Billig-Drohnen setzen Israel unter Druck


Es ist ein Video, das symbolischer kaum sein könnte: Eine Sprengstoffdrohne schlägt in eine israelische Iron-Dome-Batterie ein. Israels berühmtes und milliardenteures Luftabwehrsystem – angegriffen von einem Fluggerät, das kaum mehr als einige Hundert Euro kostet. Die Aufnahmen wurden bisher nicht eindeutig verifiziert, Experten halten sie jedoch für echt.

Das Video hat die proiranische Hisbollah-Miliz, die unter anderem von Deutschland, den USA und mehreren sunnitisch-arabischen Staaten als Terrororganisation eingestuft wird, vor rund einer Woche in Sozialen Medien veröffentlicht. Für sie ist das Ereignis ein riesiger Propagandaerfolg. Und Israels Militär wirkt verwundbar wie lange nicht.

Glasfaserdrohnen als Geheimwaffe

Seit März setzt die libanesische Hisbollah verstärkt auf sogenannte FPV-Drohnen (First Person View), die den Piloten ein Echtzeitbild ihres Ziels liefern. Mehrere israelische Soldaten sind bei den Angriffen ums Leben gekommen, viele weitere wurden verletzt. Was israelische Militärexperten besonders besorgt: Immer mehr dieser Drohnen werden nicht über Funk, sondern per Glasfaserkabel gesteuert. Ihre Signale werden über dünne Kabel, die von einer Spule abgewickelt werden, an die Piloten übertragen. Die Folge: Sowohl die Ortung der Drohnen als auch die Störung ihrer Kommunikation, das sogenannte Jamming, ist mit Mitteln der klassischen elektronischen Kriegsführung kaum möglich.

Ein Soldat in Tarnanzug hantiert mit einer Glasfaser-Drohnen
Im Ukraine-Krieg nutzen Russland und die Ukraine Glasfaserdrohnen, und keine der Seiten hat ein bisher ein probates Anwehrmittel Bild: DW

Im Ukraine-Krieg werden diese Glasfaserdrohnen seit 2024 massiv eingesetzt – sowohl von der Ukraine als auch von Russland. Viele der Gegenmaßnahmen wirken bis heute eher improvisiert. Neben dem Aufspannen von Schutznetzen sind es oft einfache mechanische Mittel wie das Durchtrennen der Kabel oder der Beschuss mit Schrotflinten, die im Kampf gegen die Glasfaserdrohnen zum Einsatz kommen. Gegen das grundlegende Problem, dass sie technisch kaum zu lokalisieren sind, scheinen beide Seiten bisher machtlos.

Regierung wirbt um Geduld

Angesichts der sich seit Jahren abzeichnenden Entwicklung sind viele Beobachter verwundert, dass auch Israels Militär nicht besser gewappnet wirkt. „Armeen, die auf große Kriege vorbereitet sind, stehen plötzlich ganz neuen Herausforderungen gegenüber“, erklärt Drohnenexperte Neri Zin im Gespräch mit der DW. Laut dem Geschäftsführer des israelischen Rüstungs-Startups Axon Vision sei es gerade für große Militärmächte nicht einfach, schnell genug ihre Kriegsführung anzupassen: „Ein Panzer, der zweistellige Millionenbeträge kostet, kann nun plötzlich von einer FPV-Drohne angegriffen werden, die man für 400 Dollar bei Alibaba kaufen kann.“

Libanon Nabatäa 2026 | Ein Siedlung mit mehreren qualmenden Häuserblöcken
Rauch nach israelischem Luftangriff im Libanon. Im Konflikt Israel setzt die schiitische Hisbollah-Miliz Glasfaserdrohnen einBild: Abbas Fakih/AFP

Der ukrainische Botschafter in Israel, Jewhen Korniichuk, zeigt sich irritiert, dass Israel bei der Suche nach Lösungen nicht stärker auf die Erfahrungen der Ukrainer schaut. „Leider sehen wir seitens der israelischen Führung in diesem Bereich nicht viel Interesse“, so der Diplomat gegenüber dem israelischen Nachrichtenportal Ynet News. Damit verpasse das Land eine wichtige Gelegenheit. Ein IDF-Pressesprecher versicherte der DW auf Anfrage, man verfolge auch die Herausforderungen in anderen weltweiten Kriegsschauplätzen genau. Dabei seien die israelischen Streitkräfte „an vorderster Front im Wettlauf um die Entwicklung von Maßnahmen gegen diese Bedrohung“. 

Inzwischen setzt das Thema auch Benjamin Netanjahu zunehmend unter Druck. Israelischen Medien sagte der Ministerpräsident, er habe die „Einrichtung eines Sonderprojekts zur Drohnenbedrohung“ befohlen. Gleichzeitig warb er um Geduld: „Das wird Zeit brauchen“, so Netanjahu. Die möglichen technischen Lösungen, die dabei diskutiert werden, sind vielfältig. Sie reichen von einer frühzeitigen visuellen und akustischen Detektion der Flugkörper bis zur Zerstörung der Elektronik durch Mikrowellen- und Lasertechnologie – alles unter dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Lösungen sollen preiswert sein

„Wir brauchen vor allem einfache Lösungen – und wir brauchen sie jetzt“, betont Drohnenexperte Neri Zin. „Wir können nicht noch Jahre warten, um etwas zu entwickeln.“ Auch sein Startup arbeitet bereits an Lösungen, Angriffe von Glasfaserdrohnen abzuwehren. Es setzt dabei auf Systeme, die vor allem kleinere Einheiten schützen sollen und auf Fahrzeugen montiert werden können. Die Idee: Visuelle und thermische Kameras filmen die Umgebung. Die Daten werden sofort von speziell trainierten KI-Systemen analysiert. Schließlich werden die Zielinformationen an Waffensysteme übermittelt.

Israel Tel Aviv | Animation der neuen Anti-Drohnen-Technik der israelischen Firma Axon Vision: Angedeutet wird der Überwachungswinkel einer Kamera auf einem gepanzerten Fahrzeug
Die Drohnenabwehr von Axion soll Kameradaten per KI auswerten und Zielinformationen an Waffensysteme übermittelnBild: Axon Vision

Zin betont, dass dabei auch immer noch ein Mensch im Entscheidungsprozess involviert ist. In besonders feindlichen Umgebungen können für bestimmte Zeitfenster allerdings autonome Aktionen vorab genehmigt werden. Laut Zin hat seine Firma bereits Kunden in zahlreichen Ländern – auch in Europa. Am Ende sei der Drohnenkrieg auch immer ein wirtschaftlicher Konflikt. Lösungen müssten vor allem preiswert sein, sonst käme es zu absurden Situationen. „Ich habe gestern gesehen, wie ein General aus den Emiraten über die Kosten des Irankriegs letzten Monat gesprochen hat. Dort haben sie Shahed-Drohnen mit Abfangraketen bekämpft – die kosten acht Millionen Dollar pro Stück.“



Source link

Ähnliche Beiträge