer Politiker inszeniert, sondern als der wahre Vertreter des Volks: ein Populist, der Wrestling liebt.

Auch US-Präsident Donald Trump hat eine Vergangenheit in der WWE.

Demokratie basiert auf Regeln, Wrestling auf Regelbruch

Eine Verbindung von „Kayfabe“ und der Politik Donald Trumps wird in den USA bereits seit seiner ersten Präsidentschaft diskutiert. So erschien bereits 2020 das Buch „Donald Trump and the Kayfabe Presidency“ der Politikwissenschaftlerin Shannon Bow O’Brien, das sich mit der „professionellen Wrestling-Rhetorik im Weißen Haus“ auseinandersetzte. Und in einer aktuellen Dokumentation des Fernsehsenders Channel 4 räumt Trumps ehemaliger Berater Sam Nunberg offen ein, dass sich die Republikaner im Wahlkampf 2016 ganz bewusst an den Regeln der WWE orientiert hätten.

Wie beim Wrestling gelten in Trumps politischem Universum Erzählungen statt Fakten – und seine Anhänger folgen ihm. „Bislang war es so, dass es klassische Lügen in der Politik gab: Man behauptete etwas Falsches und hoffte, dass es nie auffliegen wird“, sagt Patrick Breitenbach im Podcast. „Bei Trump funktioniert das Lügen komplett anders. Er behauptet etwas, von dem alle wissen, dass es nicht stimmen kann, aber alle spielen mit.“ Vor zehn Jahren weitete das Oxford Dictionary den Begriff „post-truth“ zu einem „postfaktischen Zeitalter“ aus – und Trump liefert seither die politische Blaupause dazu, mit einer popkulturellen Prägung: dem „Kayfabe“.

Auch hierzulande wird dieses Prinzip bereits ausgetestet und übernommen: Wenn die AfD-Vorsitzende Alice Weidel behauptet, Hitler sei ein Linker gewesen, steckt dahinter Kalkül, dass diese Aussage öffentliche Empörung auslöst, also „heat“. Und natürlich Aufmerksamkeit. Das ist auch ein elementarer Teil des Instagram-Accounts von Markus Söder: Selfies, Singen und gegen vegane Würstchen wettern werden zur Show – in der es kaum mehr um politische Inhalte geht.

„Breaking Kayfabe“: Wie finden wir aus der Show heraus?

Wenn Bürgerinnen und Bürger nur noch Publikum sind, die sich von dieser Politik-Show unterhalten lassen, statt sich selbst als politische Figuren zu begreifen, wird es gefährlich, findet der Podcaster Jens Brodersen: „Während die Aufmerksamkeit am Spektakel hängt, werden Strukturen umgebaut: Druck auf die Justiz, Beschneidung von Wahlrechten, Medienrechtsklagen gegen kritische Sender und mit DOGE die Zerstörung ganzer Behörden. Die Show ist nicht nur Ablenkung, sondern sie ist Tarnung für die zentrale Machtkonzentration.“

Wie kommen wir nun aus der Show zurück in die Realität? Patrick Breitenbach sagt: „Das muss die Aufgabe der Gesellschaft sein, wenn sie die Demokratie schützen will. Sich eben nicht moralisch empören, sondern die Mechanismen dahinter aufdecken. Denn wer am Ende diese Logik durchschaut, der wird auch immun gegen diesen ‚heat‘.“ Im Wrestling gibt es den Moment des „Breaking Kayfabe“: Dem Publikum offenbaren sich die wahren Mechanismen hinter den Kulissen – und die Illusion endet.



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