Bahn, Baby: Kleinkinder lieben Zugfahren
Es gibt wenig Möglichkeiten, lange Strecken mit kleinen Kindern zu überwinden, ohne sich selbst auf dem Weg zu verlieren. Als meine Freunde Kinder bekamen, versuchten sie es, bepackten ihre Autos mit Sandförmchen und brachen nachts auf. Manche von ihnen kamen nie dort an, wo wir uns verabredet hatten, andere weigerten sich, es im nächsten Jahr noch einmal zu versuchen. Sie begannen zu meinem Entsetzen, in Bauernhöfen zu übernachten. Ich kenne Leute, die mit ihren Kindern im eigenen Garten schlafen und dabei so tun, als hätten sie Urlaub.
Als ich ein Kind bekam, glaubte ich wie jede Generation von Eltern vor mir, ich könnte die Weichen anders stellen. Im Zug fuhr ich mit dem Baby kurz nach seiner Geburt quer durchs Land, es schien unbeeinträchtigt. Das stärkte mein Selbstvertrauen.

In seinem ersten Jahr fuhr ich mit dem Baby ein paarmal nach Berlin, an die Ostsee und in die Uckermark. Es rollte sich jetzt über den DB-Teppichboden und aß seine Fusseln. In deutschen Zügen entscheidet man sich als Mensch mit Kind zwischen einem großen Familienabteil und der Enge eines Familienbereichs. Sitzt in diesen Kabinen niemand, ist es das Paradies. Gerät man an die falschen Eltern, ist es akustische Folter.
Auf dem Gang wiederum kann es, wenn das Baby nicht kooperiert, wovon auszugehen ist, unangenehm für die Selbstwahrnehmung werden. Es ist eine schweißtreibende Gratwanderung. Einmal, als wir wieder nicht genug oder das falsche Spielzeug dabeihatten, überreichte mir eine Mutter mitfühlend ein buntes Objekt, das sich drehte und das Baby für sagenhafte zehn Minuten zur Ruhe brachte. Als ich das Spielzeug zurückgeben wollte, stellte ich fest, dass es überall mit Milchschleim benetzt war, auch an Stellen, wo eine Säuberung definitiv unmöglich war.
Im Großen und Ganzen liefen die Bahnfahrten aber gut. Vor Kurzem wagte ich mich deshalb auf eine längere Reise, eine Art Interrail mit Kind. Im ersten Abschnitt waren wir zu dritt. Als ich kurz weg war, sprach eine Frau auf der anderen Seite des Abteils meine Begleiterin an und erklärte ihr streng, wie mit einem Kleinkind umzugehen wäre. Ich kam wieder, und die Frau las, scheinbar unbeteiligt, in einem dicken Buch mit pink Cover.
„Hier sieht es aber aus“
Als das Baby und ich am Brenner ankamen, jetzt zu zweit, trafen wir auf zwei Jungs von sechs und neun Jahren. Sie hatten ein Spiel dabei, bei dem man Karten schnell abwerfen und dabei „Pizza“ oder „Ziege“ schreien musste, auf den Karten war etwas anderes zu sehen, es war verwirrend. Den Kindern fiel das Spiel leicht, ich dagegen rief jedes Mal das Falsche, während mein Reisebegleiter die Erdbeeren unserer Mitfahrer verzehrte. Dann nahmen uns die Eltern der Jungen das Spiel weg, wegen des Krawalls.
Im nächsten Zug, einem österreichischen, kam eine Schaffnerin an unserem Platz vorbei und sagte: „Hier sieht es aber aus.“ Es war unklar, wie sie es meinte, vielleicht anerkennend? Später begegneten wir der Frau noch einmal. „Jetzt darfst du schlafen“, sagte sie zum Kind, das gerade ächzend eine Stufe erklomm, und tatsächlich, es war Schlafenszeit, aber das Kind war anderer Meinung.

Danach fuhren wir nur noch in italienischen Zügen. Man wird dort als Mutter nicht nach einem Ticket gefragt. Hilfsbereite Schaffner tragen einem Taschen hinterher und scherzen mit Kleinkindern. Die italienischen Bahnen mochten das Kind und ich am liebsten, auch weil dort spätabends trunkene Jugendliche saßen, die es belästigen konnte.
Am letzten Tag der Reise betrat das Kleinkind den Bahnsteig, als wäre es sein Revier. Im Zug ließ ich mich nieder, es sah mich verständnislos an, was war mit mir los? Wir waren doch auf Abenteuerreise. Ich hatte nicht das Gefühl, Urlaub gehabt zu haben. Aber die Sache mit dem Reisen läuft bestens.
