Anthropic und Open AI geben Gas
Es ist eine Geschichte mit Hollywood-Potenzial. Die Zutaten: zwei ehrgeizige Nerds, die mit harten Bandagen und langem Atem um die Vorherrschaft bei der Künstlichen Intelligenz ringen. Auch inklusive: überraschende Wendungen. So zum Beispiel, dass Dario Amodei, der Chef von Anthropic, vor Kurzem die KI-Welt aufforderte, eine Pause bei der Entwicklung einzulegen, weil die Menschen die Kontrolle verlieren könnten.
Oder, dass er nur wenige Tage vorher bei der Börsenaufsicht SEC Unterlagen für einen Börsengang eingereicht hat. Damit kamen die Entwickler von Claude den Machern von ChatGPT zuvor, die erst eine Woche später den Sprung an die Wall Street ankündigten und die entsprechenden Unterlagen einreichten.
Der Moment scheint derzeit gut. Die Börsen sind im Aufwind und KI ist in aller Munde. Hinzu kommt, dass Anthropic derzeit mit 965 Milliarden US-Dollar bewertet wird. OpenAI kommt auf 852 Milliarden US-Dollar. Ein Börsengang könnte beide also in die Liga der Billionen-Unternehmen bringen. Nur wenige Unternehmen wie Nvidia, Apple, Alphabet, Amazon, Meta oder Tesla sind mehr als 1000 Milliarden US-Dollar wert. Zum Vergleich: Das derzeit größte deutsche Unternehmen Siemens wird an der Börse mit 230 Milliarden US-Dollar bewertet.
Wofür wird das viele Geld benötigt?
Die Analysefirma Gartner geht davon aus, dass die weltweiten Ausgaben für Künstliche Intelligenz weiter stark wachsen und bereits in diesem Jahr mehr als 2,5 Billionen US-Dollar betragen werden. Den größten Posten macht dabei die Bereitstellung von KI-Infrastruktur aus (siehe Grafik). Dazu gehören vor allem der Bau und die Anmietung von großen Datenzentren, in denen Rechenleistung bereitgestellt wird.
Bisher haben Anthropic und OpenAI ihr Kapital aus sogenannten Investitionsrunden geholt. Dabei beteiligen sich Firmen oder Fonds früh an Unternehmen und hoffen auf deren Erfolg. Harrison Rolfes, Analyst von PitchBook, rechnet vor, dass OpenAI so seit Gründung bereits 185,9 Milliarden US-Dollar einsammeln konnte; Anthropic liegt mit 126,8 Milliarden US-Dollar darunter.
Wer macht das Rennen?
Für die meisten Finanzexperten ist klar, dass Anthropic an der Börse bessere Aussichten auf Erfolg hat. Analyst Harrison Rolfes schreibt auf DW-Anfrage: „Anthropic hat die bessere Börsen-Story, und dabei sind es vor allem die Zahlen, die überzeugen.“ So werde das Unternehmen dieses Jahr mit einem prognostizierten Umsatz von 47 Milliarden US-Dollar deutlich mehr verdienen als OpenAI, das auf 30 Milliarden US-Dollar kommt. Und das bei insgesamt weniger eingesammeltem Kapital.
Hinzu komme, dass sich Anthropic vor allem an Unternehmen richte. „Mehr als 1000 Firmen geben schon heute jeweils mehr als eine Million US-Dollar im Jahr für Anthropic aus“, so Rolfes. OpenAI dominiert den Markt im Bereich der Endkunden mit ChatGPT: Zwar habe OpenAI mehr als 900 Millionen wöchentliche Anwender. Die meisten nutzen den Chatbot aber kostenlos, schreibt Rolfes: „Die Monetarisierung einer kostenlosen Nutzerbasis in großem Maßstab ist ein Problem.“
Ähnlich sieht es auch Pedro Domingos, emeritierter Professor für Informatik und Ingenieurwissenschaften an der University of Washington. „Anthropic ist bei den Unternehmensdienstleistungen weiter vorne, und dort wird das meiste Geld herkommen. Aber die Dinge können sich schnell ändern.“ Anthropic habe mehr Nachfrage, aber weniger Rechenleistung. „Vielleicht sollte OpenAI Rechenleistung an Anthropic vermieten, aber dafür hassen sich die beiden Unternehmen zu sehr“, sagt Domingos zur DW.
Derzeit leihen sich beide Unternehmen vor allem Rechenleistung bei den großen Firmen aus. OpenAI bei Microsoft, das an der Firma beteiligt ist. Und Anthropic bei Amazon und zuletzt auch bei Elon Musks Datenzentrum Colossus.
Wer hat die bessere Geschichte?
Das Wettrennen der beiden KI-Schmieden ist auch eines zweier großer Egos. 2021 verließ Dario Amodei OpenAI, weil ihm der Kurs unter Sam Altman nicht mehr gefiel. Zu viel Augenmerk auf Geld, zu wenig auf Verantwortung. Seitdem tritt er mit Anthropic vor allem als Mahner auf. Er fordert eine klare Regulierung von KI, um Risiken vorzubeugen.
Auch beim US-Militär zog er rote Linien: kein Einsatz von Claude für Massenüberwachung und automatisierte Waffensysteme. Das Pentagon stufte Anthropic daraufhin als „Sicherheitsrisiko in der Lieferkette“ ein. Ein drastischer Schritt, der sonst nur auf ausländische Unternehmen angewandt wird.
Die Lücke will Sam Altman nun füllen: Künftig soll Software von OpenAI beim Pentagon zum Einsatz kommen. Im Wettrennen übernimmt Altmans Unternehmen immer häufiger die Rolle des „Bösen“. Das war nicht immer so. Denn der Ruf nach mehr Regulierung und einer verantwortungsvollen KI war die klare Mission bei der Gründung von OpenAI als gemeinnützige Organisation im Jahr 2015. Damit gelang es Altman sogar, wichtige Entwickler von Google zu sich zu locken.
Experten gehen deshalb davon aus, dass es Amodei mit seiner Haltung zumindest in Teilen auch um Marketing geht. Pedro Domingos, Experte für Maschinelles Lernen und Autor des Buches „The Master Algorithm“, ist sich relativ sicher, dass der rasante Erfolg und der damit verbundene Druck Anthropics Selbstbild, dass sie die „Guten“ sind, stark beeinträchtigen wird. „Es werden harte Entscheidungen auf das Unternehmen zukommen, und letztlich werden einige Mitarbeiter von Anthropic aus Wut über den vermeintlichen Verrat das Unternehmen verlassen – so wie damals, als Dario Amodei und andere OpenAI verlassen haben.“
Kampf um die AGI?
Laut Domingos geht es den Unternehmen um die Entwicklung einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz (AGI). Das beschreibt eine KI, die jede menschliche Denkaufgabe bewältigen kann. „Wer auch immer das erreicht, hat einen solchen Vorteil, dass er nicht mehr eingeholt werden kann.“ Das Konzept sei seiner Meinung nach zweifelhaft, sagt Domingos, „aber sie glauben daran“.
„Wer als Erster dort ist, hat noch lange nicht gewonnen“, sagt auch Rolfes von PitchBook. Um mit KI wirklich Geld zu verdienen, benötigt es eine breite Anwendung, Vertrauen von Unternehmenskunden und eine gute Margenstruktur. „Am Ende geht es vor allem darum, welche KI in den größten Unternehmen der Welt eingesetzt wird.“ Das Rennen um die Vormacht bei der KI ist also noch lange nicht vorbei.
Der Artikel wurde am 9.6. 2026 aktualisiert
