Christen zwischen den Fronten – Angst um Angehörige im Südlibanon
Bei den Kämpfen zwischen Israel und der Terrormiliz Hisbollah im Südlibanon geraten auch Christen zwischen die Fronten. Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf Gemeinden. Für Verwandte in Israel ist das schwer auszuhalten.
„Hier ist Israel – und die Orte da in den Bergen sind im Libanon. Das Dorf da heißt Maroun al-Ras, da ist alles zerstört. Das hat die Hisbollah übernommen. Es wurde schiitisch.“
Nivin Elias trägt Sonnenbrille und eine Kette mit einem Kreuz um den Hals. Die stellvertretende Vorsitzende der christlich-aramäischen Vereinigung in Israel zeigt auf eine nahegelegene Hügelkuppe im Südlibanon. Hier von Israel aus ist eine Trümmerwüste zu erkennen. Die Waffenruhe ist brüchig zwischen der israelischen Armee und der Terrormiliz Hisbollah.
„Hören Sie das?“, fragt Nivin nach einem lauten Geräusch im Hintergrund. „Das war unsere Armee … wir hören alles. Alle Bomben, ich sehe die Raketen, den Iron Dome, die Helikopter. Wir hören, dass es keine Waffenruhe ist.“
Maroniten harren in ihren Dörfern aus
Während die schiitischen Dörfer an der Grenze zu Israel zerstört und verlassen sind, halten die Maroniten in ihren Dörfern aus. Eine katholische Minderheit, die ihre Wurzeln im Libanon hat. Nivins Familie gehört dazu, lebt aber hier in Gisch in Israel. Die Grenze trenne die Familien, die drüben unter Beschuss stehen, sagt Nivin traurig.
„Wir können nicht hin und ihnen helfen. Wenn wir sie anrufen, sagen wir nur: Hallo wie geht’s? Nicht mehr. Keine Politik. Sie haben Angst.“ Seine beiden Onkels seien noch dort, in Rmaych wohnt sein Cousin. „Sie haben sich entschieden dort zu bleiben. Sie wissen, dass Dorfbewohner sterben werden. Aber sie wollen ihre Dörfer nicht aufgeben. Wenn sie flüchten, übernimmt sie die Hisbollah und sie werden im Krieg zerstört wie Yaroun und Maroun al-Ras.“
Familientreffen nur in Drittländern
Es sei nicht ihr Krieg, aber ihre Familie da drüben, sagt Nivin. Sie erzählt, dass sie sich zu Friedenszeiten mit ihren Verwandten nur in Drittländern treffen konnte, obwohl ihre Dörfer vier Kilometer auseinander liegen. Bei Hochzeiten schickten sie sich Videos. Jetzt im Krieg sammeln die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner aus Gisch in Israel Spenden für ihre Verwandten im Südlibanon.
„Ich gehöre zu denen die Wasser kaufen, Milchpulver für Babys, Putzmittel zum Reinigen, Kleidung“, sagt Elias. „Weil die israelische Armee die Straßen zu drei maronitischen Dörfern Ain Ebel, Debl und Rmaych zerstört hat, haben sie zugestimmt, dass sie die Sachen zu den Menschen in den Dörfern bringen. Das ist das einzige, dass wir tun können. Ohne die Armee ginge das nicht.“
Immer wieder sterben auch Maroniten bei Israels Angriffen
Sie selbst habe als Reservistin in der israelischen Armee gedient, sagt sie. Sie identifiziert sich mit Israel, hat die Staatsbürgerschaft. Umso schlimmer trafen sie die Bilder im Internet als ein israelischer Soldat eine Jesusstatue mit einer Axt im maronitischen Nachbardorf Debl im Südlibanon zerschlug, ein anderer einer Marienstatue eine Zigarette in den Mund steckte. Die Soldaten bekamen eine milde Gefängnisstrafe.
„Das war kein Versehen. Sie haben es auf Social Media geteilt. Und es ist nicht das erste Mal.“ Deshalb habe sie sich bei der Regierung und der Armee beschwert. „Kämpft Israel gegen die Maroniten oder gegen die Hisbollah? Man sollte die Geschichte kennen, bevor man in den Kampf zieht. Wir sind müde und wollen nur, dass es Frieden gibt im Libanon. Wir haben Familie da drüben.“
Ein Hisbollah-Terrorist habe sich in einer Kirche versteckt und einen israelischen Soldaten erschossen, teilte die Armee vergangene Woche mit. Immer wieder sterben bei israelischen Luftangriffen auch Maroniten, erst im März ein Priester in einem südlibanesischen Dorf. Dabei wollen die Christen in Ruhe leben, sagt Abt Nikodemus Schnabel von der katholischen Dormitio Abtei in Jerusalem. Er setzt sich für die maronitischen Gemeinden ein.
Die Israelis unterstellen ihnen, dass sie Hisbollah-Mitglieder bei sich beherbergen, und die Hisbollah unterstellt ihnen, dass sie mit Israel kooperieren. Diese Christen sind Kollateralschäden dieses Krieges. Das ist das Tragische, dass eine Gruppe, die dort seit Jahrhunderten lebt, wirklich gerade zerrieben wird zwischen diesen kriegerischen Auseinandersetzungen der israelischen Armee und der Hisbollah.
„Wir geben unseren Traum nicht auf“
Schnabel verurteilt die Schändung christlicher Statuen im Libanon durch die israelische Armee aufs Schärfste. Dem müsse die israelische Regierung entschieden entgegentreten, fordert er, der selbst Opfer radikaler Angriffe wurde. Die christliche Minderheit Israels, die etwa zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht, sei dem Abt zufolge nicht nur im Kriegsgebiet bedroht.
Zurück in Gisch schaut Maronitin Nivin Elias hinüber zum Dorf ihrer Familie im Südlibanon. „Der libanesische Präsident Aoun ist Maronit, er gehört zur Minderheit“, sagt sie. Aber er sei nicht stark genug, um sich gegen die irangestützte Hisbollah durchzusetzen. „Trump unterstützt Israel im Krieg, aber sagt nie etwas, um uns Christen im Heiligen Land zu unterstützen. Keiner interessiert sich für uns. Aber wir geben unseren Traum nicht auf. Dass wir unsere Verwandten eines Tages besuchen können im Libanon und dass sie zu uns kommen können.“

