Curaçao: Kleinster WM-Teilnehmer schreibt Fußballgeschichte
Es ist eine „Blaue Welle“, die auf die Fußball-Weltmeisterschaft zurollt – so zumindest nennt sich die Nationalmannschaft von Curaçao. Gleich im ersten Gruppenspiel hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sie zu meistern.
Der Inselstaat, der 60 Kilometer nördlich von Venezuela in der Karibik liegt, hat sich zum ersten Mal in seiner Geschichte für eine WM qualifiziert. Für das Land ist es eine Sensation.
Kleinster WM-Teilnehmer aller Zeiten
Curaçao ist einer von vier WM-Neulingen und der kleinste WM-Teilnehmer aller Zeiten. Mit nur etwa 150.000 Einwohnenden löst die Karibikinsel Island ab, das bisher den Minus-Rekord mit 350.000 Einwohnenden hielt. Curaçao ist rund 440 Quadratkilometer groß, was in etwa der Größe des deutschen Bundeslandes Bremen entspricht.
Bekannt ist Curaçao vor allem für seine traumhaften Strände und Tauchgebiete, auch für einen nach ihm benannten Likör. Fußball gehört eigentlich nicht zu den Attraktionen des Landes, eher Baseball, die beliebteste Sportart auf der Insel.
Diverse erfolgreiche Spieler kommen aus Curaçao. Andruw Jones, der 17 Saisons in der Major League Baseball (MLB) spielte, bekommt dieses Jahr sogar einen Platz in der National Baseball Hall of Fame in New York.
Fußball ist nicht der Nationalsport
Fußball wird auf der Insel unter anderem in drei Amateurligen gespielt. In der ersten Liga, genannt Promé Divishon, spielen zehn Mannschaften gegeneinander. Seit 2025 gibt es auch einen landeseigenen Pokal.
„In der Vergangenheit war Fußball hier viel größer. In den 60ern bis 80ern haben es alle geguckt“, erzählt Carl Ruiter im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW). Er ist seit elf Jahren Sportjournalist in Curaçao. Spiele seien damals oft ausverkauft gewesen. Heute kämen Fans vor allem zu den Relegationsspielen.
Ungeschlagen in der Qualifikation
Die WM-Qualifikation hat dem Fußball auf der Insel einen Aufschwung gegeben. In den letzten Heimspielen waren die Stadien voll. „Das ist ein Zeichen dafür, dass die ganze Nation richtig mitgefiebert hat, unbedingt zur Weltmeisterschaft wollte und unsere Nationalmannschaft unterstützen wollte“, so Ruiter.
Dass erstmals 48 Teams zur WM zugelassen wurden, kommt Curaçao zugute. Trotzdem war die Qualifikation beachtlich, die Mannschaft blieb in allen Spielen ungeschlagen. Am Ende brauchte das Team gegen Jamaika nur ein Unentschieden.
Als die Jamaikaner in der Nachspielzeit beim Spielstand von 0:0 einen Elfmeter bekamen, bangte ganz Curaçao. Doch dank des Videoschiedsrichters wurde die Entscheidung zurückgenommen, das Team rettete den Punkt.
Nach dem Abpfiff weinten die Spieler vor Glück. „Wir haben das Unmögliche möglich gemacht“, jubelte Stürmer Kenji Gorré in die Kameras. „Mir fehlen die Worte. Ein Traum wird wahr.“
Euphorie auf der Insel
„Ich war für das Spiel in Kingston“, erzählt Ruiter von seinen Erlebnissen auf Jamaika. „Wir haben nicht geschlafen.“ In der Heimat tanzten Fans die Nacht durch, inklusive Feuerwerk und Autokorso.
Das Team wurde am nächsten Tag von den Fans empfangen. Das Ende der Party? Erst nach 24 Stunden.
„Die WM-Qualifikation hat unser Land zusammengeschweißt“, so Ruiter. Die Menschen seien stolz auf ihr Team. Heute fahren Busse in den Farben der „Blue Wave“ durch die Insel und Spieler wie Kapitän Leandro Bacuna seien zu Vorbildern für junge Menschen geworden, die jetzt auch Fußball spielen wollen.
Fast nur Spieler aus den Niederlanden
Aber woher kommt der Erfolg des 82. der FIFA-Weltrangliste? Tatsächlich existiert die Nationalmannschaft erst seit 2011. Das hängt mit der Geschichte des Landes zusammen, denn Curaçao war eine niederländische Kolonie.
1954 wurde es als Teil der Niederländischen Antillen, zu denen auch Aruba und Bonaire gehörten, zu einem Land innerhalb des Königreichs der Niederlande, mit entsprechender Fußballmannschaft. 2010 wurde Curaçao autonom, mit eigener Regierung und eigenem Parlament – und schließlich auch einem eigenem Fußball-Team.
Im Januar 2024 übernahm der erfahrene niederländische Trainer Dick Advocaat das Team und setzte auf Spieler aus seiner Heimat. Das ist möglich, weil Curaçao noch immer zum Königreich der Niederlande gehört und die Einwohnenden einen niederländischen Pass haben.
Mittelfeldspieler Tahith Chong ist einer der wenigen Spieler, der auf Curaçao geboren wurde. Die meisten anderen Spieler kommen gebürtig aus den Niederlanden, viele wurden in Europa ausgebildet und spielen auch dort. Um das Land vertreten zu können, müssen die Eltern oder Großeltern der Spieler auf der Insel geboren worden sein.
Verbindung zu den Fans
Als Söldner ohne Verbindung zu Curaçao werden die Spieler aber nicht gesehen, sagt Carl Ruiten. Im Gegenteil: „Viele machen hier regelmäßig Urlaub, haben hier Familie. Die meisten, wenn nicht alle, können die Landessprache Papiamento sprechen“, erzählt der Sportjournalist. Bei Toren würden Spieler und Fans zusammen tanzen, und auch nach den Spielen in Kontakt kommen.
Jetzt bereiten sich Fans auf die Reise in die USA vor, denn vor allem das historische erste Spiel gegen den bislang größten Gegner Deutschland will man nicht verpassen. Und auch die Diaspora in den Niederlanden und den USA wird vertreten sein, um das Team anzufeuern.
Trainer-Chaos kurz vor der WM
Nur wenige Wochen vor der WM wurde es in Curaçao aber noch einmal unruhig. Erst im Februar hatte Erfolgstrainer Dick Advocaat seinen Rücktritt bekannt gegeben – Grund war die schwere Erkrankung seiner Tochter. Seine Nachfolge trat Fred Rutten an, ehemaliger Trainer des FC Schalke 04 und der PSV Eindhoven. Die ersten beiden Spiele unter ihm verlor das Team.
Im Mai dann die Kehrtwende: Medienberichte zufolge sollen Spieler und Sponsoren sich Advocaat zurückgewünscht haben, der wieder zur Verfügung stand und Rutten gab seinen Rücktritt bekannt. „Es darf kein Klima entstehen, das gesunde professionelle Beziehungen innerhalb der Mannschaft und des Trainerteams untergräbt“, erklärte er laut einer Verbandsmitteilung.
Der 78-Jährige Advocaat wird beim Turnier nun zum ältesten WM-Trainer aller Zeiten werden. Zu den Umständen seiner Rückkehr will er sich aber nicht äußern. „Wir müssen nach vorne schauen“, sagte er bei einer Pressekonferenz.
Mentalität als Vorteil?
Laut Advocaat sei seine Mannschaft schwierig zu schlagen. Der Wille, das Unmögliche möglich zu machen, sei eine der Stärken, sagte auch der Präsident des Fußballverbands von Curaçao, Gilbert Martina, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP.
Und dieser Wille wird gebraucht werden. In der Gruppe trifft Curaçao neben dem DFB-Team auch auf Ecuador und die Elfenbeinküste.
Ziel sei es dennoch, in die zweite Runde zu kommen, so Verbandspräsident Martina. „Wenn wir mit derselben Energie und Einstellung wie im Spiel gegen Jamaika auftreten, ist vieles möglich.
