Berliner Spazierclub will echte Begegnungen für die Generation TikTok schaffen
Treffen um 12 in der Bamberger Straße vorm „Deutschrap Späti“: Wer würde da an so etwas Altväterliches wie Spazierengehen denken? Einige hundert junge Leute sind es an diesem Sonntag. Sie folgen einem TikTok-Aufruf, der viral gegangen ist und in Berlin zu einem neuen Trend werden könnte.
Der Hip-Hop-Videoproduzent und Content Creator Allan Anders steckt dahinter. Running Clubs haben ihn inspiriert, doch das Laufen ist ihm zu anstrengend. Deshalb hat er zum „Spazierclub“ eingeladen. Ein Ziel hat er sich dennoch gesetzt: 10.000 Schritte will Anders mit den Teilnehmenden gemeinsam zurücklegen, von Wilmersdorf zum Straßenfest des Karnevals der Kulturen in Kreuzberg. Kann das mit so vielen Leuten funktionieren – und warum wollen die alle mitgehen?
Der Start ist etwas schwerfällig. Einige Leute kaufen sich erst mal Getränke im Späti und quatschen miteinander, ein Grüppchen reicht einen Joint herum und unterhält sich angeregt über dessen THC-Gehalt. Immer wieder treffen Nachzügler ein. Rund 45 Minuten später als geplant setzt sich die Gruppe in Bewegung.
Für die Generation TikTok ist der Spazierclub eine Chance für reale Begegnungen in der sonst oft anonymen Großstadt Berlin. „Ich möchte gerne neue Leute kennenlernen und gemeinsam etwas unternehmen“, sagt Robert, 24, aus Lichterfelde-Ost, der alleine gekommen ist. Ob er denn schon mit anderen ins Gespräch gekommen sei? „Nee, noch gar nicht, aber vielleicht ergibt sich ja noch was.“

© Simon Röhricht
Alina, 26, aus Mitte läuft zeitweise ebenfalls alleine, berichtet aber, sie habe bereits einige Menschen kennengelernt. „Ich brauche nur manchmal meine Pausen, Social-Battery-Pausen. Dann schließe ich mich wieder an und finde die Leute wieder.“

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1700 Menschen hatten sich angemeldet
An roten Ampeln teilt sich die Gruppe immer wieder auf. Zudem nimmt sie viel Platz ein, immerhin rund 300 Menschen laufen in der Spitze mit. Damit sind es ähnlich viele Menschen wie bei der ersten Ausgabe des Spazierclubs am vergangenen Sonntag, obwohl sich diesmal weitaus mehr Personen über WhatsApp angemeldet hatten, nämlich 1700.
Fußgänger mit Kinderwagen oder Radfahrer müssen ausweichen und wirken mitunter genervt. Gleichzeitig bekommt der Tross auch Zuspruch von der Straße. Ein Uber-Fahrer hupt mehrfach und winkt den Spaziergängern freudig zu. Manchmal weichen Teilnehmende auch selbst auf die Straße aus.

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Auch Mustafa, 19, aus Steglitz und Berat, 18, aus Neukölln haben die Werbung für den Spaziergang auf TikTok gesehen und sind gemeinsam gekommen. Berat war bereits beim ersten Termin in der Vorwoche dabei. „Da waren die Leute aber noch etwas offener, einander kennenzulernen, diesmal haben sich schon feste Grüppchen gebildet“, sagt er.
Socializen im Selfie-Modus
„Handys mal weglegen und wieder bisschen socializen“, hatte Mitorganisatorin Nouri Delbi, Influencerin und Unternehmerin, das gemeinsame Ziel noch in einem Ankündigungsvideo beschrieben. Tatsächlich fällt auch der Spaziergang immer wieder in die mediale Selbstinszenierung zurück.
Die Organisatoren haben Livestreams auf TikTok und Twitch eingerichtet, zwei Männer filmen den gesamten Spaziergang auf ihren Handys. Auch viele Teilnehmende zücken regelmäßig ihre Smartphones und präsentieren sich im Selfie-Modus als Teil des Events.
Angekommen in der Lindenstraße, kurz vor dem Straßenfest zum Karneval der Kulturen, verkündet Organisator Allan Anders feierlich: „Wir haben die 10.000 Schritte voll.“ Das Smartphone des Tagesspiegel-Reporters zeigt bloß 9000 Schritte an. Trotzdem jubeln die Teilnehmenden. Der Hype und die reale Welt fallen manchmal eben etwas auseinander.
