Commerzbank: Deutschlands Bankenpolitik im Blindflug
Kolumne
Commerzbank: Deutschlands Bankenpolitik im Blindflug
Unicredit treibt die Übernahme der Commerzbank voran, die Berliner Politik wirkt machtlos: Der Fall ist ein Lehrstück für die Planlosigkeit der Regierenden in der Bankenpolitik
Sagt Ihnen „Hanlon’s Razor“ etwas? Unter diesem Begriff versteht man eine Art goldene Regel zur Erklärung großer Missgeschicke: Demnach soll man sich nicht in umständlichen Theorien verlieren, wenn schon grobe Dummheit zur Erklärung eines Unglücks reicht.
Seit mehr als anderthalb Jahren rätseln professionelle Beobachter, wie es zu der wirklich komplett verfahrenen Lage rund um die Commerzbank kommen konnte. Schon der erste Akt des Dramas, der Verkauf eines Aktienpakets von knapp fünf Prozent an Deutschlands zweitgrößter Privatbank durch den Bund Anfang September 2024 bietet allerhand Anlass für Spekulationen. Leider wurde seither wenig besser. Aber alle Beteiligten versichern, stets in bester Absicht zu handeln und gehandelt zu haben – als wenn Unvermögen das Drama entschuldigen könnte.
Nach dieser denkwürdigen Woche, in der der Chef der italienischen Großbank Unicredit, Andrea Orcel, sein erstes offizielles Übernahmeangebot für die Aktionäre der Commerzbank vorgelegt hat, zeichnet sich jedenfalls ziemlich deutlich ab: Über kurz oder lang wird die Commerzbank wahrscheinlich italienisch werden. Schon jetzt kontrolliert Orcel knapp 30 Prozent der Commerzbank-Anteile, über anderthalb Jahre sehr planvoll zusammengekauft. Die Offerte, die er diese Woche präsentierte, ist für Commerzbank-Aktionäre zwar ziemlich unattraktiv, wie mein Kollege Stefan Schaaf analysiert. Erst recht nach den guten Geschäftszahlen für das erste Quartal und den weiteren Plänen für das Geldhaus, die Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp an diesem Freitag vorstellte.
Aber ein paar weitere Aktien wird Orcel im Laufe der nächsten sechs Wochen schon erhalten, und die werden ihn ziemlich gewiss über die Schwelle von 30 Prozent tragen – ganz ohne teureres Pflichtangebot an alle Aktionäre. Mehr braucht Orcel für den Moment gar nicht, danach kann er in aller Ruhe weiter zukaufen oder weiter abwarten, ganz wie es ihm beliebt.
Obgleich die Bundesregierung, mit gut 12 Prozent immer noch zweitgrößter Anteilseigner bei den Frankfurtern, mehrfach deutlich gemacht hat, dass sie eine Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit ablehnt, hat sie eigentlich keine sinnvollen Optionen mehr. Wirklich verhindern kann Berlin die Übernahme nur, wenn die Regierung nun selbst anfinge, im großen Stil Commerzbank-Aktien aufzukaufen. Immerhin, die Nachrichtenagentur Reuters meldete diese Woche, die Regierung halte sich genau das offen – man prüfe, ob man über die staatliche KfW-Bank wieder Anteile an der Commerzbank aufkauft, so Reuters. Die Meldung wurde zwar dementiert, aber für gewöhnlich veröffentlicht Reuters solche Informationen nur, wenn die Kollegen sehr gute Quellen haben.
Nur zur Erinnerung: Vor bald zwei Jahren stellte der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP) ohne größere Vorsichtsmaßnahmen fünf Prozent der Aktien zum Verkauf, und siehe da, die Unicredit schlug über Nacht für gut 13 Euro zu. Heute könnten Lindners Nachfolger anfangen, zum jetzt mindestens dreifachen Kurs wieder Aktien zurückzukaufen, nur damit Unicredit nicht komplett die Kontrolle übernimmt.
Wenn die Erklärung mit der Dummheit für die Vorgänge im September 2024 stimmt, muss man befürchten, dass auch an der Reuters-Meldung jetzt etwas dran ist.
Mehr als Hinhalten kann die Commerzbank Orcel nicht
Im besten Fall sorgt das Gerücht aber dafür, dass die Commerzbank-Aktie weiter steigt, Orcels Angebot noch unattraktiver wirkt und die Übernahme für Orcel zumindest immer teurer wird. Und politisch aufgeladener: Immerhin ist die Übernahme und Integration einer Bank nicht ein Geschäft wie jedes andere – bei Bank-Übernahmen geht es um komplexe IT-Systeme, um Mitarbeiter und unterschiedliche Kulturen, vor allem aber um wertvolle Kundenbeziehungen, die niemand gerne verlieren möchte. Daher muss sich Orcel gut überlegen, wie hart er wirklich vorgehen will. Doch viel mehr Optionen als Hinhaltetaktiken bleiben dem Bank-Management und der Bundesregierung nicht.
Im Getümmel dieser Übernahmeschlacht tauchen allerdings schon zwei Fragen auf, die über die Commerzbank hinausweisen: Was ist eigentlich die weitere Strategie der Regierung für den Finanzplatz Deutschland und die verbleibende Bankenlandschaft? Und was bedeutet der schleichende Verkauf der Commerzbank für hiesige Unternehmen und ihr Exportgeschäft? Immerhin bezeichnet sich das Finanzinstitut als der führende Mittelstandsfinanzierer im Ausland.
Bei aller Verbundenheit wird die zweite Frage mit der Zeit wahrscheinlich der Markt entscheiden. Für Privatkunden wird sich auch bei einer „italienischen“ Commerzbank zunächst nicht viel ändern, bei den Unternehmenskunden wird man abwarten müssen. Entweder bleiben sie auch einer Commerzbank in neuen Eigentumsverhältnissen treu – oder sie werden sich andere Banken als Partner suchen. Vielleicht fällt hier Geschäft für die Deutsche Bank ab, vielleicht werden Institute aus Frankreich oder den USA noch stärker in das hiesige Firmenkundengeschäft einsteigen. Ob das unterm Strich gut oder schlecht für die deutsche Wirtschaft und ihr Exportgeschäft sein wird, kann heute niemand seriös sagen.
Es fehlt ein Plan für die Banken in Deutschland
Dringlicher ist die Antwort auf die erste Frage, sie steht nämlich schon seit gut 20 Jahren unbeantwortet im Raum. Allein gut 16 Jahre hielt der Bund seine Anteile an der Commerzbank, ohne je wirklich einen Plan zu entwickeln, was er mit dieser Beteiligung anstellen könnte. Und diese fehlende Antwort hat erst in die Situation geführt, in der sich Deutschlands Banken heute befinden: zu klein, um im weltweiten Wettbewerb mithalten zu können, und so niedrig bewertet, dass sie ein leichtes Übernahmeziel sind.

>> Die Woche – Newsletter <<
Das wichtigste Thema der Woche aus Wirtschaft, Finanzen und Politik – pointiert eingeordnet von Capital-Chefredakteur Timo Pache. Immer freitags, kostenlos und mit vielen Lese-Tipps zu den besten Capital-Geschichten der Woche.
Von den einst vier großen deutschen börsennotierten Geschäftsbanken – Deutsche, Dresdner, Commerzbank und HVB – ist bald nur noch die Deutsche einigermaßen eigenständig. Aber auch sie ist allein viel zu klein und unbedeutend, um als glaubwürdige Repräsentantin der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde durchzugehen. Daneben gibt es weiter einen Wildwuchs an öffentlichen und halböffentlichen Banken – Landesbanken, Förderbanken, Sparkassen, Volksbanken –, die alle fröhlich vor sich hin werkeln und die alle zu klein sind, um jenseits von Förderkrediten, Gehaltskonten, Immobilienfinanzierungen und Zahlungsabwicklung den hiesigen Unternehmen zu nützen. Industriepolitik ist seitjeher ein Tabu für deutsche Ordnungspolitiker, im Finanzsektor aber gilt das noch mal mehr. Andere Länder wie Frankreich, Italien und vor allem die USA haben diese Vorbehalte nicht – und sie übernehmen jetzt im deutschen Bankensektor das Geschäft.
Für die Commerzbank kommt wahrscheinlich jede Hilfe zu spät – für den Rest der Branche und für die Regierung in Berlin sollte die Übernahme immer noch ein Weckruf sein.
