Treffen der Sudetendeutschen spaltet Tschechien


Menschen in Prag protestieren gegen das Treffen der Sudetendeutschen.

Stand: 22.05.2026 • 03:57 Uhr

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft ist ins tschechische Brünn eingeladen – eigentlich als Zeichen der Versöhnung. Doch Teile der Regierung und der Bevölkerung wollen das Vertriebenen-Treffen verhindern.

Das Festival „Meeting Brno“ hat die Sudetendeutsche Landsmannschaft nach Brünn eingeladen. Die Vertriebenen und ihre Angehörigen versammeln sich zum ersten Mal in Tschechien und damit in der früheren Heimat. 81 Jahre nach NS-Herrschaft, Krieg und Vertreibung soll dies ein weiterer Schritt der Versöhnung sein.

Doch in Tschechien kochen die Emotionen hoch. Die Organisatoren halten an ihren Plänen fest. Aus Deutschland werden Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erwartet. Viele Vertriebene fanden eine neue Heimat in Bayern.

Proteste in Brünn und Prag

Einige hundert Menschen versammeln sich in den vergangenen Wochen immer wieder, um gegen den ersten Sudetendeutschen Tag in Tschechien zu protestieren. Sie schwenken tschechische Fahnen und halten Stopp-Schilder in die Höhe. Organisiert von außerparlamentarischen Kommunisten oder von der rechten Regierungspartei von Parlamentspräsident Tomio Okamura.

Die aus dem heutigen Tschechien Vertriebenen bezeichnet er als „Nazi-Nachfahren“. Ihr Ziel sei Rache und Rückkehr in die angebliche Heimat gewesen. „Diejenigen, die sich diesen Kriminellen anschließen, haben in unserem Land nichts zu suchen!“ Wenn die Sudetendeutschen Versöhnung wollten, sollten sie Reparationen zahlen.

Der populistische Ex-Präsident Milos Zeman bezeichnet den Verband der Vertriebenen als „Hitlers fünfte Kolonne“. Ihr Treffen in Brünn sei eine Beleidigung der NS-Opfer und des tschechischen Volkes. Dies könne bedeuten, dass es zu einer neuen Welle von Eigentumsansprüchen, Restitutionsforderungen und vielleicht sogar zu einer Rückkehrwelle kommen könnte, meint der 81-Jährige.

Umstrittene Forderung gestrichen

In der Landsmannschaft waren lange Alt-Nazis aktiv. Verschwiegen wird von tschechischen Kritikern aber meist, dass die Sudetendeutschen 2015 auf die missverständliche Forderung auf „Rückgewinnung der Heimat“ verzichtet haben. Kontakte zum revanchistischen Witikobund wurden gekappt. Mit diesem völkischen Verein von Sudetendeutschen pflegt dagegen Okamura Umgang – genau wie mit der AfD.

Im Parlament hat Okamura eine Erklärung durchgeboxt, die das Vertriebenentreffen verurteilt und eine Absage fordert – gegen den Widerstand der gesamten Opposition. „Politiker sollten Brücken bauen und nicht einreißen, begründet Martin Kupka, Chef der konservativen Bürgerdemokraten, den Boykott der Abstimmung. Diese sei eine „Schande“.

Regierungschef Andrej Babis hat seine Meinung mehrfach geändert: Zuerst war das Treffen für den Populisten eine private Bürgerinitiative, mit der sich das Kabinett nicht befasst habe. Dann kritisierte er den Sudetendeutschen Tag in Tschechien doch als einen Fehler. Er habe die Parlamentsresolution nicht im Detail gelesen. Er habe mit seinen Regierungspartnern vereinbart, das Thema innerhalb der Koalition zu regeln. „Deutschland ist unser wichtiger Partner, aber so ist das dann halt gelaufen.“

Auf der Suche nach neuen Feindbildern?

Die Politikbeobachterin Lucie Stuchlikova hält die tschechische Debatte für absurd. Angesichts schlechter Umfragewerte sei der rechte Parlamentspräsident Okamura auf der Suche nach neuen imaginären Feindbildern. Migranten seien derzeit out und wollten außerdem gar nicht wirklich nach Tschechien. Roma als Feindbilder seien „ein alter Hut“. Die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine kämen bei rechten Wählern zwar gut an, seien aber eigentlich günstige Arbeitskräfte. „Was kann man dann doch machen? Nimm einen Sudetendeutschen!“

Mit anti-deutschen Ressentiments konnte Ex-Präsident Zeman 2013 die Wahl gewinnen. Der aktuelle Präsident Petr Pavel übernahm kurzfristig die Schirmherrschaft über das Versöhnungs-Festival, das die Sudetendeutschen eingeladen hat.

Tschechische Regierungsvertreter werden nicht in Brünn teilnehmen. Vorgänger sprachen wiederholt auf Sudetendeutschen Tagen in Bayern – auf Deutsch. Dabei steht auch Babis zur deutsch-tschechischen Aussöhnung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der gemeinsamen Regierungserklärung von 1997. Darin drücken beide Seiten Bedauern über das Leid der jeweils anderen aus und verpflichten sich, in die Zukunft zu blicken.

Hunderttausende Tote im Dritten Reich

Während der Nazi-Besetzung der damaligen Tschechoslowakei starben bis zu 350.000 Menschen. Aufgrund der NS-Verbrechen wurden rund drei Millionen Deutsche nach 1945 vertrieben. Bis zu 30.000 kamen dabei ums Leben. Einer der tödlichsten Vertreibungsmärsche startete in Brünn.

Die gebürtige Brünnerin Katerina Tuckova stieß 2009 eine breite Aufarbeitungswelle an, mit ihrem preisgekrönten Roman über den Leidensweg einer Deutsch-Tschechin. Sie verstehe, dass es Menschen gebe, die nun Bedenken hätten – sei es wegen ihrer Familiengeschichte oder weil sie die Indoktrination des sozialistischen Regimes verinnerlicht hätten, sagt sie.

„Aber ich bin sehr enttäuscht davon, dass Politiker das immer wieder als Mittel nutzen, um Ängste zu schüren. Denn das ist wirklich nichts anderes, als Menschen, die nicht ausreichend informiert sind, in einen Käfig des Hasses zu treiben.“ Und dies könne leicht zum Auslöser für Unruhen werden.



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