Sudetendeutscher Tag in Tschechien – ganz normal?
Picknick und Proteste: Der erste Sudetendeutsche Tag in Tschechien an diesem Pfingstwochenende (22. bis 25. Mai) fand in einer angespannten Atmosphäre statt. Doch die Zeichen der Versöhnung überwogen.
Die Veranstaltung wurde von „Meeting Brno“ausgerichtet. Das multigenre Kulturfestival in der tschechischen Stadt Brünn konzentriert sich auf offenen Dialog und gegenseitiges Verständnis und Versöhnung im deutsch-tschechischen Verhältnis.
„Die Frage ist nicht, warum das Sudetendeutschentreffen hier stattfindet, sondern warum es hier nicht schon früher stattgefunden hat, denn dies ist ihr Herkunftsland“, sagte Petr Kalousek, Mitbegründer von Meeting Brno.
„All diese Menschen — oder ihre Vorfahren und Familien — haben mehr als 800 Jahre lang mit uns gelebt, oder wir lebten gemeinsam im selben Land.“
Von Bayern nach Brünn
Bisher hat die Sudetendeutsche Landsmannschaftihr jährliches Treffen stets in Bayern abgehalten. Zur Gruppe der Sudetendeutschen gehören Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben wurden.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, der an dem Treffen in Brünn teilnahm, lobte die Initiative. „Ihr seid wahre Brückenbauer“, erklärte er in einem TV-Interview. Es gehe nicht darum, Schuld gegeneinander aufzurechnen. „Die europäische Freundschaft“, so der Minister, „ist das Bollwerk gegen jeden neuen Nationalismus.“
Boykott im Parlament
Die Veranstaltung hatte im Vorfeld Proteste ausgelöst. Einige tschechische Abgeordnete warfen den Veranstaltern „Geschichtsrevisionismus“ und „Relativierung von NS-Verbrechen“ vor.
Das tschechische Parlament machte in einer öffentlichen Erklärung seine Ablehnung des Treffens deutlich. Auch in Brünn selbst kam es zu Protesten. Sie wurden von der ultrarechten tschechischen Partei „Svoboda a přímá demokracie“ (deutsch: Freiheit und direkte Demokratie) organisiert.
Die Partei lehnt das Treffen ab und wirft sudetendeutschen Organisationen vor, die Nachkriegs-„Beneš-Dekrete“ aufheben zu wollen, durch die deutsches Eigentum beschlagnahmt und ethnischen Deutschen die Staatsbürgerschaft entzogen wurde.
„Auch Sudetendeutsche haben aus Geschichte gelernt“
Diesen Vorwurf weist Bernd Posselt, Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der wichtigsten Organisation der Sudetendeutschen, zurück. Posselt betonte, die Landsmannschaft strebe nicht mehr an, die Nachkriegsordnung infrage zu stellen.
Im Jahr 2015 nahm die Organisation einige wichtige Änderungen an ihrer Satzung vor und strich unter anderem Bezüge zu Entschädigungen und zur Rückforderung von Land.
Posselt, ein ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments für die bayerische CSU, sagte der Deutschen Welle, die Organisation wolle eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
„Ich denke, in einer Zeit, in der Krieg und Nationalismus weltweit zunehmen, ist dieses Treffen zwischen uns und unseren tschechischen Freunden sehr wichtig“, so Posselt. „Es zeigt, dass wir als Europäer und Mitteleuropäer aus der Geschichte gelernt haben – auch wir Sudetendeutschen.“
Gedenken an Brünner Todesmarsch
„Wir verurteilen aufs Schärfste, was die deutschen Nationalsozialisten, einschließlich vieler Sudetendeutscher, dem tschechischen Volk angetan haben. Aber wir bitten auch die Tschechen – und wir haben viele tschechische Freunde -, sich mit den dunklen Seiten ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen„, so Posselt.
Zu diesen „dunklen Seiten“ gehört auch das Gedenken an den Brünner Todesmarsch vom Mai 1945. Damals wurden Zehntausende ethnische Deutsche aus der Stadt in Richtung österreichische Grenze getrieben.
Seit mehr als einem Jahrzehnt organisiert die Initiative „Meeting Brno“ deshalb den sogenannten „Marsch für Frieden, Zusammenleben und Versöhnung“, der den Weg des Todesmarsches in umgekehrter Richtung nachzeichnet.
Nach 1945 flohen etwa drei Millionen Deutschsprachige aus der Region oder wurden aus der Tschechoslowakei vertrieben. Die Vertreibungen waren von den alliierten Mächten gebilligt und auf der Potsdamer Konferenz 1945 formell genehmigt worden.
Historiker schätzen, dass zwischen 15.000 und 30.000 ethnische Deutsche im Zusammenhang mit den Vertreibungen aus der Tschechoslowakei infolge von Gewalt, Krankheiten, Suiziden und harter Lebensbedingungen ums Leben kamen.
Sudetendeutsche stimmten für Nazis
Doch das Thema bleibt in Tschechien weiterhin sensibel, auch wegen der Rolle vieler Sudetendeutscher bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit.
Bei den letzten demokratischen Wahlen vor dem Krieg stimmten etwa zwei Drittel der Sudetendeutschen im Jahr 1935 für die pro-nazistische Sudetendeutsche Partei, die die Angliederung der deutschsprachigen Grenzgebiete an das Deutsche Reich forderte.
„Wir vergessen die Zerstörung der Tschechoslowakei nicht“
Viele Menschen in Tschechien blicken anders auf das Thema. Für sie stehen die Gräuel der NS-Herrschaft im Vordergrund.
So erklärte ein Mitglied des Brünner Gemeinderats kürzlich nach einer Sitzung: „Wir vergessen nicht, was der Nachkriegszeit vorausging. Wir vergessen nicht die Zerstörung der Tschechoslowakei, die Besatzung und die Millionen zerstörter Leben, einschließlich des meiner Großmutter.“
Lange Gespräche am „langen Tisch“
Brünns Bürgermeisterin Markéta Vaňková unterstützt das Treffen trotz der politischen Auseinandersetzungen. Und auch Tschechiens Staatspräsident Petr Pavel setzte ein Zeichen: Er übernahm die Schirmherrschaft für die Veranstaltung und traf mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder zusammen.
Auch die einheimische Bevölkerung kam während der Veranstaltung mit den Sudetendeutschen ins Gespräch. Zum Auftakt des Sudetendeutschen Tags trafen sich Einheimische und Gäste im Zentrum der Stadt an einem „langen Tisch“. Das politische Picknick wurde von Tanz und Musik begleitet.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert und aktualisiert.
