Belfast im Ausnahmezustand: Angst vor neuer Gewalt


Schon lange bevor es am Donnerstag in Belfast dunkel wird, haben die Geschäfte geschlossen. Die Sorge vor einer dritten Nacht mit Ausschreitungen und brennenden Häusern ist zu groß. Mitarbeiter, die in Pubs servieren oder in Hotels Gäste in Empfang nehmen, wissen nicht, wie sie nach Hause kommen sollen. Den zweiten Tag in Folge hat der Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs am späten Nachmittag den Betrieb eingestellt. Mannschaftswagen der Polizei rasen die Straßen rauf und runter.

Von 17.30 Uhr an fährt an diesem Donnerstag kein Bus mehr, später wird auch der Zugverkehr eingestellt. Die Erinnerung an den zwei Tage zuvor in Flammen stehenden „Glider-Bus“, der den Osten und den Westen der Stadt miteinander verbindet, sitzt den Menschen in den Knochen. In der Hauptstadt von Nordirland mit ihren etwa 350.000 Einwohnern herrscht der Ausnahmezustand.

Gerippe des „Glider-Busses“ im Osten Belfasts am Mittwoch
Gerippe des „Glider-Busses“ im Osten Belfasts am MittwochAFP

Am Dienstag war es in Belfast zu massiven Ausschreitungen gekommen. Viele Menschen hatten sich als Reaktion auf einen Messerangriff, bei dem ein sudanesischer Flüchtling auf einen 40 Jahre alten Mann eingestochen haben soll, versammelt. Berichten zufolge zogen vermummte Randalierer in mehreren Vierteln Belfasts von Haus zu Haus, um nach Ausländern zu suchen. Häuser und Autos wurden in Brand gesetzt. Der Täter ist wegen versuchten Mordes angeklagt; das Opfer liegt mit schweren Verletzungen noch im Krankenhaus.

Sorgen vor neuem Gewaltausbruch

Zwei Tage später hat sich die Lage etwas beruhigt: Feuer wird am Donnerstagabend nur noch an einer Stelle gelegt: Ein Haus in Newtonabbey, im Norden von Belfast, wird angezündet, wie Polizei und Feuerwehr bestätigen. In der Nähe des Hauses soll in der Nacht eine kleine Gruppe von Menschen eine Straße blockiert haben, ähnlich wie zuvor im Osten der Stadt.

Bilder von brennenden Barrikaden, fliegenden Mülltonnen und vermummten Personen, wie am Dienstag und Mittwoch, gibt es nicht mehr. Die Polizei muss auch keine Wasserkanonen oder Gummigeschosse einsetzen, um der Lage Herr zu werden. Dennoch erklären Einwohner Belfasts aus Angst vor einem neuen Ausbruch der Gewalt auch am Donnerstag bestimmte Gegenden der Stadt weiterhin zu „No-go-Areas“.

Der Minister für Nordirland im Kabinett des britischen Regierungschefs Keir Starmer, Hilary Benn, spricht von einem „Gefühl der Angst“, das sich in Belfast ausbreite. Der stellvertretende Leiter der nordirischen Polizei, Ryan Henderson, sagt bei einer Pressekonferenz, „unsere Gemeinden in Nordirland verdienen es, wieder zur Normalität zurückzukehren“. Doch die liegt in Belfast noch in weiter Ferne: Henderson betont, Geschäfte würden vorerst nicht öffnen, Busse könnten nicht fahren, und Schulen müssten früher schließen.

Starke Polizeipräsenz auf den Straßen von Belfast am Donnerstag
Starke Polizeipräsenz auf den Straßen von Belfast am Donnerstagdpa

Debatte über Freizügigkeit neu entfacht

Die Messerattacke lässt derweil Diskussionen über die „Common Travel Area“ zwischen Nordirland und der Republik Irland wieder aufleben. Der Messerangreifer war von Dublin aus mit einem Bus in das Vereinigte Königreich eingereist, um dort Asyl zu beantragen. Der Vorsitzende der Regierungspartei „Democratic Unionist Party“, Gavin Robinson, forderte im Unterhaus in London die Schließung der Grenze zur Europäischen Union. Der Mann sei durch zwei sichere Länder gereist, bevor er in Großbritannien Asyl „in Rekordzeit“ bekommen habe, so Robinson.

Ein Sprecher der britischen Regierung erklärte am Mittwoch, die Kontrollen  „illegaler Migranten“ in Nordirland würden verschärft. Details dazu, wie das genau funktionieren solle, nannte er nicht. Der Ankündigung waren Gespräche zwischen der irischen und britischen Regierung über Maßnahmen vorausgegangen, wie strengere Kontrollen umgesetzt werden können, um einen „Missbrauch“ offener Grenzen zu verhindern.

Wie der „Guardian“ berichtete, gab das britische Innenministerium in der Nacht auf Freitag bekannt, dass es im vergangenen Jahr mehr als 900 „Einwanderungsstraftäter“ festgenommen habe, die die offene Landgrenze missbraucht hätten.

Wann die Normalität nach Belfast zurückkehrt, ist ungewiss. Noch am Donnerstag hatte die nordirische Polizei Verstärkung aus dem gesamten Vereinigten Königreich erhalten. In den sozialen Medien wurden weitere Proteste angekündigt. Der stellvertretende Leiter der nordirischen Polizei Henderson kündigte harte Maßnahmen gegen die Randalierer an, nach denen teilweise noch gefahndet wird, an: „Dieses gewalttätige Verhalten einer gewalttätigen Minderheit wird nicht toleriert.“



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