Ewa Pajor gewinnt die Champions League mit Barcelona: Die Vollendung einer der Besten – Sport


Als Ewa Pajor auf dem Platz zum üblichen Interview vor die Kamera trat, war sie gar nicht bereit zu reden. Die 29-Jährige wirbelte noch mitten durch den Strudel ihrer Emotionen, „das ist besonders, das ist besonders“, brachte sie hervor und musste durchschnaufen. Einen Satz später kippte ihre Stimme, die Tränen kamen, mit dem Trikot wischte Pajor die salzigen Tropfen weg. Fünf Endspiele hatte die polnische Nationalspielerin in der Champions League verloren. 2016, 2018, 2020, 2023 mit dem VfL Wolfsburg, 2025 mit dem FC Barcelona. Wie ein Fluch muss es Pajor vorgekommen sein, jedes Mal so kurz vor dem Ziel zu scheitern. Dreimal war OL Lyonnes zu stark, und ausgerechnet auf ihren persönlichen Angstgegner traf Pajor auch in ihrem sechsten Finale mit dem FC Barcelona.

Erst wirkte es ganz so, als werde sich Pajors Serie sich auch im Osloer Ullevaal-Stadion fortsetzen. Denn statt wie gewohnt ihre Gegner zu dominieren, mussten Barças Fußballerinnen damit klarkommen, dass OL um die deutsche Nationalspielerin Jule Brand die Kontrolle behielt, auf mehr Ballbesitz und mehr Torchancen kam. Lyons zusätzlicher Trumpf in diesem Duell der besten europäischen Teams war Trainer Jonatan Giráldez, der ab 2019 erst als Co- und von 2021 bis 2024 als Chefcoach der Katalaninnen gearbeitet hatte – mit seinem Nachfolger Pere Romeu als Assistent. Mehr Insider-Wissen geht kaum. Nur half selbst das dem Rekordsieger nicht bei der Mission, nach 2022 zum neunten Mal zu triumphieren. Denn Ewa Pajor hatte beschlossen, dass dieses Finale das ihrige werden würde. Zweimal schlug sie nach der Pause zu (55./69. Minute) und veränderte die Dynamik des Spiels. Die Treffer von Salma Paralluelo (90./90.+3) waren die schöne Zugabe.

Dieser Abend gehörte Pajor, die diesem einen Titel ihr ganzes Fußballleben hinterhergejagt war. „Ich habe fünf Endspiele verloren, aber ich habe immer daran geglaubt, dass wir es eines Tages mit diesem großartigen Team schaffen würden“, sagte sie danach: „Dieses Team hat mich dazu gebracht, eine bessere Spielerin und auch ein besserer Mensch zu werden.“ Das sei der beste Tag ihres Lebens. Dass sie sich selbst erlöst hatte, gab dem Ganzen eine besondere Note. Und wo sonst oft das Mittelfeldbollwerk um Patri Guijarro, Alexia Putellas und Aitana Bonmatí im Mittelpunkt steht, war es nun Pajor. Caroline Graham Hansen, selbst eine Offensivkünstlerin, für die dieser Titel vor heimischem Publikum auch ein besonderer war, erzählte: „Alle freuen sich einfach so sehr für sie, und es ist natürlich fantastisch für das Team, eine Stürmerin wie sie zu haben, die in diesem Jahr elf Tore erzielt hat. Endlich hat sie in einem Finale für uns getroffen.“

Wenn sie Tore verschenken könnte, anstatt sie selbst zu erzielen, würde sie genau das tun.

Barcelona-Trainer Pere Romeu

Mit diesen elf Treffern hat Pajor als erfolgreichste Torjägerin dieser Champions-League-Saison Alessia Russo von Titelverteidiger Arsenal überholt. Aber das Kunstwerk dieser Instinktfußballerin wird erst vollständig, wenn auch die Farbe der anderen Wettbewerbe dazugemischt wird: In 40 Partien für den FC Barcelona hat sie 32 Mal getroffen und damit erheblichen Anteil am Triple aus Champions League, Pokal und Meisterschaft gehabt. Ohne eine wochenlange Pause aufgrund einer Knieverletzung wären es noch mehr geworden. Mit ihrer Geschwindigkeit, Technik, Kreativität und Zweikampfstärke macht sie Barças Angriff enorm gefährlich. Die Krönung in der Königinnenklasse steht für die Vollendung von Pajor, deren Erfolge in ein ganzes Land abstrahlen. Was Robert Lewandowski bei den Männern ist, ist Ewa Pajor bei den Frauen: Sie steht im Mittelpunkt als Leitfigur einer ganzen Sportart.

Solange beide für den gleichen Klub spielten, tauschten sie sich ab und zu aus – Pajor fand auch Inspiration bei ihrem Kollegen: „Er ist ein fantastischer Stürmer. Ich schaue mir einige seiner Tricks an und wie er sich bewegt.“ Lewandowski hat sich diesen Sommer verabschiedet, nun ist Pajor Polens Starspielerin bei Blaugrana. Und wohl noch mehr als der 37-Jährige trägt die stets zurückhaltend auftretende Pajor dabei den ganzen Frauenfußball ihrer Heimat auf ihren Schultern, ist das große Vorbild für so viele und treibt mit ihrem Spiel die Entwicklung voran.

Alexia Putellas trägt den Pokal davon: Mit Champions-League-Titel Nummer vier nach 2021, 2023 und 2024 krönen die Fußballerinnen des FC Barcelona eine Saison, die außerhalb des Platzes schwierig begann, mit dem Triple.
Alexia Putellas trägt den Pokal davon: Mit Champions-League-Titel Nummer vier nach 2021, 2023 und 2024 krönen die Fußballerinnen des FC Barcelona eine Saison, die außerhalb des Platzes schwierig begann, mit dem Triple. Bernadett Szabo/Reuters

Wie bei Lewandowski wuchs die Aufmerksamkeit, als sie zur Saison 2015/16 als 18-Jährige von Medyk Konin in die Bundesliga wechselte. Mit dem VfL Wolfsburg gewann Pajor fünf Meisterschaften und neunmal den DFB-Pokal. Als sie sich nach neun Jahren verabschiedete, hatte sie in 196 Pflichtspielen 137 Tore erzielt. Beim FC Barcelona traf sie in ihrem ersten Jahr in 47 Partien 44 Mal. 2024 und 2025 wurde Pajor als erste Polin für den Ballon d’Or nominiert. 2013 hatte die U17 mit Pajor den EM-Titel geholt, 2025 nahm das polnische Team dank ihres Könnens erstmals an einer Europameisterschaft teil. Und der polnische Verband PFA kam sicherlich nicht zuletzt wegen der Popularität seiner Kapitänin und Rekordtorschützin auf die Idee, sich für die EM 2029 zu bewerben.

Wer angesichts all dessen vermutet, Pajor zähle zu jener Sorte von Stürmerinnen, die bei ihrem Aufstieg aus einem kleinen polnischen Ort an die Weltspitze ein ausgeprägtes Ego entwickelt haben, dessen Bild rückte Romeu zurecht. Diese Spielerin, sagte Barças Coach, zeige stets die Bereitschaft, das Team über sich selbst zu stellen: „Ich bin mir sicher: Wenn sie Tore verschenken könnte, anstatt sie selbst zu erzielen, würde sie genau das tun.“

Mit diesem Sieg sendeten aber auch Barcelonas Fußballerinnen als Team eine Botschaft. Nicht nur, dass sie die Königinnen Europas sind. Ebenso war dies ein Zeichen der Resilienz in Richtung Vereinsführung. Denn wie hatte diese Saison begonnen? Diverse Spielerinnen mussten den Verein verlassen, bis der Kader kurz vor dem Auftakt auf 17 Spielerinnen geschrumpft war – weil wegen des gigantischen Schuldenbergs der Männer an allen Ecken gespart werden musste. Dass die Fußballerinnen sich selbst tragen und dem Verein als Nebeneffekt all ihrer Titel auch Einnahmen bescheren, spielte angesichts der Financial-Fair-Play-Regelung der spanischen La Liga keine Rolle. Der Kader wuchs noch auf 20 Spielerinnen an und angesichts der Situation womöglich noch enger zusammen, die Abstrahleffekte sind aber weiterhin spürbar.

Selbst um Mapi León und Vereinsikone Alexia Putellas wabern Wechselgerüchte. Putellas stand in mehr als 500 Pflichtspielen für Barça auf dem Platz und hat hier mehr Titel gewonnen als Lionel Messi. Barça ohne Putellas? Kaum vorstellbar. Aber ihr Vertrag läuft zum Saisonende aus und wie León wird die 32-Jährige mit den London City Lionesses in Verbindung gebracht. Ein Klub der finanzstarken englischen Women’s Super League, der zum Portfolio von Investorin Michele Kang gehört – wie OL Lyonnes. Vielleicht also steht dieser vierte Champions-League-Erfolg des FC Barcelona bald nicht nur für die Versöhnung von Ewa Pajor mit diesem Wettbewerb. Sondern auch für das Ende einer Ära.



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