Das Für und Wider des Acht-Stunden-Tags
Für Kanzler Merz gab es beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds Buhrufe. Ein Thema bei dem Treffen war auch die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags.
12.05.2026 | 2:56 min
Die aktuelle Debatte um die Arbeitszeit bewegt sich rechtlich nicht im luftleeren Raum. Die EU-Arbeitszeitrichtlinie erlaubt bereits eine Höchstarbeitszeit von durchschnittlich 48 Stunden pro Woche – flexibel auf die Arbeitstage verteilt. Mit einer Reform des Arbeitszeitgesetzes in Deutschland sollen die festgeschriebenen acht Stunden täglich als Höchstgrenze entfallen. Das beträfe auch den Arbeitsschutz.
Genau daran entzündet sich der politische Streit in der Regierung. Während die Union eher den Forderungen der Arbeitgeber folgt, stellt sich die SPD an die Seite der Gewerkschaften.
Arbeitgeber fordern mehr Spielraum für moderne Arbeit
Aus Sicht der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ist das deutsche Arbeitszeitgesetz nicht mehr zeitgemäß. Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter bezeichnet die tägliche Acht-Stunden-Grenze als Relikt „aus einer Arbeitswelt der Stechuhr“. Moderne Wertschöpfung verlange „mehr Flexibilität statt starrer Vorgaben“.
Die BDA plädiert für eine Orientierung an der EU-Wochenarbeitszeit: „Die 48-Stunden-Regel gibt mehr Spielraum, Arbeit familienfreundlicher, projektbezogener und betriebsnah zu organisieren“, sagt Kampeter. Allerdings wäre mit der Umstellung auf eine 48-Stunden-Woche die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden faktisch abgeschafft.
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Gewerkschaft: Reform ist unnötig
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) will am Acht-Stunden-Tag festhalten und warnt vor den Folgen einer Änderung. „Wenn er fällt, werden wieder Arbeitszeiten von bis zu 13 Stunden inklusive Pausen am Tag möglich – wenn der Arbeitgeber sie anweist“, sagt DGB-Vorständin Anja Piel.
Zugleich gebe es schon heute flexible Modelle: „Zehn-Stunden-Tage, 60-Stunden-Wochen oder Vier-Tage-Woche – Tarifverträge bieten passgenaue Lösungen“, nennt Piel einige Beispiele. Eine Reform sei daher überflüssig.
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Forschung: Höheres Risiko bei langen Arbeitstagen
Welche Auswirkungen eine täglich höhere Stundenzahl auf die Gesundheit haben kann, untersucht das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI), das Teil der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist. „Lange Arbeitstage führen zu höheren Belastungen“, sagt WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch und bezieht sich auf die arbeitswissenschaftliche Studienlage. Die Folgen reichten von Stress und Burnout bis zu körperlichen Erkrankungen wie Schlaganfall.
Auch für die Betriebe sei das riskant: „Die Fehlerquote steigt und die Produktivität sinkt. Damit haben weder die Betriebe noch die Beschäftigten etwas gewonnen“, warnt Kohlrausch.
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Flexiblere Arbeitszeiten – mehr Freiheit oder mehr Druck?
Arbeitgeber sehen hingegen viele Vorteile für die Beschäftigten, etwa eine freiere Arbeitszeiteinteilung über die Woche: „Wer Flexibilität grundsätzlich mit Ausbeutung gleichsetzt, ignoriert die Realität vieler Beschäftigter“, so BDA-Hauptgeschäftsführer Kampeter.
Serdal Sardas, Betriebsrat bei Amazon, fürchtet dagegen um Teilzeitmodelle: „Wer jetzt in der Mutti-Vati-Schicht von neun bis 13 Uhr arbeitet, bekommt bei längeren Schichten die Care-Arbeit kaum mehr geregelt.“
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WSI-Studien zeigten zudem, dass längere Arbeitszeiten Ungleichheiten verstärken. „Frauen arbeiten tendenziell weniger, um lange Arbeitszeiten ihrer Partner auszugleichen“, erläutert WSI-Direktorin Kohlrausch.
Aus Sicht des DGB kommt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu kurz. „Wir brauchen mehr Zeit- und Ortssouveränität für Beschäftigte – kein Gesetz, das Vorgesetzten mehr Rechte gibt“, sagt Piel.
Helfen längere Arbeitszeiten der Wirtschaft?
Der BDA erwartet von längeren Arbeitszeiten eine Hilfe für die Wirtschaft. „Mehr Produktivität entsteht durch mehr Flexibilität, effizientere Prozesse, Digitalisierung und motivierte Beschäftigte“, sagt Kampeter.
Das WSI sieht anhand der OECD-Vergleichsdaten „keinen systematischen Zusammenhang im internationalen Vergleich zwischen Arbeits- oder Erwerbsarbeitsstunden und hohem Wirtschaftswachstum“, so Kohlrausch. Belegt sei aber, dass bei langen Schichten die Fehlerquote sprunghaft ansteigt.
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Claudia Krafczyk ist Redakteurin beim ZDF-Wirtschaftsmagazin WISO.
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von Cornelia Petereit
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Über dieses Thema berichtete das heute journal am 12.05.2026 ab 21:45 Uhr.
