Chemikalien – PFAS in vielen Medikamenten ersetzbar


Medikamente verschiedener Hersteller liegen auf einem Tisch.


exklusiv

Stand: 15.05.2026 • 11:27 Uhr

Für viele Medikamente könnten Hersteller bereits heute auf PFAS verzichten. Das zeigt eine neue Studie, die NDR und WDR vorliegt. Demnach existieren für die Mehrheit der zugelassenen PFAS-haltigen Wirkstoffe Alternativen.

Von Johannes Edelhoff, Catharina Felke, NDR und Jana Heck, WDR

Viele kennen PFAS aus beschichteten Pfannen oder wasserabweisenden Regenjacken und Schuhen. Was weniger bekannt sein dürfte: PFAS, die Abkürzung steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, stecken auch in zahlreichen Medikamenten. PFAS-haltige Wirkstoffe werden beispielsweise für Antibiotika und Antidepressiva genauso wie für Krebsmedikamente und in Asthmasprays verwendet. Eine deutsche Studie kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass sich womöglich viele dieser Wirkstoffe bereits ohne PFAS herstellen ließen.

Das wäre ein Fortschritt, denn die Stoffe bauen sich in der Umwelt nicht ab, was ihnen bereits den Namen „Ewigkeitschemikalien“ verschafft hat. Außerdem können manche der Chemikalien zu Krebs und Leberschäden führen, das Immunsystem schädigen und stehen im Verdacht, Hormonstörungen zu verursachen.

In gebundener Form, wie beispielsweise in einem Medikament, sind PFAS jedoch in der Regel nicht gefährlich, das gesundheitsschädliche Potenzial liegt in der Herstellung und in der Entsorgung. Seit 2023 arbeitet die Europäische Union an einer umfassenden Regulierung für die über 10.000 fassende Stoffgruppe. Die Nutzung soll eingeschränkt werden.

Die Arzneimittelbranche soll aber weitgehend von der neuen Regulierung ausgenommen werden. Es fehle an Alternativen ohne PFAS, eine Umstellung sei langwierig und forschungsintensiv, heißt es aus der Branche. Zusätzlich verhelfen die Stoffe Medikamenten etwa zu mehr Stabilität und Haltbarkeit.

Umweltfreundliche Alternativen

Dem widerspricht nun eine Studie des Pharmazeutischen Instituts der Universität Freiburg und des Umweltbundesamtes, die NDR und WDR vorliegt. Laut der Studie existiert bereits heute für 97 von insgesamt 111 untersuchten PFAS-haltigen Arzneiwirkstoffen für Medikamente ein PFAS-freier Ersatz.

„Wir haben für die allermeisten Medikamente jetzt schon Alternativen“, sagt Studienautor Michael Müller. Diese seien bereits auf dem Markt oder in anderen Ländern zugelassen. Wo Alternativen noch fehlen, seien sie kurz vor Marktzulassung oder in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium. In Deutschland seien 70 PFAS-haltige Wirkstoffe zugelassen, für die die Studie 61 PFAS-freie Optionen ausmacht.

Für Müller ist klar: Die Nutzung der PFAS steht in keinem Verhältnis zu ihren Umweltrisiken. Laut seiner Studie können 84 Prozent der untersuchten Arzneiwirkstoffe zu Trifluoressigsäure, kurz TFA, zerfallen – einem besonders langlebigen PFAS-Abbauprodukt. Der menschliche Körper scheidet TFA zwar schnell wieder aus, in der Umwelt bleibt die Substanz jedoch über sehr lange Zeit bestehen. Sie verteilt sich leicht im Wasser und lässt sich nur mit großem technischem Aufwand aus Trinkwasser entfernen.

2025 stuften deutsche Behörden TFA zudem als fortpflanzungsgefährdend ein. Wie stark Arzneimittel insgesamt zur PFAS-Belastung beitragen, haben Forschende bislang kaum untersucht. Klar ist aber: Über Medikamente werden weltweit jedes Jahr mehrere Tonnen langlebiger Abbauprodukte wie TFA freigesetzt.

Komplexe Suche

Bei der Zulassung von neuen Medikamenten für Menschen werden Umweltrisiken zwar dokumentiert, zu Einschränkungen oder gar einem Verbot von Arzneimitteln führen sie aber nicht. Vorrangig ist das Wohl der Patienten. „Umweltrisiken sind wichtig, aber wir sagen, in erster Linie muss das Medikament wirken“, betont Hannes Hönemann. Er ist Pressesprecher von Pharma Deutschland, einem großen Verband globaler wie auch mittelständischer Unternehmen, die vor allem Arzneimittel herstellen. Mitglieder sind etwa die Hersteller der Covid-19-Impfung AstraZeneca sowie Bayer und Boehringer Ingelheim.

Die Branche hätte aber auf jeden Fall erkannt, dass PFAS ein Problem seien, so Hönemann. Firmen würden bereits nach alternativen Wirkstoffen ohne PFAS forschen, das brauche jedoch viel Zeit. „Ein Ersatz und eine Reduzierung sind in unseren Zusammenhängen sehr viel schwieriger, als wenn PFAS aus dem Haarshampoo entfernt werden sollen.“ Dennoch räumt er ein, dass der Sektor nicht die treibende Kraft bei der Abkehr von PFAS sei.

Zu wenig Anreize

Diesen Eindruck teilt Daniela Gildemeister vom Umweltbundesamt, das an der Studie mitgewirkt hat. Sie leitet die Umweltrisikobewertung von Arzneimitteln in der Behörde. Es gebe bisher zu wenig Anreize für die Pharmabranche die Umweltverträglichkeit bei der Herstellung von Medikamenten zu berücksichtigen.

Dass es aber anders möglich wäre, zeige nun die neue Studie. Gleichzeitig weisen die Studienautoren darauf hin, dass mögliche Risiken der Alternativen bislang nicht ausreichend erforscht sind und die beste therapeutische Medikation letztlich im Ermessen der behandelnden Ärzte liegt.



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