Mainz 05: „Bayern München ist nicht unser Gradmesser“



Sicher, hinterher konnten sie auf die „unfassbare Qualität“ (Paul Nebel) verweisen, die der Gegner eingewechselt hatte. Oder auf die „komplett andere Mannschaft“ (Phillipp Mwene), die ihnen nach der Hereinnahme von Harry Kane, Michael Olise und Jamal Musiala gegenüberstand. Aber reichte das als Begründung dafür aus, dass der FSV Mainz 05 gegen den FC Bayern München ein vor der Pause erspieltes 3:0 nach dem Seitenwechsel aus der Hand gab und die Partie mit 3:4 verlor? Nein, das reichte nicht. Dafür leisteten die Rheinhessen zum Werk des deutschen Meisters auch ihren eigenen Beitrag.

„Wir waren einfach nicht mehr gut“, fasste Urs Fischer dieses Zutun zusammen. Nach einer großartigen ersten Halbzeit habe seine Mannschaft „den Betrieb fast eingestellt“. Entgegen der Mahnungen in der Pausenansprache, sich bloß nicht zurückzuziehen und im Kopf zu haben, die Führung zu verteidigen, hatten seine Leute genau das gemacht. Keine Spur mehr von den zahlreichen Kontern nach Ballgewinnen im Mittelfeld, fast alle vom herausragenden Kaishu Sano eingeleitet, keine Torgefahr mehr, wie sie beispielsweise Nadiem Amiri ausgestrahlt hatte, dessen erste 45 Minuten einem Bewerbungsschreiben für Julian Nagelsmanns WM-Kader gleichkamen.

Nach dem vierten Gegentreffer verzeichneten die Mainzer noch mal eine mehrminütige Ballbesitzphase, in der sie sich dem Münchner Strafraum annäherten, doch erst in der sechsten Minute der Nachspielzeit gab Sano einen Schuss aus der zweiten Reihe ab, der das Prädikat „einigermaßen gefährlich“ verdiente. Bis dahin ließen sie sich über Gebühr von Vincent Kompanys Starjokern beeindrucken. Wenn Michael Olise zu seinen geschmeidigen Soli ansetzte, wirkten sie mitunter wie das sprichwörtlich vor der Schlange erstarrte Kaninchen.

Paul Nebel: „Wir kamen nicht mehr gut in die Zweikämpfe“

Dass Nicolas Jackson nur acht Minuten nach Wiederbeginn verkürzte, tat ein Übriges, um die Mainzer ihres Mutes zu berauben. „Wir sind zu passiv geworden, aber sie haben uns auch hinten reingedrückt“, sagte Mwene. „Sie sind nicht von ungefähr die beste Mannschaft Europas.“ Ihre Passivität allerdings mussten die 05er sich selbst ankreiden. „Weil wir oft zu weit weg von den Leuten standen, kamen wir nicht mehr gut in die Zweikämpfe“, merkte Nebel an. Auch beim 3:2 durch Olise, der im Strafraum von rechts nach innen zog und den Ball mit links im entfernten Winkel versenkte.

In diesem Fall allerdings nahm Fischer seine Verteidiger sogar in Schutz, indem er einen Vergleich zwischen Olise und Arjen Robben zog. „Die Bayern hatten schon mal einen Spieler, von dem du eigentlich wusstest, was er macht, und den du trotzdem nicht verteidigen konntest“, sagte der Mainzer Trainer. „Ein sensationelles Tor.“ Kompany fand den Treffer „total absurd, dieser Ball darf nicht reingehen. Aber Michael hat die Latte in den letzten Wochen so hoch gelegt, dass ich fast enttäuscht gewesen wäre, wenn er nicht reingegangen wäre.“ Musiala und Kane drehten die Begegnung mit zwei Treffern in der 81. und 83. Minute.

„Bayern München ist nicht unser Gradmesser“, sagte Phillipp Mwene. In der Gesamtbetrachtung stimmt das, doch nach dieser ersten Halbzeit machte der Außenverteidiger seine Kollegen und sich damit kleiner als angebracht. Bei aller Weltklasse, die ihnen im zweiten Durchgang gegenüberstand: Vier Treffer binnen 45 Minuten darf man sich auch von diesem Starensemble nicht einschenken lassen.

Freilich hätten die 05er selbst ähnlich vorlegen können, selbst vier oder fünf Tore waren möglich, wie Vincent Kompany einräumte. Vor dem 1:0 wehrten die Bayern eine Ecke zu kurz ab, Sano eroberte den Ball artistisch mit einer halben Drehung in der Luft, legte ihn halbhoch zurück, und Dominik Kohr vollendete volley per Aufsetzer (15.). Beim 2:0 setzte sich Sano im Mittelfeld durch, schickte Amiri, der zwar mit einem Flachschuss durch die Beine von Kim an Jonas Urbig scheiterte. Der nachsetzende Paul Nebel aber ließ dem Keeper keine Chance.

Und in der Nachspielzeit der ersten Hälfte eröffnete der Japaner den Spielzug erneut aus dem Zentrum auf Amiri, der schräg draufhielt; Urbig lenkte den Ball mit einer sensationellen Parade ans Lattenkreuz. Allerdings hatte die Kugel so viel Drall, dass sie zum zweiten Pfosten flog und womöglich von selbst ins Tor gesprungen wäre, hätte Sheraldo Becker ihn nicht hineingedrückt. „Aber um die Bayern in dieser Saison zu schlagen, reicht ein 3:0 nicht“, konstatierte Urs Fischer. „Dazu braucht es überzeugende 90 Minuten.“



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