Englands WM-Kader: Thomas Tuchel lässt große Namen daheim und zieht es tatsächlich durch – Sport
Mit der sportlichen Redewendung „Form schlägt Klasse“ hat Thomas Tuchel besonders gute Erfahrungen gemacht. Seinen größten Erfolg feierte er vor fünf Jahren als Trainer des FC Chelsea mit dem Gewinn der Champions League. Nur eine Halbsaison nach seinem Amtsantritt bezwang Chelsea damals das favorisierte Manchester City; die Stärke seiner Mannschaft lag insbesondere in ihrer Geschlossenheit und ihrer positiven Formkurve. Auf diese beiden Eigenschaften setzt Tuchel nun auch als englischer Nationalcoach bei der in drei Wochen beginnenden WM in Nordamerika.
Bei der Bekanntgabe seines Kaders am Freitag betonte Tuchel gleich in seinen „Opening Remarks“, wie der Pressesprecher die Eröffnungsansprache nannte, es gehe ihm darum, die „bestmögliche Mannschaft“ zusammenzustellen – und „nicht unbedingt“ die 26 talentiertesten Spieler. Zuvor hatte der Deutsche lediglich die Zuhörer begrüßt und eine Wasserflasche geöffnet. Zur Begründung führte er an, dass der ewige Sehnsuchtstraum vom ersten Titel seit dem WM-Heimsieg 1966 „nur als echtes Team“ erreicht werden könne.
Auf diese Weise versuchte Tuchel, die Initiative zu ergreifen und dem stets nach großen Persönlichkeiten verlangenden Fußballpublikum auf der Insel den Verzicht auf mehrere Spieler zu erklären, die andere WM-Teilnehmer gerne in ihren Reihen hätten: Trent Alexander-Arnold (Real Madrid), Phil Foden (Manchester City), Cole Palmer (FC Chelsea), Harry Maguire und Luke Shaw (beide Manchester United). Das Quintett dürfte im All-Star-Ensemble jener Profis, die die WM trotz körperlicher Unversehrtheit und erfolgreicher Qualifikation ihres Landes vor dem Fernseher verfolgen müssen, gewiss auftauchen.
Stattdessen erhielten eindeutig weniger renommierte Profis wie Tino Livramento (Newcastle United), Djed Spence (Tottenham Hotspur) und der in der Bundesliga für Bayer Leverkusen spielende Jarell Quansah eine Zusage – sowie der in Saudi-Arabien bei Al-Ahli angestellte Stürmer Ivan Toney. Letzterer gilt als Elfmeterspezialist, könnte aber auf der Reise auch als Hitzekundiger gefragt sein: um seinen in Mitteleuropa aktiven Kollegen die klimatisch anspruchsvollen Verhältnisse in Nordamerika näherzubringen.
Harry Maguire schreibt, er sei „schockiert und zutiefst getroffen“
Tuchels Kommunikationsstrategie schien aufzugehen: Im knapp zwanzigminütigen, von Kameras übertragenen Teil der Fragerunde erkundigte sich kein einziger englischer Reporter nach den genauen Gründen für die Nichtnominierung der genannten Akteure. Entweder, weil sich diese Entscheidungen seit geraumer Zeit angedeutet hatten, oder weil der Schock darüber doch zu groß war, dass Tuchel diese Personalien tatsächlich durchzog. Unter seinem Vorgänger Gareth Southgate standen vier dieser fünf Spieler bei der EM 2024 noch im Kader; Maguire fehlte verletzungsbedingt. Die BBC bezeichnete Tuchel daher als „Anti-Southgate“, der sich nicht vor harten Entscheidungen drücke.

Während Alexander-Arnold, Foden und Palmer gemessen an ihren Fähigkeiten allenfalls mäßige Spielzeiten hinter sich haben, lieferten Maguire und Shaw starke Leistungen bei United ab. Maguire schrieb, er sei „schockiert und zutiefst getroffen“. Tuchel wiederum zeigte sich von diesem öffentlichen Frustbeitrag überrascht, wenngleich er den Hintergrund nachvollziehen könne, sagte er. Für den Abwehrveteranen Maguire, der bei der kommenden EM 2028 im eigenen Land bereits 35 Jahre alt wäre, war es vermutlich die letzte Chance auf einen Titel mit der Nationalelf.
Das Fehlen dieser prominenten Namen wirkt, als habe Tuchel seine Three Lions vor der WM gezähmt. Und vermutlich war genau das auch seine Absicht. Immer wieder betonte der Trainer, dass alle nominierten Profis bereit seien, „uneigennützig zu handeln“, wofür es „Beweise“ gebe. Immerhin verfügt England mit Spielführer Harry Kane (FC Bayern), Jude Bellingham (Real Madrid), Declan Rice und Bukayo Saka (beide vom Meister FC Arsenal) auch so über einen erheblichen X-Faktor. Denn Thomas Tuchel weiß: Am Ende braucht es sowohl Form als auch Klasse.

