„Culinary Class Wars“: Der Mälzer wäre hier nur Vorspeise – Stil
Von „alfredissimo!“ bis „Kitchen Impossible“: An Kochsendungen hat es dem deutschen Fernsehen nie gemangelt. Zu den besonders reizenden Relikten gehört „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“ aus den 1950er-Jahren. Darin erklärt der Schauspieler etwa, wie sich schnell ein paar verlorene Eier auf Toast zubereiten lassen („Ich will versuchen, es einmal zu demonstrieren“).
Mithalten kann davon allerdings nichts, wenn man Richtung Korea guckt – oder, um im Kochsprech zu bleiben: Wenn Tim Mälzer das Amuse-Bouche ist, dann ist „Culinary Class Wars“ definitiv der pompöse Hauptgang. Die Netflix-Sendung besticht mit ihrer Hemmungslosigkeit und erinnert an eine Mischung aus „Tribute von Panem“ und dem tödlichen „Squid Game“, auch wenn hier niemand abgeknallt wird.
Flackerndes Licht, donnernde Musik, Hochglanz-Zutaten im Kühlschrank: Zu Beginn treten in einer riesigen Arena 80 Köche an makellos polierten Kochstationen gegeneinander an, überwiegend Laien. Sie betreiben kleine Imbisse oder Bars und kochen an Grundschulen; andere arbeiten in gehobenen Küchen. Die Teilnehmer mit selbst gewählten Spitznamen wie Cooking Maniac oder Meat Mobster werden passend zur schwarzen Kochjacke als schwarze Löffel bezeichnet.

Nach einer ersten Aussieb-Runde bleiben nur noch zwanzig von ihnen übrig und treffen dann auf ebenfalls zwanzig Kontrahenten, die weißen Löffel. Manche dieser Großmeister haben 50 Jahre Kocherfahrung, betreiben Ein- oder Zwei-Sterne-Restaurants und standen schon für Präsidenten am Herd. Ein ziemliches Ungleichgewicht, möchte man meinen, aber Mini-Spoiler: Die Laien können durchaus mithalten.
Im Laufe der Serie spielen sich die Teilnehmenden in absurden Wettbewerben gegenseitig aus. Etwa im sogenannten „Meeresfrüchte-Kammer-Duell“, in dem es vor allem um Teamwork geht. Damit tun sich insbesondere die erfolgsverwöhnten Profis schwer, die es gewohnt sind, Anweisungen zu geben statt zu befolgen. Das große Finale alias „Unendliche Kochhölle“ ähnelt wiederum einem Marathon. Dafür muss man sich mit einer Hauptzutat Punkte erkochen, mit möglichst vielen verschiedenen Gerichten hintereinander. So schwebt in Staffel eins eine riesige Palette mit frischem Tofu, der an einen wabbeligen Haufen Matratzen erinnert, von der Studiodecke.
Überhaupt die Zutaten! Zum Einsatz kommen Dinge, von denen man noch nie gehört hat: Perillaöl (aus den gerösteten Samen einer asiatischen Pflanze), Pollack-Rogen (ein Dorsch-ähnlicher Meeresfisch), Ogyeopsal (ein auf besondere Art geschnittener Schweinebauch) oder die Alge Maesaengi.
Mindestens ebenso kurios sind die beiden tapferen Juroren, die jedes einzelne Gericht kosten und bewerten müssen, und dabei vor der Kamera landestypisch schmatzen und schlürfen. Dafür futtern sie sich durch hierzulande weitgehend unbekannte Gerichte wie Rettich-Suppe, Babao-Fleischkloß oder Bonghwa-Ente mit schwarzen Himbeeren. Das klingt toll und sieht auch so aus – weswegen man diese Sendung zwingend erst nach dem Essen gucken sollte.

In ihrer völligen Übertreibung bietet „Culinary Class Wars“ herrlichsten Eskapismus und macht große Lust darauf, die aktuell so gehypte koreanische Küche auch jenseits des Bildschirms besser kennenzulernen. Einen nachdrücklichen Eindruck hinterlassen allerdings auch die Umgangsformen in dieser Sendung, von denen man im deutschen Fernsehen nur träumen kann: Wer rausfliegt, verbeugt sich.
