Chase: Vier Prozent Zinsen auf Tagesgeld: Das taugt das Angebot – Wirtschaft


Jetzt ist es tatsächlich geschehen: Die US-Großbank JPMorgan hat ihre Digitalbank namens Chase nach Deutschland gebracht. Spekuliert wurde darüber schon seit drei Jahren. Damals kündigte Chef James „Jamie“ Dimon den Sprung nach Deutschland in einem Interview mit dem Handelsblatt an, seither war aber wenig passiert. Stattdessen durften sich Bankvorstände im Land fragen: Wann kommen die Amerikaner denn nun? Wie wird das Produkt aussehen? Wird es wirklich den deutschen Markt aufwirbeln?

Weil die größte US-Bank mit einer aktuellen Bewertung von mehr als 800 Milliarden Euro enorme finanzielle Schlagkraft hat, war die Ehrfurcht vor dem Einstieg ebenso groß wie das Rätselraten. Seit Mittwoch gibt es Antworten.

Da nämlich ging die deutsche Webseite des Ablegers Chase in Deutschland live und seitdem wirbt die Bank mit einem Zinssatz von vier Prozent um Neukunden in der Bundesrepublik. Doch hält das Angebot, was es verspricht?

Die US-Bank JPMorgan betreibt mit Chase eine der beliebtesten Banken schon in den USA. Insgesamt zählt sie mehr als 80 Millionen Kunden. Das ist eine beachtliche Zahl. Zum Vergleich: Die Commerzbank kommt in Deutschland auf knapp zehn Millionen Kunden. Die große Expansion ist den US-Amerikanern bisher aber nicht gelungen. Seit dem Start in Großbritannien im Jahr 2021 konnte sie dort nur drei Millionen Kunden von sich überzeugen. Damit konnte sich Chase trotz großer Ambitionen nicht in die Spitzenliste der beliebtesten Banken katapultieren.

Ob es hierzulande besser läuft? In Deutschland ist die Digitalbank Chase allenfalls in der Light-Variante gestartet: mit einem Angebot für Tagesgeld. Wer ein Konto eröffnet, bekommt kein Girokonto, kein Festfeld, keine Kreditkarte, keine Debitkarte, keine Girocard und auch kein Depot dazu. Solche Angebote sollen schrittweise in den kommenden Jahren ergänzt werden, heißt zum Start. Jetzt zu Chase zu wechseln, ergibt also aus Sicht der Verbraucher nur Sinn, wenn sie auf die Zinsen aus sind. Wenn überhaupt dürfte Chase mit ihrem Angebot also als Zweit- oder Drittbank von Zinsjägern taugen, die bisher bei Konkurrenten wie dem Münchner Fintech Scalable Capital, dem Zinsportal Raisin oder Trade Republic ihr Geld geparkt haben.

Vor- und Nachteile des Chase-Angebots

Auch das Angebot selbst hat Haken – selbst wenn es zunächst verlockend klingt. Für Neukunden gibt es zwar vom ersten Monat an und bis zu einer Million Euro vier Prozent Zinsen im Jahr. Das ist doppelt so hoch wie der Einlagenzins der Europäischen Zentralbank, der zurzeit bei zwei Prozent liegt und die Referenzgröße der attraktiveren Zinsangebote in Deutschland ist. Trade Republic beispielsweise zahlt zwei Prozent pro Jahr an seine Kunden aus, Scalable Capital kann immerhin mit 2,5 Prozent pro Jahr aufwarten. Beides ist weit von vier Prozent entfernt.

Allerdings lässt der Wow-Effekt bei einem Blick ins Kleingedruckte von Chase nach. Denn die vier Prozent gelten nur für die ersten vier Monate, danach fällt der Zins wieder auf zwei Prozent. Noch dazu ist der Zins „variabel“, was bedeutet, dass die Bank diesen jederzeit verändern kann. Sollte die EZB also ihre Zinsen künftig noch einmal senken, könnte sie sofort reagieren und auch die Zinsen für Sparer senken. Im Vergleich mit Sparkassen mag das Angebot also verlockend klingen. Insgesamt ist es aber eher oberer Durchschnitt.

Andere stark verzinsten Angebote

Wie nachhaltig das Zinsangebot für die Bank selbst ist, ist äußerst fraglich. Denn Lockangebote gibt es auch von anderen Banken auf dem Markt in Masse. Die ING beispielsweise wirbt aktuell um Neukunden mit 3,2 Prozent Zinsen für die ersten vier Monate, bei der Volkswagen Bank gibt es 2,9 Prozent für immerhin sechs Monate und so weiter. Wer also nicht gerade bei einer Sparkasse oder einer Volksbank Kunde ist, die oft weniger als ein Prozent zahlen, kann auch jetzt schon gutes Geld für sein Tagesgeld kassieren. Neue Banken werden zudem eher skeptisch betrachtet in Deutschland. Erst kürzlich versuchte die spanische Bank BBVA mit einer groß angelegten Kampagne und einer Kampfansage in Form von drei Prozent Zinsen für die ersten sechs Monate, die Deutschen für sich zu gewinnen. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, wie viele Kunden die BBVA gewonnen hat. In Fachkreisen aber hält man den Effekt für überschaubar. Droht dieses Schicksal auf kurz oder lang auch Chase – oder kann die Bank aus den USA noch einmal auftrumpfen?

Zumindest der Einstieg in den deutschen Markt hat ihnen ausgerechnet ein ungewöhnlicher Konkurrent so richtig mies gemacht: die Deutsche Bank. Die ist die Muttergesellschaft der Norisbank – und die Norisbank wirbt nun ebenfalls mit vier Prozent Zinsen. Die gelten sogar für sechs statt nur vier Monate – allerdings erst vom 1. Juli an. Bei der Norisbank gibt es ein Girokonto dazu, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher tatsächlich auch im Alltag benutzen können. Allerdings fällt der Zins nach Ablauf der sechs Monate zurück auf den Normalzinssatz – derzeit 0,75 Prozent, also weniger als die zwei Prozent bei Chase.

Dass das Norisbank-Angebot nur einen Tag nach dem Start von Chase aufgetaucht ist, dürfte kein Zufall sein. Im Gegenteil: Man muss davon ausgehen, dass die Deutsche Bank diesen Gegenangriff schon länger geplant hat, um es der US-Bank richtig schön schwer zu machen in Deutschland.



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